Selbst wer Günter Eich nicht kennt, kennt meistens diese Verse: Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen. Es sind die ersten Zeilen des Gedichtes Inventur aus dem Jahr 1948. Sie sind so etwas wie die Merseburger Zaubersprüche der Nachkriegsliteratur. Mit ihnen, so steht es in den Geschichtsbüchern, ist die deutsche Literatur aus den Ruinen des »Dritten Reiches« wiederauferstanden, hat nüchtern, sachlich und bescheiden, wie das sonst nicht ihre Art ist, ihre vier Sachen zusammengesucht und noch einmal von vorn angefangen. Und dieses Noch-einmal-ganz-von-vorn-Anfangen hatte einen schönen altdeutschen Namen: Eich. Einen Besseren konnte es für dieses Projekt nicht geben. Günter Eich, geboren am 1. Februar 1907 in der Mark Brandenburg, gestorben am 20. Dezember 1972 in Salzburg, war weder Emigrant noch unbescholtener Schriftsteller, sondern ein Mann mit Vergangenheit. Manche sagen: mit schwieriger Vergangenheit. In jedem Fall einer, dessen Leinenbeutel bei Kriegsende nicht leer war. Viele sagen: eine sperrige, ungreifbare Person, ein Außenseiter, einer, der sich sein Leben lang in wechselnde Dörfer mit immer unaussprechlicheren Namen zurückzog. Sicher ist: ein Mann mit Courage, einer, der sich ein Leben zutraute an der Seite der hochbegabten Autorin Ilse Aichinger, mit der er zwei Kinder hatte, einer, der grundsätzlich und immer dagegen war, gegen den Erfolg, gegen die Natur, gegen die Zivilisation, gegen die Erwartung des Publikums. Günter Eich war der ideale erste Preisträger der Gruppe 47, der gekrönte Phönix aus der Asche der korrumpierten deutschen Literatur. Günter Eich , 1970. Er starb 1972 BILD

So weit die Legende. Wir wissen, dass sie nicht stimmt. Wir wissen, dass es die berühmte »Stunde null«, den viel zitierten »Kahlschlag« in Wahrheit nie gegeben hat. In der Literatur nicht und auch sonst nirgendwo in Deutschland. Niemand kann wieder bei null beginnen. Auch Günter Eich konnte das nicht, und es ist nicht überliefert, dass er Derartiges im Sinn hatte. Bekannt ist lediglich, dass dieser Antiheld der deutschen Nachkriegsliteratur sich ständig häutete. Immer wieder verleugnete er sein Werk, wollte, als er zu einem sachlichen, gegenwärtigen Ton gefunden hatte, von seinen naturmagischen frühen Gedichten nichts mehr wissen, verleugnete auch die meisten seiner 146 Hörspiele, als er am Lebensende die höhere Blödelei für die deutsche Literatur entdeckte. Seine großen Verkaufserfolge, die Gedichtsammlungen Abgelegene Gehöfte und Botschaften des Regens, ließ er im Alter nicht mehr gelten.

Was war das? Asiatische Höflichkeit und Selbstverleugnung? Eich hat schließlich Sinologie studiert, chinesische Lyrik übersetzt und kam manchem Zeitgenossen überhaupt ziemlich »chinesisch« vor. Wahrscheinlicher ist es, dass Eich besonders empfänglich war für das, was man im Nachhinein den Zeitgeist nennt, und dass eine solche Dünnhäutigkeit der Ausbildung eines stabilen Werk-Egos entgegenstand.

Die Forschung unterscheidet drei große Werkphasen in diesem von der Weimarer Republik bis in die siebziger Jahre reichenden Autorenleben, die romantische, die neusachliche und die experimentelle, und folgt damit nicht nur der Selbsteinschätzung des Autors, sondern auch dem Gang der Geschichte.

Der junge Eich war, was der alte verachtete: sentimental, herzensfromm, naturenthusiastisch, ein Enkel der deutschen Innerlichkeit. Er war beeinflusst von der Lebensreformbewegung und der Zivilisationskritik der Weimarer Zeit, er dekorierte seine Gedichte im Übermaß mit Mond, Himmel und Sternen, zahlte poetisch mit viel zu großer Münze, sparte nicht mit Imponierbegriffen wie Raum, Zeit und Ewigkeit. Er war, wenn man ehrlich ist, in seinen Anfängen kein sehr origineller Dichter. Und doch – oder gerade weil wir uns noch gar nicht so sehr von jener sich nach Lebenssinn verzehrenden Vorzeit entfernt haben – sind die Gedichte des Bande s Abgelegene Gehöfte aus dem Jahr 1948 noch immer in unserer Reichweite. Das Gedicht Winterliche Miniatur lautet:

Übers Dezembergrün der Hügel
eine Pappel sich streckt wie ein Monument.
Krähen schreiben mit trägem Flügel
eine Schrift in den Himmel, die keiner kennt
In der feuchten Luft gibt es Laute und Zeichen:
Die Hochspannung klirrt wie Grillengezirp,
die Pilze am Waldrand zu Gallert erbleichen,
ein Drosselnest im Strauchwerk verdirbt,
der Acker liegt in geschwungenen Zeilen,
das Eis auf den Pfützen zeigt blitzend den Riß.
Wolken, schwanger von Schnee, verweilen
überm Alphabete der Bitternis.

Sieht man über das schreckliche »Alphabet der Bitternis« und die bedeutungsschwangeren Wolken hinweg, spricht dieses Gedicht – Riss und Häutungen hin oder her – von den paar entscheidenden Dingen, die Günter Eich zeit seines Lebens beschäftigen werden: vom Geheimnis, das hinter der sichtbaren Welt verborgen ist, vom Erbleichen und Verderben der Kreatur angesichts der Hochspannung des technischen Zeitalters, von der alten Sehnsucht nach dem Lied in allen Dingen, von der Verzauberungsbereitschaft der Seele, die Anschluss sucht bei allem, was da draußen fliegt, funkelt und grünt – und auch von der Bitternis und der Einsamkeit des deutschen Intellektuellen, der enttäuscht und beleidigt ist, wenn die Welt wieder mal nicht so will wie er. Was hier, am Ende der vierziger Jahre, noch fehlt, ist das Leichte, das Lachen. Lachen konnte Eich erst spät.

Das etwas ungelenke Gedicht zeigt aber auch: Die übliche, nach Grass- oder Goethe-Muster verlaufende Autorenbiografie – genialisches, leichtfüßiges Frühwerk; gravitätisches, marmornes Spätwerk – steht hier kopf. Ganz frei und souverän wird erst das Spätwerk. Dazwischen findet sich zum Beispiel im Gedichtband Anlässe und Steingärten ein so ballastarmes und bewegliches Gedicht wie Timetable:

Diese Flugzeuge
Zwischen Boston und Düsseldorf.
Entscheidungen aussprechen
ist Sache der Nilpferde.
Ich ziehe vor, Salatblätter auf ein
Sandwich zu legen und
unrecht zu behalten.

Da ist er schon mit kleinem, salatblattleichtem Gepäck unterwegs zu einer großen Gelassenheit. Der gewichtige Hauptteil des Lebens wird den Dickhäutern überlassen, die schon bei Eugène Ionesco (im Theaterstück Die Nashörner) das Wappentier der Mitläufer und Okay-Sager waren. Der Rest ist Nahrungsaufnahme. Das lyrische Ich resigniert gewissermaßen auf beiden Backen kauend. Das (amerikanische) Sandwich ist die kalorienschwere Antwort des Westens auf die alteuropäische Lebenssinnfrage. Von Natursehnsucht ist keine Rede mehr, der Himmel ist ein Verkehrsraum, das letzte Grün findet sich zwischen den Zähnen, wo die neue Sachlichkeit schon in den entspannten Zynismus übergeht, den Günter Eich als Erster entdeckt hat und von dem wir uns bis heute nicht erholt haben. Was den alten Eich einzig noch interessiert, ist: »die Fragen aufspüren hinter dem breiten Rücken der Antworten«. Aber das klingt wie vieles bei Eich fast ein bisschen zu gut.

Es ist viel gerätselt worden, warum Eich sich selbst so demontierte, warum er zu rabiater Kompromisslosigkeit neigte und sich mit zunehmendem Alter immer weiter verschloss vor der Verständigungssprache und den niederen Bedürfnissen des Publikums. Mancher glaubte zu wissen, dies hinge mit der rastlosen, jahrelangen Tätigkeit für den nationalsozialistischen Rundfunk zusammen, die es in der Tat verbietet, Eich einen »inneren Emigranten« zu nennen. Kompromittiert hat er sich nicht, wenn man bereit ist, ein paar zeitgeisttypisch aufgedonnerte, phrasenreiche Hörspiele als Jugendsünde eines nach Broterwerb strebenden Lyrikers durchzuwinken. Eichs Ekel vor dem Geschwätz der kommunikativen Vernunft, seinen Abscheu gegen die »gelenkte Sprache«, nur als Bußübung in eigener Sache zu verstehen ist Unsinn. Die Neigung zu verstärkter Sprachhygiene betraf eine ganze Autorengeneration, die sich nach dem Krieg von allem abwandte, was die Welt in den Jahren zuvor sprachlich und mental zusammenhielt. Auch wenn der elitäre Anspruch, dass Literatur »Gegen-Welt« und »Gegen-Sprache« sein soll, heute von einer großzügigen, demokratischen Ausweitung des Literaturbegriffs abgelöst wurde, hat die rigide Sprachskepsis die europäische Literatur doch ein halbes Jahrhundert lang hellwach gehalten.

In seiner Büchner-Preis-Rede aus dem Jahr 1959 hat Eich dem elitären Literaturverständnis ein Denkmal gesetzt und gesagt, worauf es ihm ankam: »Die Sprache der Dichtung also, Mitteilung oder nicht, allenfalls die latente Mitteilung, die präsent wird, keine Dekoration und jedenfalls mehr als der Komfort des Gebrauchs, wo Sprache ihren Platz irgendwo zwischen Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik hat. Die andere Sprache also, die wie die Schöpfung selber einen Teil des Nichts mit sich führt, in einem unerforschten Gebiet die erste Topografie versucht. Sie überrascht, erschreckt und ist unwiderleglich; sie hat die Kraft, Einverständnis zu erwecken, und altert, wenn das Einverständnis allgemein geworden ist.« Ein schönes Pathos, wie wir lange keines mehr gehabt haben, ist in diesem altehrwürdigen Appell für eine freie, schöpferische Sprache, die sich nicht kümmert um den Bedarf des Kühlschrank- und Tourismuswesens. Der mitgelieferte Aufruf zur permanenten Innovation in den Künsten ist inzwischen Literaturgeschichte. Die Maxime, dass Kunst sich ständig überbieten und widerspenstig zeigen müsse, findet heute kaum noch Anhänger. Die Avantgarde ist historisch geworden. Eich wird damit gerechnet haben.

Seine für mich noch immer gültige Hinterlassenschaft sind die verzweifelt-vergnügten Maulwürfe, die bei ihrem Erscheinen im Jahr 1968 so verstörend wirkten, dass sie in der ZEIT gleich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben unterschiedlich rezensiert wurden. Das Hörspielschreiben interessierte Eich im beginnenden Fernsehzeitalter kaum noch. Seine Gedichte wurden zuletzt immer störrischer und unzugänglicher. Die Maulwürfe, kurze, halb verrückte Prosastücke, entsprachen seiner am Lebensende immer heftiger werdenden »Absicht des Anarchischen« am besten. Worum es in den Maulwürfen geht? Schwer zu sagen. Es sind zutiefst heitere, auch blöd komische Einübungen in die Absurdität der Existenz und das Sterben. Sie enthalten sogar einen richtig guten Ratschlag: »Nachher hat man immer recht, man sollte gleich nachher leben.«

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