Hommage zum 100. Geburtstag "Absicht des Anarchischen"Seite 3/3

Es ist viel gerätselt worden, warum Eich sich selbst so demontierte, warum er zu rabiater Kompromisslosigkeit neigte und sich mit zunehmendem Alter immer weiter verschloss vor der Verständigungssprache und den niederen Bedürfnissen des Publikums. Mancher glaubte zu wissen, dies hinge mit der rastlosen, jahrelangen Tätigkeit für den nationalsozialistischen Rundfunk zusammen, die es in der Tat verbietet, Eich einen »inneren Emigranten« zu nennen. Kompromittiert hat er sich nicht, wenn man bereit ist, ein paar zeitgeisttypisch aufgedonnerte, phrasenreiche Hörspiele als Jugendsünde eines nach Broterwerb strebenden Lyrikers durchzuwinken. Eichs Ekel vor dem Geschwätz der kommunikativen Vernunft, seinen Abscheu gegen die »gelenkte Sprache«, nur als Bußübung in eigener Sache zu verstehen ist Unsinn. Die Neigung zu verstärkter Sprachhygiene betraf eine ganze Autorengeneration, die sich nach dem Krieg von allem abwandte, was die Welt in den Jahren zuvor sprachlich und mental zusammenhielt. Auch wenn der elitäre Anspruch, dass Literatur »Gegen-Welt« und »Gegen-Sprache« sein soll, heute von einer großzügigen, demokratischen Ausweitung des Literaturbegriffs abgelöst wurde, hat die rigide Sprachskepsis die europäische Literatur doch ein halbes Jahrhundert lang hellwach gehalten.

In seiner Büchner-Preis-Rede aus dem Jahr 1959 hat Eich dem elitären Literaturverständnis ein Denkmal gesetzt und gesagt, worauf es ihm ankam: »Die Sprache der Dichtung also, Mitteilung oder nicht, allenfalls die latente Mitteilung, die präsent wird, keine Dekoration und jedenfalls mehr als der Komfort des Gebrauchs, wo Sprache ihren Platz irgendwo zwischen Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik hat. Die andere Sprache also, die wie die Schöpfung selber einen Teil des Nichts mit sich führt, in einem unerforschten Gebiet die erste Topografie versucht. Sie überrascht, erschreckt und ist unwiderleglich; sie hat die Kraft, Einverständnis zu erwecken, und altert, wenn das Einverständnis allgemein geworden ist.« Ein schönes Pathos, wie wir lange keines mehr gehabt haben, ist in diesem altehrwürdigen Appell für eine freie, schöpferische Sprache, die sich nicht kümmert um den Bedarf des Kühlschrank- und Tourismuswesens. Der mitgelieferte Aufruf zur permanenten Innovation in den Künsten ist inzwischen Literaturgeschichte. Die Maxime, dass Kunst sich ständig überbieten und widerspenstig zeigen müsse, findet heute kaum noch Anhänger. Die Avantgarde ist historisch geworden. Eich wird damit gerechnet haben.

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Seine für mich noch immer gültige Hinterlassenschaft sind die verzweifelt-vergnügten Maulwürfe, die bei ihrem Erscheinen im Jahr 1968 so verstörend wirkten, dass sie in der ZEIT gleich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben unterschiedlich rezensiert wurden. Das Hörspielschreiben interessierte Eich im beginnenden Fernsehzeitalter kaum noch. Seine Gedichte wurden zuletzt immer störrischer und unzugänglicher. Die Maulwürfe, kurze, halb verrückte Prosastücke, entsprachen seiner am Lebensende immer heftiger werdenden »Absicht des Anarchischen« am besten. Worum es in den Maulwürfen geht? Schwer zu sagen. Es sind zutiefst heitere, auch blöd komische Einübungen in die Absurdität der Existenz und das Sterben. Sie enthalten sogar einen richtig guten Ratschlag: »Nachher hat man immer recht, man sollte gleich nachher leben.«

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Leser-Kommentare
  1. Das also ist der bedeutendste Dichter der deutschen Nachkriegsliteratur.

  2. Diese Eichen

    Fliegen wie die Flugzeuge
    Zwischen Lebus und Böllhausen
    und Unseldchen.
    Zigarillos ausspucken
    ist Sache der Seepferdchen
    zwischen SCH und ST
    im 23-bändigen Brockhaus.
    Ich ziehe vor zu rapunzeln,
    die Salatblätter zwischen Mitter
    und Nacht aufzulegen.
    Wer sich bewegt,
    ist selber schuld,
    Ilsebein!

  3. Klug zitiert..:
    »Nachher hat man immer recht, man sollte gleich nachher leben.«

    Wo man oder frau (Eich oder Aichinger & andere, die noch leben) als 'Grüne' ihre Anfänge aus den mutigen Zeiten der Naturlyrik hätten überleiten können in die neue Zeit der Gesellschaftsverantwortung und historischen Analyse UND in die ersten Ein-Sichten der Ökologie, haben diese Un-Toten ihre privaten Desaster verklickert und verkalauert und parabolisiert - ja, sprachlich pfiffig.

    Hans Bender hat mir einmal bitter erklärt: Als er den Trialog mit Brambach, Eich und eine eigenen Brieflein - nach seiner Angestelltenzeit bei den 'AKZENTEN' - sammeln und edieren wollte - erhielt er von Eich und Aichinger die Nachricht: die Post sei nicht mehr da.
    'Die verdammten Alkoholiker! - Die haben unsere Briefe und Karten, von denen wir damals keine Kopien machen konnten - alles verknüngelt' - sagte der stille, weise Bender. (Der dieses Urteil öffentlich nicht gedruckt sehen möchte...)

    Aber es zeigt, den Realitätsverlust bei vielen poetisch Arrivierten, die genug Geld hatten - für Eigenheim und stillem, geduldetem Saufen.
    Und die Literaten und Germanisten wollen diese Symptome den stilisierten Zeugnisse von sozialem Chaos und neuronalem Zellenabbau nicht ablesen - den Schmerzinsignien:
    '... Man kann gerade noch die Schizophrenie erreichen und der Schnee fällt weiter.' (Aus: 'Zweit'. Sog. 'Maulwurf'. - Ob 'Mul', ob Müll', ob 'Maul' - das ist durchsichtig hingespuckt ...)

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