Marokko Majestät wünschen Emanzipation

Marokkos König Mohammed VI. reformiert sein islamisches Land mit einem modernen Familienrecht, Ehescheidung inklusive. Das stellt die Machtverhältnisse auf den Kopf.

Hier ist Rabat, ein Saal im Basarviertel der alten Königsstadt, und hier beginnt eine Revolution, auch wenn die Revolutionäre nicht gerade nach Umsturz aussehen. Zinab Hidra zum Beispiel: Ihr Körper versinkt in einem beigeweißen Gewand, ihr Kopf ist in keusches Tuch gewickelt, nur die kräftigen Brauen und die vollen Lippen liegen frei. Zinab Hidra greift nach dem Mikrofon und sagt mit milder Stimme: »Ich möchte lehren, dass der Islam eine friedliche Religion ist.«

Ein harmloser Satz? Aus dem Mund einer Frau wird er zu Sprengstoff für das Establishment der islamischen Gelehrten. Denn Schauplatz dieses Anschlags auf die Tradition ist kein geringerer Ort als das Ministerium für islamische Angelegenheiten, mitten im Basar gelegen. Über den Gästen wölbt sich eine achteckige Kuppel, auf dem Podium hängen ein Porträt des Königs und die Nationalflagge. Vor der politisch korrekten Kulisse gratuliert jetzt der Religionsminister 150 Studenten, die nach erfolgreichem Studium gerade zu Lehrern des Islams, zu Predigern geworden sind.

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Alles hat seine Ordnung: die gottgefälligen Ansprachen, die Anrufung des Propheten, die Aushändigung der Zeugnisse, der wohlgesetzte Beifall. Doch die Umstürzler sitzen mitten im Saal. Sie freuen sich über die Glückwünsche des Ministers. Sie halten Dankesreden vor Honoratioren, Imamen und Koranschülern. Sie besitzen die gleichen Zeugnisse wie die männlichen Studenten. Es sind Umstürzlerinnen, es sind die Frauen.

So nicht!, grollt der strengkonservative Fernsehscheich Jussuf al-Qaradawi aus dem fernen Qatar herüber. Sakrileg!, ruft der Leiter der ehrwürdigen Al-Azhar-Institution zu Kairo, Mohammed Tantawi. Ein Verstoß gegen den Geist des Islams!, finden die wahhabitischen Religionswächter in Riad. »Das sehen wir anders«, entgegnen die künftigen Islamlehrer in Rabat. Willkommen in Marokko!

Als Land der Putsche und Revolutionen hat sich das Königreich bisher keinen Namen in der Welt gemacht. Fast vierzig Jahre hielt König Hassan II. es fest im Griff, seit 1999 regiert sein ältester Sohn als Mohammed VI., doch dieser findet wenig Gefallen an der erstarrten Herrschaft, die er von seinem Vater geerbt hat. Mohammed baut Marokko um, von oben, wie es hierzulande Sitte ist, vorsichtig, damit seine Macht nicht in Gefahr gerät, und mit einer aufgeklärten Weitsicht, an der es anderen arabischen Herrschern – auf Bajonette gestützten und von Endzeitängsten geplagten Diktatoren – mangelt. Und auch dies ist eine marokkanische Besonderheit: Mohammed VI. ist nicht nur König, sondern auch das geistliche Oberhaupt der Marokkaner. Vielleicht ist es seine religiöse Unangreifbarkeit, die ihn Reformen ausgerechnet da vorantreiben lässt, wo arabische Politiker und islamistische Prediger westliche Stereotype täglich neu bestätigen. Geschlechtergleichstellung? Frauenrechte? Gibt es die in der islamischen Welt überhaupt? Beschränken sich die »Frauenrechte« nicht auf Kinderkriegen, Breirühren, Sockenstopfen?

Nicht in Marokko. An der Nordwestspitze Afrikas entsteht allmählich, vom Westen fast unbemerkt, ein moderneres Frauenbild, das mit dem Islam dennoch harmoniert. Das beginnt mit den jungen Predigerinnen, doch geht es weit über sie in die Gesellschaft hinein, in die Familien, in jedes marokkanische Haus. Eine Besichtigung des neuen Marokko an drei Orten zeigt dies: in den Ministerien der Hauptstadt Rabat, in der modernen, hektischen Wirtschaftsmetropole Casablanca und in der alten, winkligen Handwerkerstadt Salé.

Bleiben wir zunächst in Rabat, bei Zinab Hidra. Sie hat religiöse, aber keine knochenkonservativen Eltern. Sie finden es ganz fabelhaft, dass ihre Tochter das Predigerexamen bestanden hat. »Aber es war ganz allein meine Entscheidung«, sagt Zinab Hidra. Der Islam, findet sie, könne Marokko voranbringen. Sie meint nicht den radikalen Islamismus, der in den Vororten von Casablanca wuchert? Zinab Hidra schüttelt den Kopf: »Der Islam fordert, die anderen genauso zu respektieren wie uns selbst.« Von fundamentalistischen Brandreden in den Slums fühlt sie sich bedroht. Deshalb würden Studenten wie sie vom Staat ausgebildet: »Damit wir gegen den Hass predigen.«

Im Unterricht und in den Examina saß Zinab Hidra neben ihren männlichen Kommilitonen, die Frauen mit Kopftuch, die Männer mit Fes. »Der Islam verbietet Männern und Frauen nicht, nebeneinander zu sitzen.« Gleichstellung total? Nicht ganz. Mit uneingeschränkt gleichen Rechten tut sich das Religionsministerium noch schwer, etwa am heiligen Freitag. Nach einer Fatwa, einem Rechtsgutachten des hohen Rats der marokkanischen Religionsgelehrten, dürfen nur Männer das Freitagsgebet leiten.

»Frauen müssen das Gebet nicht unbedingt leiten«, sagt Zinab Hidra, »das ist keinen Deut besser oder höher als unsere Aufgaben.« Als da wären: die Lehre in Schulen, Moscheen, Universitäten, die Auslegung des Korans, die Botschaft des Islams. »Da geht es nicht immer um den Glauben«, sagt Zinab Hidra. Oft muss sie erklären, was sich in der Gesellschaft verändert. So übt sie Einfluss aus, zum Beispiel, wenn die Leute wissen wollen, wie sie ihre Probleme lösen können, was der Koran zu dieser oder jener Lebenslage sagt – oder wie das neue Familienrecht funktioniert.

Das Familienrecht? Was gibt es da in der Moschee zu erklären? »Früher haben die Männer der Familie – Vater, Bruder, Onkel – die Frauen einfach eingesperrt«, sagt Zinab Hidra. Das gehe heute nicht mehr so einfach. Frauen hätten nun klar formulierte Rechte gegenüber Männern. Und das sei nicht antiislamisch: »Das Gesetz beruft sich ausdrücklich auf den Koran.« Das Problem liege ganz woanders. »Manche Männer glauben nun, sie seien völlig entrechtet, manche Frauen glauben, sie könnten sich alles erlauben. Beide Seiten irren.«

Moudawana – das ist das marokkanische Zauberwort. Moudawana, das ist das Synonym einer neuen Zeitrechnung in Marokko. Moudawana heißt Familienrecht, doch es meint mehr: die Gleichberechtigung der Geschlechter. Das ist wichtig in einem Land, in dessen Dörfern die meisten Frauen immer noch nicht lesen und schreiben können, wo manche Väter und Onkel gern Töchter und Nichten minderjährig verheiraten, wo Ehemänner Gewalt gegen die Ehefrau nicht selten für ein Naturrecht halten. Die Moudawana ist, kaum dass sie nun gut zwei Jahre gilt, schon Legende. In den meisten anderen Ländern der arabischen Welt wäre sie schlicht nicht durchzusetzen. Das neue Familienrecht Marokkos macht den einen Angst, den anderen Hoffnung. Ob es Erfolg hat, entscheidet nicht der Gesetzesbuchstabe, sondern allein der Alltag in den Familien und in den Gerichten.

Leser-Kommentare
  1. und werden Sie sich darüber im klaren, daß der Begriff 'Islamismus' darin nur da verwendet worden ist, wo auch Islamismus drin ist - nämlich in den Fällen der identifizierbaren politischen Bewegung, mit ihren Strategien und Organisationsformen. Interessant übrigens die Position der islamistischen Scheicha, die das neue Familiengesetz des Königs begrüßt, wider ihr besseres Wissen, daß mit ihren politischen Verbündeten ein solches Gesetz natürlich nie und nimmer durchzusetzen gewesen wäre.

    Irgendwie erinnert sie mich an all die dekadenten, westlichen Mittelstandsakademikerinnen, die ihr Herz für den Islam entdeckt haben, freudigst konvertieren (nachdem sie mit Baghwan, Tantra, dem Buddhismus, Philosemitismus und Feng Shui 'durch sind') - gibt es eine anthropologische Konstante in der weiblichen Lust der Unterwerfung??

  2. Sie haben recht! Man kennzeichnet nur diejenigen die 'tatsaechlich schuldig' sind. Da sind wir heute den Vorvaetern einen weiten Schritt voraus, schliesslich sind wir ja freiheitsliebende Demokraten.

    Und Frauen die sich nicht dem aktuellen Mode und Sex-Sells-Wahn unterwerfen, sondern sich freiwillig fuer den Islam entscheiden haben ein Problem und waren alle dekadent. Waeren Sie nicht so dekadent, wie beispielsweise die Bunnys in den verschiedenen Maennermagazinen und Pornos, waeren diese auch weiterhin nicht-muslimas.

    Ihre Aussagen und die verwendete Logik ist erdrueckend - Sie haben gewonnen;)

    • laraki
    • 04.02.2007 um 22:49 Uhr
    3. .

    .

  3. Was es doch fuer eine Unart mittlerweile geworden ist Muslime zu kennzeichnen. Wo es noch vor einiger Zeit nur fuer radikale Terrorverdaechtige verwendet wurde, wird mittlerweile die Islamismuskeule ganz normal fuer Ali und Fatima Normalverbraucher verwendet um ganz bestimmte Assoziationen zu produzieren.

    Mal einen Weckruf an Michael Thumann und Co.:
    Schaemt man sich nicht so ein Kainsmal zu verwenden? Haben wir immer noch nichts aus dem Judenstern gelernt?

    Schon mal was von Muslime, Muslimas etc. gehoert? Wenn nicht, was machen Sie dann in der Redaktion?

  4. wuerden,anderen Menschen erlauben wuerden so zu leben wie sie es moechten waeren die Probleme in der Welt entschieden wenig brisant.Aber genau das ist der Punkt. Der Islamismus ist so tolerant wie die Hexenverbrennung es war.
    Wenn sich eine Frau aus freiem Willen entscheidet das Kopftuch zu tragen,die Burka zu tragen -nicht weil sie sonst angemacht und bedroht wird von ihren maennlichen Glaubensbruedern,finde ich es bemerkenswert dass sie ihre Religion auch 'lebt'. Leider habe ich eher das Gefuehl dass sie es aus Gruenden,die mit Druck und Zwang tun.ich habe auch beobachtet dass gut ausgebildete Leute weniger bereit sind mit ueberholten Sitten abzufinden.Vielleicht ist deswegen Marokko weniger intolerant. und bereit sich zu oeffnen fuer andere Lebensweisen,die moeglicher Weise so manchem Iman gegen den Strich geht.Man muss abwarten wie weit der Koenig mit seiner Modernisierung kommt .

    • iceman
    • 22.03.2007 um 16:44 Uhr

    Wie Sie wissen, bin auch ich ein grosser Kritiker des orthodoxen Islam.
    Aber, bitte, ich bitte Sie, stellen Sie den Buddhismus nicht auf eine Stufe mit dem Islamismus.
    Wer den Buddhismus wirklich verstanden hat, ist kein Esoteriker, sondern ein rational denkender Mensch, der Mitgefühl für alle fühlenden Wesen entwickelt.
    Ein Übertritt zum Islam ist deshalb nicht denkbar.

    Damit Sie vielleicht etwas besser verstehen, einige Zitate des Dalai Lama:

    'Liebe und Mitgefühl sind für mich das Wesen der Religion.
    Um solches zu entwickeln, musst du allerdings nicht irgendeiner Religion angehören.'

    'Gefragt nach meiner Religion, sage ich einfach:
    Meine Religion ist Güte und Mitgefühl.'

    'Mögest du Hoffnung finden in den dunkelsten Stunden und Zielrichtungen an den hellsten Tagen.
    Frei von aller Bitterkeit mögest du nicht das Universum beurteilen.'

    Gib niemals auf und entwickle dein Herz!
    Es gibt zu viele Vorgaben in deinem Land, die den Verstand entwickeln anstelle des Herzens.
    Entwickle Mitgefühl, nicht nur für deine Freunde, sondern für jedes fühlende Wesen.
    Arbeite für den Frieden und Mitgefühl, ich sage es noch einmal:
    Gib niemals auf! Egal was passiert! Gib niemals auf!'

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