Sachbuch Musik und Macht
Hans Rudolf Vaget sieht in Thomas Mann den Erforscher der deutschen Katastrophe.
Im Februar 1933 hält Thomas Mann in München, dann auch in Amsterdam, Brüssel und Paris die Rede Leiden und Größe Richard Wagners. Anlass ist der 50. Todestag des Komponisten. Manns Ansprache ist vermutlich der virtuoseste, facettenreichste essayistische Text, den er je verfasste. In den Mittelpunkt seiner Würdigung rückt er die »kontradiktorische Natur« Wagners: Dessen Musik sei »Psychologie und Mythos« zugleich, »Posse« und »geheimes Trauerspiel«, »Tragödie« und »sublimer Jux«, »auf gesunde Art krank«, »auf morbide Art heroisch«. Sollte es Mann darum gegangen sein, mit dieser erfrischend provokanten Diktion den pseudosakralen Wagner-Kult der neuen Machthaber herauszufordern, so ist ihm dies auf geradezu gespenstische Art und Weise gelungen.
Am 16. April nämlich veröffentlichen die Münchner Neuesten Nachrichten den später berühmt gewordenen Protest der Richard-Wagner-Stadt München. Mann wird dafür gerügt, »unser großes deutsches Musikgenie« herabgesetzt, einen »wertbeständigen deutschen Geistesriesen« kritisiert zu haben. Initiiert wurde dieses auch vom Rundfunk verbreitete Pamphlet von dem Münchner Operndirektor Hans Knappertsbusch und dem Komponisten Hans Pfitzner. Es unterschrieben 41 lokale Kulturhonoratioren – ohne Ausnahme all jene, die Knappertsbusch dazu aufgefordert hatte.
Der in den USA lehrende Germanist Hans Rudolf Vaget hat in einer instruktiven Studie die Vorgeschichte dieser Agitation nachgezeichnet. Diese Abhandlung bildet das Herzstück seines ungemein gehaltvollen Kompendiums über Thomas Manns Verhältnis zur Musik. Vaget lässt keinen Zweifel daran, dass nicht etwa die Nationalsozialisten den Angriff auf Mann starteten, sondern einflussreiche Teile der bürgerlichen Elite Münchens. Sie nutzten die Gunst der Stunde nach der »Machtergreifung«, um endlich mit dem überzeugten Republikaner und bekennenden, aber zutiefst suspekten Wagnerianer Thomas Mann abzurechnen.
Politisch folgenlos blieb ihr »Protest« allerdings nicht. Nur zehn Tage nach dessen Veröffentlichung wurde von Reinhard Heydrich ein Schutzhaftbefehl gegen Mann ausgestellt. Bei einer Wiedereinreise nach Deutschland wäre dieser in Dachau inhaftiert worden. Ohne von dieser konkreten Gefahr zu wissen, entschied sich Mann klugerweise, von seiner Vortragsreise nicht ins nationalsozialistische Deutschland zurückzukehren.
Für Vaget haben diese Ereignisse emblematischen Charakter. Sie nämlich zeigten Thomas Mann, welch bedrohliches Potenzial die charakteristisch deutsche »Musik-Idolatrie« in sich barg. Sie erwies sich als militanter Götzendienst, dem Mann selbst, wie er sich vorhalten musste, mit seinen Betrachtungen eines Unpolitischen Vorschub geleistet hatte.
Vaget stellt zu Recht fest, dass sich Thomas Mann seit dem Triumph der Nazis als »Ursachenforscher der deutschen Katastrophe« betätigte und nach deren »psychologischen Motivierung« fragte. Mit einem neueren Begriff spricht Vaget von einer Geschichte deutscher »Mentalität«. In dieser Geschichte nun spielt für Vaget, und seiner Meinung nach auch für Thomas Mann, die Musik eine überragende Rolle. Mann sei zu der »Erkenntnis gekommen, dass der prätendierten Universalität der deutschen Musik, so unschuldig idealistisch diese Vorstellung anfänglich auch gewesen sein mochte, eine potenziell aggressive Mentalität eingeschrieben ist«. Ihm galt es als ausgemacht, »dass die Hegemonie der deutschen Musik Deutschlands Streben nach politischer Hegemonie rechtfertigte und legitimierte«.
- Datum 21.05.2008 - 03:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06
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