Schulwahl Abschied vom Sprengel

Die Wahlfreiheit der Eltern ist je nach Bundesland unterschiedlich groß. Doch der Trend zur freien Schulwahl ist nicht mehr aufzuhalten.

itunter entscheiden zwanzig Meter über die Zukunft. Wohnt die Familie auf der einen Seite der Straße, darf das Kind die Grundschule mit dem guten Ruf besuchen. Lebt sie auf der anderen Seite, muss der Nachwuchs zum Lernen in die Problemschule. Sprengelprinzip heißt die pädagogische Zwangsmaßnahme, die jedes Jahr Zehntausende Eltern in Sorge, manche in Panik stürzt. In den meisten deutschen Gemeinden müssen ABC-Schützen die am nächsten gelegene Grundschule besuchen. Welche das ist, legen die Behörden fest.

Die Bestimmung geht zurück bis in die Weimarer Republik – und sorgte schon damals für politische wie pädagogische Aufwallungen. Die katholische Zentrumspartei, eine Stütze der jungen Republik, drohte deswegen sogar ihre Zustimmung zum Versailler Vertrag zu verweigern. Der Kompromiss damals: Christliche Eltern durften ihre Kinder weiterhin auf konfessionelle Schulen schicken. Für den Rest galt von nun an das Gesetz »Eine Schule für alle«.

Die Idee, die Gegensätze der Stände zumindest in der Schule zu überwinden und allen Kindern die gleiche Chance zum Lernen zu geben, existierte bereits lange davor. Gescheitert war sie stets an den gehobenen Schichten, die sich mit Hauslehrern oder privaten Grundschulen für ihren Nachwuchs vom Pöbel absetzen wollten. Den sogenannten Weimarer Schulkompromiss konnten sie am Ende deshalb mittragen, weil er nur bis zur vierten Klasse galt. Danach wartete die sichere Fluchtburg des Gymnasiums. Zudem, beruhigten sich viele Eltern, könne man in der Grundschule noch nicht viel falsch machen.

Eltern ignorieren trickreich den pädagogischen Einberufungsbefehl

Dieses Urvertrauen in die deutschen Schulen hat spätestens Pisa erschüttert. Seitdem wissen Eltern, dass unsere Lehranstalten nicht nur im internationalen Vergleich mittelmäßig abschneiden. Auch zwischen einzelnen deutschen Schulen besteht ein enormes Lerngefälle. Das bestätigten Untersuchungen für die Primarstufe wie die Hamburger Kess-Studie: Während die Viertklässler der besten Schulen der Hansestadt im Schnitt fast so gut wie Sechstklässler lesen konnten, schafften Gleichaltrige anderswo nur das Niveau von Klasse zwei. Allein mit sozialen und sprachlichen Gründen – Armut oder Migration – ließen sich die Leistungsabstände indes nicht erklären. Es musste auch an der Qualität des Unterrichts liegen.

Solche Nachrichten geben der Fluchtbewegung bürgerlicher Eltern Auftrieb. Sie ignorieren den Einberufungsbefehl in die Grundschule um die Ecke und setzen alles daran, ihre Kinder woanders anzumelden. Da die Bildungsbehörden den Extrawünschen selten nachkommen, versuchen Eltern mit Tricks und Finessen ihren Nachwuchs vor schlechten Lehrern oder bildungsfernen Mitschülern zu schützen. Schon Jahre vorher wählen sie etwa eine Krippe in der Nähe ihrer Wunschgrundschule. Andere melden ihre Kinder bei Tanten, Omas oder Freunden zur Untermiete an. Wem das nicht gelingt, der besinnt sich seiner christlichen Wurzeln und sucht eine Konfessionsschule.

In 15 Kommunen in Nordrhein-Westfalen sind solche verdrucksten Vermeidungsstrategien nicht mehr nötig. Ab sofort dürfen die Eltern sich dort aussuchen, wo sie ihr Kind anmelden wollen. Von 2008 an sollen die Schulbezirke im ganzen Bundesland fallen. Im deutschen Schulsystem sei dies eine »kleine Revolution«, sagt die zuständige Ministerin Barbara Sommer. Ob beim richtigen Fahrrad oder der geeigneten Kita – überall hätten Eltern das Recht zu bestimmen, was für ihr Kind das Beste sei. Nur bei der Schule hätten sie keine Wahl. Ausgerechnet, sagt Sommer: »Das ist nicht mehr zeitgemäß.«

Lehrerverbände, Kommunen und einige Schulforscher sehen die Entscheidung skeptisch. Der Verwaltungsaufwand, um den Elternwünschen gerecht zu werden, sei enorm, warnen sie. Beliebte Schulen müssten kurzfristig ausgebaut werden, während anderen die Schließung drohe. Gerade kleine Grundschulen auf dem Land sähen sich bedrängt, die angesichts des Kindermangels schon heute um jeden Schüler kämpfen müssten.

In den Großstädten wiederum fürchten viele eine verstärkte Gettoisierung. Nur bildungsbewusste Eltern würden die neue Freiheit nutzen und ihr Kind an den besseren Schulen anmelden. Zurück in den Problemklassen blieben die benachteiligten Kinder, insbesondere jene aus Migrantenfamilien, die sich die tägliche Fahrerei zum Unterricht nicht leisten könnten. Der Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke warnte bei einer Anhörung zum neuen Schulgesetz im Düsseldorfer Landtag, die Aufhebung der Schulbezirke würde die »ethnische und soziale Entmischung« der Schülerschaft weiter vorantreiben.

Jene 15 Modellstädte, die bereits für das kommende Schuljahr das Sprengelprinzip aufgehoben haben, bestätigen solche Befürchtungen bislang indes nicht. »Große Wanderungsbewegungen sind bisher ausgeblieben«, sagt Wolfgang Gucht vom Schulamt Düsseldorf. Die große Mehrheit der Eltern gibt weiterhin der Nachbarschule den Vorzug, wo Freunde und Alterskollegen aus der Kita gemeinsam in die erste Klasse gehen.

An einzelnen Standorten jedoch sind auch in Düsseldorf die Verschiebungen erheblich. Die Grundschule Südallee zum Beispiel werden im Herbst doppelt so viele Mädchen und Jungen besuchen wie in den Jahren zuvor. Als die Anmeldezahlen feststanden, bekam Schulleiter Richard Schmitz den Anruf seines Kollegen aus der Nachbarschule: »Hast du meine Schüler?« Schmitz führt die Beliebtheit seiner Schule auf den neuen Ganztagsbetrieb zurück. Zudem sei sein Kollegium eines der ersten gewesen, die den jahrgangsgemischten Unterricht eingeführt haben. Solche Anstrengungen werden jetzt belohnt.

Einen Wettbewerb zu entfachen ist der eigentliche Grund für die Abschaffung des Sprengelprinzips. Schulen sollen sich voneinander unterscheiden und ihr besonderes Profil entwickeln: hier eine spezielle Leseförderung, dort Englisch von der ersten Klasse an. Dafür erhalten sie von den Bildungsbehörden mehr Freiheit. »Welchen Sinn aber machen pädagogische Schwerpunkte, wenn die Eltern die Vielfalt nicht nutzen dürfen?«, fragt NRW-Ministerin Sommer. Dass Lehrerkollegien ohne Ideen und Engagement dabei unter Druck geraten, ist gewollt. Bislang konnten sie ohne Konsequenzen weiterwurschteln. Die Schüler mussten ja kommen. Das ist in Zukunft anders.

Nichts bringt Lehrer mehr in Gang als weglaufende Kinder

Ruth Jakobi, Schulleiterin im Hamburger Stadtteil Winterhude, begrüßt diese Entwicklung. »Es gibt nichts, was Lehrer mehr in Gang bringt, als wenn ihnen die Kinder weglaufen.« Die Hansestadt geht seit drei Jahren einen Mittelweg zwischen Behördenzwang und Wahlfreiheit: Hier können die Eltern den Lieblingslernort für ihren Nachwuchs aus mehreren Grundschulen ihres Viertels wählen.

Auch wenn es für eine Bilanz der Reform noch zu früh ist: Anzeichen für ein beschleunigtes Auseinanderdriften der Schulen – hier die Brennpunktschulen für die Migranten, dort die Päppelanstalten fürs Bürgertum – lassen sich bislang in Hamburg und in Nordrhein-Westfalen, anders als in Berlin, nicht beobachten. Auch in Kiel, wo die Eltern schon seit mehr als zehn Jahren frei wählen können, hat sich die soziale Schere nicht weiter geöffnet. Natürlich gebe es Schulen, die deutlich beliebter seien als andere, sagt Amtschefin Ruth Köhler. Mit der Zusammensetzung der Schüler habe dies jedoch nichts zu tun: »Wir haben hervorragende Schulen in schwierigen Vierteln, die bei Eltern großen Zuspruch haben.« Nicht zuletzt aufgrund der positiven Kieler Erfahrungen wird man in Zukunft in ganz Schleswig-Holstein auf den Anmeldezwang verzichten. Das neue Schulgesetz passierte vergangene Woche den Landtag.

Kiel ist jedoch nicht Essen oder Duisburg; dort sind die sozialen Gegensätze krasser. Um im Wettbewerb um die Erstklässler allen Schulen in Nordrhein-Westfalen ähnliche Chancen einzuräumen, sollen Klassen mit besonders vielen Kindern aus benachteiligten Familien dort – wie auch in Hamburg – zusätzliche Lehrer bekommen.

Der Trend zur freien Schulwahl ist offensichtlich. Langfristig lässt er sich schon deshalb kaum noch aufhalten, weil Eltern immer mehr Informationen über die Qualität von Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen.

Selbst Schulrankings sind für die Zukunft nicht mehr ausgeschlossen (siehe Plädoyer für Schulrankings ). In England sind sie bereits Realität. Jeden November veröffentlicht die Regierung sogenannte performance tables. Die englische Presse widmet sich den Bildungstabellen so ausführlich wie dem Ausgang der Fußballliga. Sie schildert die Misere von besonders schwachen Schulen und berichtet über das Erfolgsgeheimnis unerwarteter Tabellenführer. Auch die Immobilienmakler warten auf die Ranglisten. Denn gewöhnlich steigen die Wohnungspreise in denjenigen Teilen Londons um ein paar Prozent, in denen ein pädagogischer Spitzenreiter in erreichbarer Nähe liegt.

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