Mallorca
Art Palma
Mallorcas Hauptstadt hat eine lebhafte Kunstszene. Nun wird in der Kathedrale das grandiose Relief von Miquel Barceló erstmals für Besucher gezeigt.
Die Kathedrale von Palma de Mallorca trägt die Spuren eines gewaltigen, eines monatelangen Boxkampfes. Auf insgesamt 300 Quadratmetern sind sie zu sehen, bis zu zwölf Meter hoch ziehen sie sich die Wände der Petruskapelle neben dem Hauptchor hinauf. Der mallorquinische Künstler Miquel Barceló hat den Boxkampf geführt, gegen 15 Tonnen Terracotta, ausgewalzt zu breiten Bahnen von sechs Zentimeter Dicke. Von der Rückseite aus hat er jene Formen in den Ton hineingeprügelt, die sich jetzt vorne herauswölben: Fische, Brote, Kohlköpfe und Totenschädel. »Man muss schon ordentlich in Form sein«, hat Barceló gesagt, »für einen solchen Kraftakt.« Anschließend modellierte er vorne weiter, mit den Fingern. Dann kam Farbe darüber. Die tönernen Fische sind nun aufgeschlitzt, Kürbisse und Granatäpfel liegen triefend da, Knochen und Krustenbrote türmen sich zu kleinen Halden. Die biblische Episode der Speisung der Fünftausend ist bei Barceló zu einer aufbrausenden Flut von Fleisch und Frucht geworden, an der man sich nur schwer sattsehen kann.
Seit mehr als zwei Jahren kleidet das monumentale Relief schon die drei Wände der Kapelle aus. Doch fast niemand hat es bisher zu Gesicht bekommen. Die Kathedrale war zwar offen, aber die Kapelle blieb mit schwarzer Plastikfolie zugehängt, weil das Geld für die neuen Fenster fehlte. Vom zweiten Februar an ist die gigantische Arbeit nun endlich für Besucher zugänglich. Miquel Barceló, ein am internationalen Kunstmarkt hoch gehandelter Maler mit Wohnsitzen in Paris, Mali und Mallorca, hat seiner Heimat damit ein gewichtiges Werk überlassen. Es wird eine neue Klientel in die Kirche locken. Es beschert der Stadt einen neuen, magischen Magneten. Und es steht, wenn auch unfreiwillig, für den neuen Kurs der Inselhauptstadt. Die Strategen aus der Stadtverwaltung von Palma wollen mehr kulturinteressierte Besucher auf die Insel holen. Denn die Stadt kann mittlerweile auf ein enges Netz an ordentlichen Kunst-Orten verweisen. Darunter ist Barcelós Kapelle nur der vorerst letzte, allerdings der leuchtendste Fleck.
»Die Sonne ist doch ohnehin stark aus der Mode gekommen«, sagt Ferran Cano mit einem Lächeln. »Heute interessieren sich viele Leute eher fürs neue Guggenheim als für noch einen Strand.« Cano, ein gut aufgelegter 60-Jähriger mit struppigen Haaren und grobem Strick am Leib, ist einer von Palmas dienstältesten Galeristen. Seine Galerie liegt in einer der kleinen Gassen des alten Hafenviertels Puig de Sant Pere. Inmitten des Lagerraums, umgeben von aneinandergelehnten Leinwänden, ist noch ein mächtiger Mahlstein aus einer mittelalterlichen Getreidemühle übrig geblieben; nebenan tritt man in eine kleine Höhle, die als Ofen diente und nun den Wein für die Vernissagen kühl hält. Neben dem Mahlstein steht ein bemaltes Tischfußballspiel, eine Arbeit des jungen mallorquinischen Künstlers Pep Guerrero. »Wenn ich den Jungen heute aus meiner Anfangszeit erzähle«, sagt Cano, »dann komme ich mir schon vor wie Opa, der Kriegsanekdoten auspackt.« Trotzdem kann er es nicht lassen: davon zu erzählen, wie Francos Polizei ihm Anfang der siebziger Jahre das Leben schwer machte und Kunstwerke zensierte, wie ihm ein Sprengsatz einmal die halbe Galerie ausräucherte oder wie ein Agent zuerst ein Happening beklatschte und Cano dann, kalt lächelnd, ins Kommissariat abführte. Auch an eine besonders legendäre Ausstellungsfolge denkt er gerne zurück: »Zuerst zeigten wir Arbeiten von Joan Miró, der damals als teuerster lebender Künstler galt. Anschließend stellte ich einen 16-Jährigen aus, dessen Werke damals nur ein paar Hundert Peseten kosteten. Das war Barceló.«
Cano mag dem Fieber der frühen Jahre gelegentlich eine Träne nachweinen. Trotzdem freut ihn die Galerienblüte der letzten Zeit. Direkt gegenüber seinem Haus hat vor zweieinhalb Jahren die bekannte Kölner Galeristin Jule Kewenig eine Zweigstelle aufgemacht. Sie hat Werke von Immendorff oder Baselitz nach Palma geholt und zeigt gerade eine bunte Mixed-media-Hommage des jungen Uruguayers Marcelo Viquez an seinen Hund Jacobo. Auch ihre weißen Wände stecken hinter jahrhundertealten Mauern, wie jene der Galeria Maior, die ebenfalls erst seit Kurzem, neben ihrer Zentrale in Pollença, einen Ableger in Palmas Altstadt unterhält. Die jungen Zwillingsschwestern Maribel und Alejandra Bordoy dagegen haben ihre Galerie Aba Art außerhalb des verschachtelten Altstadtkerns angesiedelt. Auch der Nachbarschaft wegen. Denn nur einen Steinwurf entfernt befindet sich Es Baluard, Palmas neues Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Von Aba Art aus sieht man auf zwei frisch herausgeputzte Stücke der einstigen Stadtmauer, in die vor drei Jahren das Museum eingepasst wurde.
Dieses Jahr gastiert die Art Cologne in Palma – der Ritterschlag
»Das war ein großer Schritt für Palma«, sagt Maribel Bordoy von einem der gläsernen Schreibtische aus, die auf halber Höhe in ihren schlichten Galerieräumen stehen. »Wir sind gerade dabei, die Provinzialität zu überwinden.« Im Erdgeschoss hängen suggestive, undeutliche Fotos des galizischen Künstlers Vari Caramés. Als Nächstes werden Werke einer jungen Mallorquinerin ausgestellt, die mit Treibgut aus dem Meer arbeitet. »Unsere Insel hat einen touristischen Boom erlebt und gleichzeitig einen großen Sprung in Richtung Wohlstand gemacht«, sagt Bordoy. »Auch unser Geschmack hat sich modernisiert. Immer mehr junge Mallorquiner möchten sich ein Stück Kunst für die eigene Wohnung leisten. Manche legen sogar ihre Hochzeitsliste in unserer Galerie aus.«
Einmal im September laden alle Galerien zur Nit d’Art, zur langen Nacht der Kunst. Mittlerweile hat sich dieser große Zug durch die Schauräume zu einem rauschenden Volksfest entwickelt, bei dem vor lauter Trubel von der Kunst kaum noch etwas zu sehen ist. Mit besonderer Spannung wird nun der kommende September erwartet. Dann gastiert erstmals die Art Cologne in Palma, mit Ständen von etwa 50 Galerien. Das erscheint manchen schon wie der Ritterschlag für die Kunstszene der Stadt.
Auch Marie-Claire Uberquoi ist von der Initiative begeistert. Sie leitet das neue Museum Es Baluard, das kommunale Flaggschiff für moderne und zeitgenössische Kunst, das nebenher auch noch als Motor für die stufenweise Aufwertung des angrenzenden Altstadtviertels wirkt. Dort haben in den letzten Jahren nicht nur immer mehr Galerien aufgemacht, es sind auch elegante Stadthotels mit DJs, Designermöbeln und schicken Dachterrassen dazugekommen sowie die passenden Restaurants.
Es Baluard wurde auf abenteuerliche Weise in die frühere Festungsmauer hineinkonstruiert, in mittelalterliche Steine, die der Hafenstadt einst zur Verteidigung dienten und die deshalb auf einer Anhöhe liegen. Die Architekten haben mit viel Sichtbeton und Glas eine neue Binnenstruktur geschaffen, deren labyrinthische Winkelzüge origineller wirken als die Sammlung selbst. Sie reicht von mallorquinischen Landschaftsansichten der klassischen Moderne über Picasso-Keramiken bis hin zu Rebecca Horn. Das schönste Werk ist womöglich das Haus selbst und sein schönster Fleck sicher die Terrasse zum Hafen hinaus. Seit wenigen Tagen ragt von dort aus eine neue Großskulptur in den Himmel auf: der abstrakte Stier des Valencianer Stararchitekten Santiago Calatrava, eine 15 Meter hohe Arbeit aus Bronze, die dem Museum nun wie eine Standarte voransteht.
Während das Flaggschiff die große Geste sucht, dämmert ein anderes Haus im Dornröschenschlaf dahin. Die Fundació Pilar i Joan Miró liegt außerhalb des Stadtzentrums, eine Bucht weiter, und ist umzingelt von Wohn- und Ferienwohnklötzen der Boomzeit. Mitte der fünfziger Jahre, vor der großen Charterwelle, hat sich der alternde Miró hier von seinem Architektenfreund Josep Lluís Sert ein schmuckes Ateliergebäude einrichten lassen. Wenig später hat er noch ein altes Gutshaus dazugekauft. Und schließlich hat ein paar Jahre nach Mirós Tod, 1983, Rafael Moneo für die neu gegründete Stiftung noch einen Ausstellungsbau geschaffen. Das Ensemble ist zauberhaft, von Mirós lichtem Atelier über Moneos gezackte, halb subterrane Schauräume bis hin zum prächtigen Garten drum herum. Und doch macht das Gelände einen leicht verwaisten Eindruck, als wage sich kaum jemand hier heraus.
Ein Shootingstar bohrt Bilder von ertrinkenden Frauen in weißes Papier
In Palmas Zentrum liegt alles näher beieinander, trotzdem muss man wissen, wo: dass mitten in der Fußgängerzoneneinkaufsmeile, im Carrer de Sant Miquel, die Stiftung der Bankiersfamilie March ein kleines Museum mit spanischer Nachkriegskunst unterhält. Dass in den Räumen einer anderen Bankstiftung, der Caixa, ein paar fantastische Riesenbilder des katalanischen Expressionisten Hermen Anglada-Camarasa hängen. Oder dass die interessantesten Werkschauen junger mallorquinischer Künstler im alten Bürgerpalast Casal Solleric stattfinden.
Im Café des Hauses sitzt ein Shootingstar der Szene, Amparo Sard, eine hochgewachsene Mallorquinerin mit langen schwarzen Locken, die mysteriöse Szenen von ertrinkenden Frauen und monströsen Fliegen Nadelstich für Nadelstich in feines weißes Papier bohrt. Ihren Galeristen Ferran Cano, dessen Räume fast um die Ecke liegen, hat sie auf einer Kunstmesse in Chicago kennengelernt, während sie vom Stipendium einer lokalen Bank in New York lebte. »Als Künstler muss man die Insel irgendwann verlassen«, sagt sie, »die Landschaft reicht nicht mehr zur Inspiration.« Mittlerweile lebt sie die Hälfte der Woche in Barcelona. Sie schätzt die Ruhe ihres Studios weit außerhalb von Palma, genießt aber auch manche Folge des Tourismus. »Palma hat mittlerweile einen Großflughafen. So kann man viel unterwegs sein und doch oft zurückkehren.« Keines ihrer Werke ist derzeit in Mallorca zu sehen. Sard folgt dem Rat eines Freundes: »Mach wenig Ausstellungen vor Ort, damit sich das Publikum nicht so schnell an deiner Arbeit sattsieht.«
Auch Miquel Barceló hat die Insel früh verlassen. Jetzt zieht er als Star mit seinem 15-Tonnen-Werk in die Kathedrale ein und erlaubt sich Ausfälle gegen die Borniertheit der Einheimischen, die Kunstgeschäftigkeit der Reichen und die profitgierige Extrembebauung der Küste. Er ist gerade 50 geworden, ein alternder Wilder und übrigens Atheist. Erstaunlich, dass er und die katholische Geistlichkeit miteinander auskamen.
»Unsere Beziehung ist derzeit etwas gespannt«, sagt Barceló diplomatisch. Die Kirchenmänner sagen lieber gar nichts. Einige stört der allzu moderne Eingriff in die ehrwürdige Kathedrale, andere zweifeln am spirituellen Gehalt der Arbeit. Tatsächlich ist der Heiland inmitten des brodelnden Werdens und Vergehens auf Barcelós Tontafeln nur ein blasser, weißlicher Schatten, machtlos gegen den Mahlstrom der Natur. Barcelós Fan und Fürsprecher im Domkapitel war Mallorcas liberaler Bischof Teodor Ubeda. Er starb vor drei Jahren, als das Werk schon zurechtgeboxt wurde, aber noch längst nicht fertig war. Seinem letzten Willen gemäß liegt er nun zu Füßen von Barcelós gigantischer Arbeit begraben. »Wer weiß«, sagt der Künstler, »vielleicht hat sein Testament meinem Werk das Leben gerettet.«
INFORMATION
Unterkunft: Hotel Tres im alten Fischerviertel, Carrer Apuntadores 3, Tel. 0034-971717333, DZ ab 230 Euro, www.hoteltres.com
Barceló: Öffnungszeiten der Kapelle bis 31. März: Mo–Fr 10–15.15 Uhr, Sa 10–14.15 Uhr, www.catedraldemallorca.org
Es Baluard: Plaça de la Porta de Santa Catalina 10, Di–Fr von 10–20 Uhr, www.esbaluard.org
Fundació Pilar i Joan Miró: Carrer Joan de Saridakis 29, Di–Sa 10–19 Uhr, So 10–15 Uhr, www.miro.palmademallorca.es
Stiftung March: Carrer Sant Miquel 11, Mo–Fr 10–18.30 Uhr, Sa 10–14.30 Uhr
Galerien: Ferran Cano, der Altmeister unter Palmas Kunsthändlern (Carrer del Forn de la Gloria 12, Mo–Fr 17–20.30 Uhr), Jule Kewenig mischt Stars mit neuen Namen (Carrer del Forn de la Gloria 9B, Di–Fr 11–14 und 16.30–19.30 Uhr, Sa 11–14Uhr), Maribel und Alejandra Bordoy setzen auf junge Künstler (Plaça de la Porta de Santa Catalina 21B, Mo–Sa 11–14 und 17–20.30 Uhr)
- Datum 31.1.2007 - 05:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06
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