Bisher haben wir uns die überalterte Zukunft ja nur in blassesten Krankenkassenfarben ausgemalt. Essen auf Rädern, Malen nach Zahlen, Gymnastik im Gemeindezentrum. Aber nun wird alles anders. Denn ER ist zurück! Sylvester Stallone alias Rambo alias Rocky. Mucki-Methusalem und letzter aktiver Körperheld des Männerunterhemdenkinos, das in den frühen Achtzigern zur Hochform auflief. In letzter Zeit war es ein wenig still um ihn geworden. Auf der Leinwand hatte er einen verfetteten Cop gespielt. Im wirklichen Leben ließ er sich von bösen blonden Frauen ausnutzen und versuchte sich mit randloser Brille als Bildhauer. Jetzt inszeniert sich der Sechzigjährige, der mit seinem Schwammnacken inzwischen an die Comic-Kultfigur SpongeBob erinnert, wieder selbst: als gutmütigen Altsportler, der noch einmal in den Ring zieht. In Rocky Balboa spielt er den einsamen Exchampion und Restaurantbesitzer, der seine Gäste mit Dönekes aus dem Ring unterhält. Seine Frau Adrian ist an Krebs gestorben, seinen Sohn zieht es in die Managerwelt, und New York ist auch nicht freundlicher geworden. Als ein TV-Sender die Boxlegende in einem virtuellen Kampf gegen den amtierenden Weltmeister siegen lässt, will es Rocky noch einmal wissen.

Stallone musste bereits viel Häme für seine letzte Rentnerrunde einstecken. Dabei will uns Rocky Balboa doch gar nicht ernsthaft weismachen, dass ein weißer Pensionär mit Wabbeltorso den Mike Tyson unserer Tage aus dem Ring kanten könnte. Rocky Balboa ist der Aufstand des Fleisches gegen die digitale Entkörperlichung. Ein naives Underdog-Märchen, das noch einmal den Boxhandschuh gegen den Zeitgeist der Special Effects erhebt, Illusion gegen Simulation. In Rockys Restaurant, diesem emotionalen Wärmestübchen der Spätmoderne, versammeln sich vom abgehalfterten Boxmanager bis zum kleinen grauen Hündchen denn auch all die altmodischen Loser, die zu nett für die neuen kalten Zeitläufte sind.

Keine Frage, Stallones "Tu was du tun musst"-Geschwafel ist nicht mehr am Puls der Zeit. Und natürlich tut es auch weh, den Mann, der in völlig zu Unrecht vergessenen Siebziger-Jahre-Softpornos seinen Körper ganz entspannt auf Flokatiteppichen präsentierte, drei Jahrzehnte später beim Training keuchend auf Rinderhälften einschlagen zu sehen. Aber es geht eben auch um einen nicht ganz unironischen Kampf gegen das eigene Verschwinden. Demnächst ist Stallone auch in seiner zweiten Paraderolle wieder zu sehen. In Rambo 4, die Perle der Kobra wird er christliche Menschenrechtler aus Myanmar befreien. Nein, der Mann hat die populärkulturelle Zukunft der Pensionärsgesellschaft erkannt. Auf irgendwie rührende Art zeigt er uns, dass die Rente mit 67 auch ihre guten Seiten hat: "Fight your fight!" Lieber hin und wieder noch eine verwackelte Rechte landen, statt unverrichteter Dinge im Altersheim der Actiongeschichte zu hocken.

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