Energie für gutes Klima

Achim Steiner, neuer Chef des Umweltprogramms der UN, ist kein Verzichtsprediger, fordert aber mehr Mut zum Klimaschutz Von Christiane Grefe von Grefe

Seit der Klimawandel ganz oben auf der Weltagenda steht, ist er auch in den ersten Adressen der Hauptstadt salon-, zeitgemäß gesagt: loungefähig. Am Pariser Platz etwa kam jüngst bei einer »Sustainability Lounge« ein breites Who’s who? aus Ökoszene und Wirtschaft zusammen, um die Marktchancen innovativer Energietechnologien zu diskutieren. Auf dem Podium: Umweltminister Sigmar Gabriel und Michael Hölz, der Nachhaltigkeitsexperte der Deutschen Bank. Die größte Neugierde aber richtete sich auf Achim Steiner, den dritten hochrangigen Redner.

Der neue Direktor beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep), Klaus Töpfers Nachfolger also, goss auch gleich Wasser in den Aufbruchs-Prosecco: Mit Sorge beobachte er, »dass wir Deutschen uns in der Klimadebatte stets als Vorreiter sehen«, sagt er. »Tatsächlich vermisse ich Courage.« Zwar fehle es der Bundeskanzlerin nicht an Verständnis des Problems und ihrer Rolle als EU- und G8-Präsidentin in diesem klimapolitisch entscheidenden Jahr. Doch die Regierung sei in Zweifeln verhaftet und lege keine angemessenen Gesetze für die dringliche Senkung der CO2-Emissionen vor.

Die Unternehmer indes seien nicht besser: Öffentlich forderten Energieversorger und Autofirmen zwar Rahmenbedingungen für Klimaschutzmärkte – hinter den Kulissen aber, bemängelt Steiner, bekämpften sie klare Regeln für einen Markt, der eben nicht von allein funktioniere. Auch Banken blieben risikoscheu: »Wo«, fragt Steiner Michael Hölz, »bleiben Ihre großen Umwelt-Portfolios?«

Klartext. Doch der 46-jährige Unep-Chef, der selbst im anthrazitfarbenen Anzug wie eine Mischung aus Naturbursche und lässigem Harvard-Professor wirkt, bringt Kritik so smart und dennoch ernsthaft, bar jeden vordergründigen Punktesammelns vor, dass er eher Nachdenklichkeit als Abwehr provoziert. Am späten Abend noch wird er mit Wirtschaftsvertretern beraten, um Kooperationsmöglichkeiten, etwa für die nachhaltige Entwicklung Chinas, auszuloten.

Achim wer? Fachkreise loben ihn als kompromissfähigen Überzeugungstäter, in Deutschland aber ist der bei der UN ranghöchste Vertreter der Republik, der qua Funktion zugleich Stellvertreter des Generalsekretärs ist, selbst sieben Monate nach seinem Amtsantritt noch immer ein Unbekannter. Das liegt nicht bloß daran, dass Steiner bisher fast immer im Ausland gearbeitet hat. Er hat sich zudem erst einmal auf die Arbeit in seiner Behörde in Nairobi konzentriert.

Denn dort steht er vor einer immensen Herausforderung: Es geht darum, das Programm der UN zu stärken, das die »Dunkelseiten der Globalisierung« bewältigen soll und dessen Ausstattung in keinem Verhältnis zum drohenden Ausmaß des Klimawandels und der Erosion der globalen Ressourcen steht.

Schon sein Vorgänger hatte bei unermüdlichen Reisen Ansehen und Einfluss von Unep weltweit erhöht und den Blick auf die gegenseitigen Abhängigkeiten bei Emissionen, Wasser oder Biodiversität gelenkt. Nun will der Neue die »Dienstleistungsagentur der Weltgemeinschaft« auch intern in Schwung bringen, damit sie mit ihrer Expertise noch effizienter die globale Umweltsituation bewerten und verbessern kann, »von der Erdatmosphäre bis hinunter ins Dorf«.

Das ist bei einem Etat, der »vielleicht dem eines mittelständischen Unternehmens« entspreche, nur mit ungewöhnlichen Mitteln möglich. So ließ Steiner neue Organisationsideen nicht allein von Führungskräften erarbeiten, sondern setzte auch Teams junger Leute aus der Mitte der Abteilungen darauf an. Solch motivierende Managementmethoden sind überall selten – erst recht in der notorisch reformresistenten, hierarchischen, mitunter verzankten UN-Bürokratie.

Auch rasche Entscheidungsfähigkeit hat Steiner bereits bewiesen: ob es um die Überwachung eines Ölteppichs im Mittelmeer im Libanonkrieg ging oder um die Entsorgung giftmüllverseuchter Böden an der Elfenbeinküste.

Aktion schafft Glaubwürdigkeit. Und die kann der neue Chef brauchen, wenn er nächste Woche mit dem Unep-Verwaltungsrat in Nairobi über die Aufwertung seines UN-Programms diskutieren wird. Ob Steiner, der als hartnäckig und in großen Linien denkend gilt, den Ehrgeiz hat, das existierende Umweltprogramm langfristig in eine veritable UN-Umweltorganisation umzuwandeln, lässt er offen. Nicht zuletzt die Vertreter vieler Schwellen- und Entwicklungsländer sperren sich gegen ein solches kraftvolleres Umweltregime. Sie fürchten neue Wachstumshindernisse, aufgezwungen von Industrienationen, die ihnen schon immer viel Hilfe versprachen, aber wenig hielten – auch beim Kampf gegen den Klimawandel, dessen Folgen gerade die Ärmsten am härtesten treffen. Ihr Vertrauen zu gewinnen beschreibt Steiner als sein »Kernanliegen«. Und so viel steht für ihn fest: »In wenigen Jahren soll Unep als ein Beispiel für das Gelingen der UN-Reform stehen.«

Wenn das einer schafft, dann der, muss Kofi Annan gedacht haben, als er vergangenes Frühjahr überraschend ein zweites Mal einen Deutschen ins gleiche Amt berief, trotz Gegenkandidaten. Sensibel wird schließlich im UN-System sonst der Eindruck vermieden, es könnten nationale Erbhöfe entstehen. Doch Steiner – auch das ist selten – war nicht von der Bundesregierung ins Spiel gebracht worden. Er kam von außen und erschien prädestiniert allein wegen seiner vielfältigen Kompetenz und kosmopolitischen Biografie.

Geboren in Brasilien, kehrt der Sohn eines deutschen Pflanzenzüchters Anfang der siebziger Jahre mit seiner Familie zurück nach Niedersachsen. Doch schon mit 14 zieht es ihn wieder hinaus: »Ich wusste immer, ich will international arbeiten.« Steiner besucht eine englische Schule, studiert Philosophie, Politik und Volkswirtschaft in Oxford und London, setzt ein Postgraduiertenstudium beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik drauf. Dann geht er als Entwicklungsexperte für die GTZ und andere Organisationen nach Pakistan, Vietnam, Südafrika und Simbabwe, wo er seine Frau kennenlernt. Sie stammt von der Kanalinsel Guernsey, das Paar hat zwei kleine Kinder.

Erfahrungen aus vielen Kulturen bringt Steiner also mit. In Pakistan zum Beispiel, erzählt er, habe er mit einem Kollegen vom Stamm der Paschtunen zusammengewohnt, dessen Ehefrau es traditionell verboten war, mit einem fremden Mann auch nur zu reden: »Wenn sie kam, war ein Teil des Hauses für mich tabu.« Solche Begegnungen hätten ihn »ganz natürlich gelehrt, dass man auch mit Menschen leben und gemeinsam Dinge entwickeln kann, deren Weltanschauung man nicht teilt«.

In Pakistan wurde er zum Umweltschützer. Geprägt von einer Kindheit auf dem Traktor und einem »ganz unkomplizierten Verhältnis zur Natur, die man einfach als Rohstoff nutzte«, habe ihm erst die Arbeit dort in den ländlichen Regionen die Augen dafür geöffnet, »wie sehr gerade die Ärmsten von intakten Ökosystemen abhängen«, sagt Steiner. Seitdem tritt er »bei einer immer noch zu sehr aufs Nationale beschränkten Umweltdiskussion« für die Bedürfnisse der Entwicklungsländer ein. Zuletzt als Generaldirektor der Weltnaturschutzunion IUCN.

Sein politisches Meisterstück indes war die Geschäftsführung der Weltstaudammkommission: Auf dem Höhepunkt der von Brasilien bis Indien brennenden Konflikte um diese zentralistischen Großprojekte zur Stromgewinnung gelang es Steiner Ende der neunziger Jahre mit großem Geschick, Vertreter der milliardenschweren Dammindustrie mit ihren schärfsten Gegnern über Jahre an einem Tisch zu halten und eine gemeinsame Einschätzung der ökologischen und sozialen Folgen sowie neue Baurichtlinien herbeizuführen. Ein spannungsgeladener Prozess – und seine Schlüsselerfahrung dafür, dass ein Konsens nicht beim kleinsten gemeinsamen Nenner stehen bleiben muss, sondern dass man Lösungen auf einer dritten Ebene finden kann: »Ich habe erlebt, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, ihre Positionen zu ändern, wenn sie Möglichkeiten erkennen, die sie vorher nicht gesehen haben.«

Natürlich kritisieren radikalere Umweltgruppen Steiner dafür, dass er überhaupt mit Industrievertretern redet. Von anderer Seite wird ihm im Gegenteil eine Neigung zur politischen Korrektheit nachgesagt. Dabei betont er selber laufend, Klimaschützer dürften keine Verzichtsprediger sein: »Es geht um intelligenteres Leben, nicht um klösterliches«, sagt er. »Wir haben, mit unserer Macht als Konsumenten oder bei neuen Technologien, noch unendlich viele unausgeschöpfte Möglichkeiten.«

i Aktuelle Kommentare und Lektüren zur Außenpolitik: www.zeit.de/kosmoblog

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