Kein Skandal ist größer als der Mord ohne Grund. Wann immer uns die Nachricht von der mörderischen Gewalt jugendlicher Täter erreicht, fragen wir zuallererst nach dem Grund, nach dem Motiv – als ob die begriffene Untat geringeres Gewicht hätte als die unerklärte und unerklärliche. Dabei liegt es auf der Hand, dass der Tote, den die Tat, wie motiviert auch immer, zurückließ, in jedem Fall tot bleibt.

Dennoch ist die Suche nach der Ursache plausibel, sogar unausweichlich. Der Rechtsstaat muss das Motiv der Tat herausfinden, weil sich das Strafmaß danach richtet. Es ist ein Unterschied, ob ich jemanden in Notwehr töte, aus Geldgier oder im Suff. Auch die Gesellschaft hat ein Interesse daran, die Ursache des Verbrechens zu kennen. Nur so lässt es sich bekämpfen. Aber wenn es den grundlosen Mord wirklich gibt, also das Urverbrechen aus nichtigem Anlass, dann ist die Rationalität unseres Zusammenlebens weniger stabil, als wir zu denken geneigt sind. Natürlich gelten die Gesetze der Kausalität für jede Tat, also auch für die Gewalttat. Insofern gibt es, logisch gesprochen, den grundlosen Mord nicht. Aber es gibt Gründe, die wir nicht ertragen, die wir als Gründe nicht akzeptieren.

Die Erzählung Der Fremde von Albert Camus (1953) gehört zu jenen zahlreichen Texten der Weltliteratur, in denen der Mord ohne Grund geschildert wird. Die entscheidende Szene spielt an einem nordafrikanischen Strand. Dort sieht der Erzähler aus einiger Entfernung einen Araber und erkennt in ihm einen der beiden Männer, mit denen es kurz zuvor eine Schlägerei gegeben hatte. Ein flüchtiger Bekannter des Erzählers hatte sie angezettelt. Der Erzähler aber, der die Ursache des Streits nicht kannte, war untätig dabeigestanden, obwohl ihm der Bekannte einen Revolver in die Hand gedrückt hatte.

In dieser Szene nun geht der Erzähler nicht, wie er eigentlich vorhat, unauffällig seines Wegs, sondern er bewegt sich auf den einsam im Schatten eines Felsens ruhenden Mann zu. "Ich wusste, dass das dumm war, dass ich die Sonne nicht los würde, wenn ich einen Schritt weiter ginge. Aber ich tat einen Schritt, einen einzigen Schritt nach vorn. Und diesmal zog der Araber, ohne aufzustehen, sein Messer und ließ es in der Sonne funkeln. Licht sprang aus dem Stahl, und es war wie eine lange, funkelnde Klinge, die mich an der Stirn traf. Da geriet alles ins Wanken. Vom Meer kam ein starker, glühender Hauch. Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen. Ich war ganz und gar angespannt, und meine Hand umkrallte den Revolver. Der Hahn löste sich, und mit einem harten, betäubenden Krachen nahm alles seinen Anfang."

Wir sehen hier die teuflische Imitation des paradiesischen Augenblicks. Wir sehen die Zeichen der Offenbarung: das Licht, den geöffneten Himmel – gerade so, als ob ein Gott sich zeigen und das Heilsgeschehen seinen Anfang nehmen wollte. "Dann schoss ich noch viermal auf den leblosen Körper, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es sah. Und es waren gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils." Das Bild vom Himmel, der Feuer regnen lässt, wirkt wie eine Illustration jener Äußerung von Jesus, die Lukas berichtet (10,18): "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz."

In seinen Gesprächen mit jugendlichen Gewalttätern stieß der Soziologe Ferdinand Sutterlüty immer wieder auf die Beschreibung eines rauschhaften Offenbarungserlebnisses auf dem Gipfel der Untat. Der Täter gerät in einen Ausnahmezustand, den er um jeden Preis verlängern will. Das erklärt die lustvolle, hingebungsvolle Grausamkeit, mit der manche Opfer zu Tode gequält werden. So wie der Erzähler bei Camus davon berichtet, der erste und tödliche Schuss habe ihm nicht genügt, sondern er habe vier weitere abgeben müssen.