PorträtKeiner konnte sich der Tränen enthalten

Sophie von La Roche war Deutschlands erste Erfolgsautorin – die empfindsame, dramatische »Geschichte des Fräuleins von Sternheim« machte 1771 Furore. Ihr eigenes Leben verlief nicht minder bewegt. Zum 200. Todestag der Dichterin ein Porträt. von Doris Maurer

Es war, drei Jahre vor Goethes Werther, eine literarische Sensation, der Überraschungscoup des Jahres: ein Roman, ein Briefroman, empfindsam und spannend, wie man das bis dahin nur aus England oder Frankreich kannte. Der berühmte Schriftsteller Christoph Martin Wieland hatte das Buch herausgegeben und im Vorwort behauptet, eine ihm bekannte Dame sei die Verfasserin. Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim – von einer Freundin derselben aus Original-Papieren und anderen zuverlässigen Quellen gezogen , so lautete der Titel des Werkes, das seit dem Jahr seines Erscheinens, 1771, im ganzen deutschsprachigen Raum Furore machte.

Die Geschichte, die das Buch erzählt, ist aber auch eine tolle, unerhörte Begebenheit. Sie berichtet vom Schicksal der tapferen, aufrechten Waise Sophie von Sternheim, die nach vielen Angriffen auf ihre Tugend – man will sie zur Mätresse am Fürstenhof machen, ein Schurke geht eine Scheinehe mit ihr ein, sie gerät in Todesgefahr –, nach schrecklichen Wirren und Enttäuschungen am Ende doch noch… Aber wir wollen den Ausgang nicht verraten! Kurz: Das literarische Publikum war ergriffen, erschüttert, begeistert. Selbst empfindsame Herren suchten verschämt nach dem Taschentuch; das Fräulein von Sternheim wurde zum erregten Tagesgespräch aller Salons, ob in Hamburg oder Basel, Göttingen oder Wien. Die ganze junge Generation der Stürmer und Dränger feierte den Roman, der ihren eigenen Aufklärungsglauben, ihre Emanzipationslust und lodernde Gefühlsseligkeit in so gleich gestimmter Sprache zum Ausdruck brachte.

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Es war aber nicht nur die Fabel selbst, die rührte. In der großartigen Sophie erkannten die Leserinnen ihr Frauenideal. Denn im Roman ist sie kein bloßes Opfer, leidend, passiv, sondern es gelingt ihr, aus eigener Kraft frei und tugendhaft zu überleben. Und just diese bewundernswerte Frau wurde von einer Frau geschildert! Zwar hatte es Mutmaßungen gegeben, hinter der merkwürdigen Formulierung des Untertitels habe Wieland nur die eigene Autorschaft verbergen wollen. Doch bald schon war es publik geworden: Diesen kühnen Roman hatte tatsächlich eine Frau verfasst. Eine Frau, die wirklich Sophie hieß: Sophie La Roche.

Da lag die Vermutung nahe, das Buch erzähle ein authentisches Schicksal, vielleicht gar das Leben der Autorin selber. Ließ sich an so ein Buch überhaupt der Maßstab der Kritik anlegen? »Alle die Herren irren sich«, mahnte ernst ein Rezensent seine Mitkritiker, »wenn sie glauben, sie beurteilen ein Buch – es ist eine Menschenseele, und wir wissen nicht, ob diese vor das Forum der großen Welt gehört!«

Dergleichen Lob schürte die Neugier auf die Autorin. Wer war diese Sophie La Roche? Eine Dame von Welt offensichtlich, geistreich, aber nie als Schriftstellerin hervorgetreten. So viel hatte das Publikum schon herausgebracht.

Tatsächlich steht das Leben der Sophie (von) La Roche dem ihrer Romangestalt an Verwicklungen, Aufregungen und Intrigen kaum nach – nur dass ihr, anders als der Sophie ihrer Fantasie, niemand nach dem Leben trachtete. Am 6. Dezember 1730 wird sie als erstes Kind des Arztes Georg Friedrich Gutermann und seiner Gemahlin Regina Barbara in der schwäbischen Reichsstadt Kaufbeuren geboren, wenig später zieht die Familie über Lindau nach Augsburg. Der ehrgeizige Vater trainiert das Töchterlein früh, will es zum Wunderkind dressieren. Mit drei Jahren kann sie lesen, mit fünf – so schreibt sie später – hat sie bereits die ganze Bibel studiert. Sie erhält Unterricht in Geschichte, Astronomie, Französisch und am Klavier. Dabei werden die weiblichen, hausfraulichen Künste nicht vernachlässigt, und fromm sein und im pietistischen Geist der Väter leben soll das Kind natürlich auch. Doch als Sophie ihren Vater bittet, Latein lernen zu dürfen, erlaubt dieser das nicht. Latein ist Männersprache, »männliche Bildung« vermindert die Chancen auf dem Heiratsmarkt, und die Tochter gut zu verehelichen bleibt schließlich die Pflicht des Hausvaters.

Leserkommentare
  1. 1. Sophie

    Ach, eine herzergreifende Geschichte.

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