Spanien: Der Fall Andratx
Am Lieblingsplatz des deutschen Jetsets auf Mallorca tobt ein Bauskandal. Die Bagger stehen trotzdem nicht still.
Mit leisem Surren zoomt die Kamera auf ein Urlaubsidyll. Die Terrasse der Bar Central am Hafen von Port d’Andratx ist an diesem Nachmittag fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die Gäste, meist solche mit nordischem Einschlag, haben ihre Pullover auf die Stuhllehnen verbannt und sitzen in kurzärmeligen Hemden vor ihren Milchkaffees oder Pilsgläsern. In den Sonnenbrillen spiegelt sich der wolkenlose Himmel. Dahinter, im Hafenbecken, schaukelt sacht eine Reihe gut verankerter Jachten, umkreist von ein paar Wildenten auf der Suche nach Brot- und Gemüseabfällen.
Es ist einer dieser gesegneten Tage, die die Mallorquiner nach einer Bauernregel calmas de enero, Januarmilde, nennen. Am südwestlichen Ende der Insel, wo das Klima ohnehin übers Jahr die meisten Sonnenstunden und den wenigsten Niederschlag beschert, ist der Verwöhnfaktor auch jetzt am höchsten. Wer es sich leisten kann, legt hier die Füße hoch, während Mitteleuropa den überfälligen Winter erwartet.
Gerald Hau nimmt den Fotoapparat mit einem verächtlichen Schnauben vom Gesicht. »Hübsche Ansammlung von Schwarzgeld. Von denen werden auch noch einige Schwierigkeiten bekommen.« Denn der schöne Schein von Andratx trügt. Im Lieblingsort des deutschen Jetsets auf Mallorca, wo auch Sabine Christiansen und der Regisseur Dieter Wedel Villen besitzen, hat sich ein Skandal angebahnt. Korruption im Amt, Vergabe illegaler Baugenehmigungen, Geldwäsche, Annahme von Schmiergeldern in Millionenhöhe – so lauten die Vorwürfe der spanischen Staatsanwaltschaft. Der Bürgermeister und zwei seiner Gehilfen wurden verhaftet. Auch Deutsche könnten für ihren Platz an der Sonne noch teuer bezahlen.
»Es ist ein offenes Geheimnis, dass oft Schmiergelder flossen, um Baugenehmigungen zu erwirken«, sagt Hau. Der deutsche Geograf arbeitet für den mallorquinischen Umweltschutzverband Grup Balear d’Ornitologia i Defensa de la Naturalesa (GOB). Seit Jahren ist er den Machenschaften in Andratx auf der Spur. Er fuhr die Küste ab und fotografierte betonierte Fundamente, Rohbauten im Sonnenuntergang, Bautafeln, auf denen vier Ausrufezeichen hinter dem Versprechen »Baubeginn sofort möglich« Investoren anlockten. Verglich stundenlang Satellitenbilder im Internet mit Raumordnungsplänen. Und verfasste Einwände. Die Akten füllen eine Schublade im GOB-Büro in Palma. Vierzig Klagen reichte der Verein ein. Vergeblich, wie es lange schien.
Ortstermin auf einersonnenüberfluteten Terrasse in Cala Llamp, einem Ortsteil von Port d’Andratx. Im Auto sind es nur ein paar Minuten vom Hafen in die sanften Ausläufer des Tramuntanagebirges. Hau besucht den Besitzer einer Villa. »Schaun Sie sich das an. Ist das nicht hässlich?«, fragt der zur Begrüßung und weist auf die gegenüberliegenden Hügel. Sie sind gespickt mit Hunderten von Gebäuden. »Als ich vor zwanzig Jahren hierherkam, war das alles grün.« Den bis vor Kurzem noch freien Blick aufs Meer blockieren jetzt die Rohbauten für zwei dreistöckige Wohnblocks. Betonpfeiler ragen in den Himmel, Zwischendecken sind bereits eingezogen. Ein Schild der Immobilienagentur Vila & Asociados verspricht in Phase eins »Zwölf Luxusapartments ab 390000 Euro«. In Phase zwei sind weitere zwölf vorgesehen. »Illegal«, sagt Hau. Laut Regionalplan sei das Grundstück eine Grünfläche, die nicht bebaut werden dürfe.
»Im November 2005 wurden hier plötzlich die Bäume abrasiert«, erinnert sich der Nachbar mit Schaudern. »Ich bin sofort zum Rathaus, aber da wollte man mir keine Auskunft geben. Ein paar Tage später kamen die Bagger. Mein Haus hat gebebt, die Weinflaschen sind aus dem Regal gefallen, und der Swimmingpool hat seither Sprünge.« Zusammen mit anderen Betroffenen wird ein Anwalt beauftragt. Im April 2006, verspricht er, wird er Klage einreichen. Doch als die Mandanten ihm die verlangten 5000 Euro Honorar bezahlen wollen, ist er nicht mehr erreichbar. Monatelang lässt er sich verleugnen.
Es ist nicht nur die Sorge um den Ausblick, die den Villen-Besitzer umtreibt. Der Mittsiebziger hat Angst, zum ersten Mal in all den Jahren auf Mallorca. Das ist auch der Grund, warum er unbedingt anonym bleiben möchte. Denn seine Geschichte hat die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft schließlich ausgelöst. Im Zuge der »Operation Voramar« – benannt nach einem beliebten Strand von Andratx – wird inzwischen gegen 56 Verdächtige ermittelt: Beamte, Inhaber von Baufirmen, Bauträger, Architekten, Grundstückseigentümer. Viele, die Grund hätten, ihm übelzuwollen, meint der Mann. »Für viel Geld sind schon Leute umgebracht worden.«
Fragt man nach den Verantwortlichen, fällt immer wieder ein Name: Eugenio Hidalgo. Der Politiker der konservativen Partei PP war Bürgermeister von Andratx, bis am 27. November Staatsanwaltschaft und Polizei ins Rathaus vorrückten, zentnerweise Akten beschlagnahmten und ihn abführten. Bis dahin hatte er in Andratx den Mann von Welt gegeben, teure Anzüge getragen und einen Porsche gefahren. Hidalgo, der einst als einfacher Polizist aus der westspanischen Region Extremadura auf die Balearen gekommen war. Er versuchte sich als Autohändler und Bauunternehmer und ging schließlich in die Politik. »In seiner Vierfachfunktion als Bürgermeister, Baustadtrat, Bauunternehmer und Bauträger war er nicht mehr zu stoppen«, sagt der Umweltschützer Hau.
Die 10000-Einwohner-Gemeinde mit dem Hauptort Andratx, dem Hafen Port d’Andratx, mit Camp de Mar, Sant Elm und s’Arracó ist in wenigen Jahren zur siebtgrößten auf Mallorca angewachsen. Nur in der Hauptstadt Palma mit ihren 350000 Einwohnern wird mehr gebaut als hier. Port d’Andratx, einst ein reiner Fischereihafen, weil die Einheimischen noch heute in Erinnerung an die furchtbaren Piratenüberfälle im Mittelalter lieber im Hinterland wohnen, ist eine Großbaustelle. Wohin man sich auch wendet, bedeutet Meerblick meist mehr Blick auf Baukräne. Der Lobgesang in vielen Reiseführern auf Port d’Andratx als »einen der schönsten Häfen im Mittelmeer« darf inzwischen als veraltet gelten.
Im Dorf seien praktisch alle Flächen belegt, räumen selbst Bauunternehmer ein. Immer weiter gehen sie an die Steilhänge. Bevor am 15. April die Hauptsaison auf Mallorca beginnt, treiben die Arbeiter tagein, tagaus tonnenschwere Presslufthämmer in das Millionen Jahre alte Gestein. Die Geräuschmischung aus Klirren, Klopfen und Hacken zerreißt werktäglich über Stunden die Luft. »Wenn der Wind aus Westen kommt, wehen dicke Staubwolken herüber«, klagt eine Villenbesitzerin aus Hamburg. Auch sie will ihren Namen nicht nennen. »Wir sind oft wochenlang nicht hier«, sagt sie entschuldigend. »Wir fürchten, dass da jemand aus Rache an unser Haus gehen könnte.« 1999, als ihr Mann seine Firma verkauft hatte, wollte das Ehepaar sich im Ortsteil Cala Llamp zur Ruhe setzen. Doch von Ruhe keine Spur. »Mallorca macht uns nur Kummer. In den vergangenen Jahren wurde immer mehr gebaut. Wenn ein Bau abgeschlossen war, hoffte man, dass das jetzt der letzte war. Aber dann fingen sie mit einem neuen an. Der ganze Berg wird abgetragen. Der Lärm ist unerträglich.«
Als Bürgermeister machte sich Hidalgo eine Besonderheit der spanischen Gesetzgebung zunutze, die autonomía local. Sie überlässt die Bauplanung fast vollständig der Gemeinde. Übergeordnete Behörden dürfen nur einschreiten, wenn es sich um klaren Rechtsbruch oder um eine überregionale Angelegenheit handelt. Erst als der Verein GOB stellvertretend für die Anrainer von Cala Llamp Zivilklage erhob, kam der Bruch. Die Staatsanwaltschaft spricht von bis zu 18 Jahren Haft für Hidalgo. Mitte Dezember kam er nach mehr als zwei Wochen Untersuchungshaft kurz auf freien Fuß. Nun sitzt er wieder ein, wegen Gefahr der Strafvereitelung. Zu den Vorwürfen nimmt er keine Stellung.
Jaume Porsell hat jetzt Hidalgos Platz im Rathaus übernommen. Ein Mann, der bisher keine großen politischen Ambitionen hatte und nun versucht, den Schaden für seine Partei zu begrenzen, indem er Hidalgo als einzelnen Gestrauchelten hinstellt. Nach Feierabend trifft man Porsell am Hafen in der Bar Central. »Wir sind ein friedlicher Ort, in dem sich die Leute wohlfühlen«, sagt der 41-Jährige mit Nachdruck und stemmt seinen schweren Körper ein wenig aus dem Korbstuhl. »Nicht umsonst kommen die Deutschen so gern hierher.« Auf die Skandalgeschichten gäben die Touristen nicht viel, sagt er. »Das Leben geht weiter wie zuvor.«
Das Geschäft allemal. Während sich die Caféterrassen langsam leeren und nur ein paar wenige Gäste ausharren, um die Sonne im Meer versinken zu sehen, haben die Immobilienmakler noch Hochbetrieb. In der ersten Reihe der Hafenpromenade fehlt keiner der großen internationalen Namen. Engel & Völkers oder Kühn & Partner locken in ihren Schaufenstern dreisprachig mit Villen mit Meerblick und herrschaftlichen Fincas. Keine unter einer Million Euro. Die teuerste für 7,5 Millionen. Für andere gibt es den Preis nur auf Anfrage.
»Dass hier viele Dreck am Stecken hatten, war doch klar«, sagt eine deutsche Immobilienmaklerin. Sie bittet für das Gespräch in den Hinterhof der Agentur und möchte ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen. Probleme? »Nein, ein paar Leute sind hier gerade etwas nervös. Aus politischen Gründen. Sie müssen wissen, im Mai sind hier Kommunalwahlen, und die sozialistische Opposition versucht, den Boden zu bereiten.« Fast wortgleich sagt das auch der konservative Regierungschef der Balearen, Jaume Matas. Dennoch haben einige Makler auf den Skandal reagiert. Die Agentur Engel & Völkers hat mit ihren Anwälten eine neue Kaufvertragsklausel für Grundstücke und Appartments im Bau besprochen: Danach bekommen die Interessenten die zehn Prozent Anzahlung auf den vollen Preis zurück, sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass das Objekt mit dubiosen Machenschaften in Zusammenhang steht, sagt Direktor Daniel Waschke. Negative Auswirkungen auf den Umsatz? Keineswegs. »Wir liegen sogar im Plus, im Dezember gab es ein paar Anfragen von verunsicherten Kunden. Jetzt ist die Geschichte vergessen.«
Hunderte Einheimische gingen in den Tagen nach Hidalgos Festnahme auf die Straße – aus Solidarität. »Die Leute sind sauer, wie hier vorgegangen wurde«, sagt Porsell im Café und klimpert mit dem Löffel in seiner leeren Espressotasse. »Da stürmen fünfzig Polizisten das Rathaus, als ob wer weiß was passiert sei. Hidalgo wurde behandelt wie ein Terrorist.« Hat sich in all den Jahren im Gemeinderat nie jemand über den Reichtum des Bürgermeisters gewundert? Ist keinem der Lokalpolitiker aufgefallen, dass an Stellen gebaut wurde, wo das eigentlich verboten war? Porsell rutscht auf seinem Stuhl hin und her. »Ich kann das nicht beurteilen«, sagt er schließlich langsam. »Ich habe Hidalgo immer mit teuren Autos gesehen. Das war sein Hobby. Es hieß immer, er habe vor Jahren in der Lotterie gewonnen. Wie es aussieht, hat es wohl Unregelmäßigkeiten gegeben.«
So auch ein paar Schritte entfernt von der Bar Central in einem Landschaftsschutzgebiet von Port d’Andratx. Gerald Hau fotografiert ein gutes Dutzend dreistöckiger, lang gezogener Häuser, die dort im Rohbau stehen. Direkt vor der Haustür des Viersternehotels Mont Port. »Hier wurde ein Trick angewandt«, sagt Hau. »Flächen, die an ein Baugebiet angrenzen, wurden ebenfalls zu Baugebiet erklärt.« Mit so einer Begründung ließe sich ganz Mallorca zubetonieren.
Doch selbst bei so offensichtlichem Rechtsbruch wagt sich kaum jemand aus der Deckung. Juan Fegui, Direktor des Hotels Mont Port, organisiert gerade die Wiedereröffnung seines Hauses nach der Winterpause. In wenigen Tagen werden die ersten Gäste in der weitläufigen Anlage im Stil mallorquinischer Herrenhäuser erwartet. Die Website des Hotels verspricht ihnen einen »unvergesslichen Aufenthalt« und zeigt Fotos von Schatten spendenden Palmen im Garten, genussvoll im Abendlicht speisenden Menschen auf der Restaurantterrasse, einem Spa-Bereich, der wohltuende Stille ausstrahlt. Doch so mancher Besucher wird sich vor allem an den Baulärm von nebenan erinnern. »Wir haben dazu keine Meinung«, blockt Fegui das Gespräch ab. Einwände haben weder er noch die Besitzer des Hotels je erhoben. »Das Rathaus hat die Baugenehmigung erteilt. Ob dies rechtens war, prüft nun die Staatsanwaltschaft.« Übergangsbürgermeister Porsell, selbst Mitinhaber eines Bauträgerunternehmens, hat die Verantwortung für die Bautätigkeiten in seiner Gemeinde bis auf Weiteres an die Regionalregierung in Palma abgegeben. Diese hat die Überprüfung sämtlicher Vorhaben versprochen. Doch das kann dauern. Und so lange dürfen selbst die illegalen Bauten fortgesetzt werden.
Tage später ein Anruf bei der Immobilienagentur Vila & Asociados. Sind die Wohnungen von Cala Llamp noch zu haben? Fast alle seien bereits an Deutsche und Engländer verkauft, erklärt der Mitinhaber Cisco Vila. »Nur in Haus 2 sind noch zwei Erdgeschosswohnungen frei. Die haben zwar keinen so traumhaften Ausblick auf das Meer, dafür aber einen schönen Garten.« Auf der Website der Immobilienagentur findet sich kein Wort der Warnung, dass der Komplex möglicherweise auf einer illegalen Genehmigung fußt. Doch, doch, versichert Vila stattdessen, der Termin zur Fertigstellung im Oktober 2007 werde auf jeden Fall eingehalten. Der Bauunternehmer sei ein Freund, für den könne er die Hand ins Feuer legen. Also kein Grund zur Sorge? Die 24 Wohnungen gehören sicher nicht zu denen, die gerade auf dem Prüfstand stehen? Nun, meint Vila, »es ist natürlich immer besser, wenn man als Käufer einen guten Anwalt hat. Wenn die Richter hinterher etwas anderes entscheiden, weiß ich auch nicht, was passiert.«
Reisen
- Für Leute mit Fernweh »






Ich bin nicht im gerinsten erstaunt über die Zustände in Andraitx. Ersetzt man ein paar Ortsnamen und Personen, kann der Text für alle Sehnsuchtsorte mit Meerblick stehen.
Na, zum glück kann man in Deutschland auf andere Länder herabsehen und dabei vergessen das die Bananenrepublik direkt vor der eigenen Haustür anfängt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren