Berlinale 2007 Geld oder Leben
Der jüdische Kommunist Adolf Burger überlebte den Holocaust, weil er im KZ Falschgeld drucken musste. Seine Erinnerungen wurden verfilmt und haben auf der Berlinale Premiere. Ein Besuch in Prag bei einem außergewöhnlichen Zeitzeugen.
Der Tote wirkt heute wieder besonders lebendig. Wie er schwungvoll das Gartentor öffnet. Wie er die Treppe des Prager Vororthäuschens hinaufeilt. Legen Sie ab, nehmen Sie Platz, darf ich Ihnen Kaffee anbieten? Dann setzt er sich dem Besucher gegenüber in den Wohnzimmersessel und beantwortet die ersten Fragen, noch ehe man sie hat stellen können. »Wir waren ja Tote auf Urlaub«, sagt der KZ-Überlebende Adolf Burger, der während des Zweiten Weltkriegs mit 139 anderen jüdischen Häftlingen in einer geheimen Fälscherwerkstatt des Lagers Sachsenhausen kistenweise Pfundnoten druckte.
Juden wurden für dieses sogenannte Unternehmen Bernhard rekrutiert, um die Geheimnisträger nach getaner Arbeit problemlos beseitigen zu können. Burger, der diesen Sommer 90 wird, müsste eigentlich seit mehr als 60 Jahren tot sein. Er ist in Auschwitz fast verhungert, wurde in Birkenau mit Typhus infiziert, ließ sich von einem Mitgefangenen einen erfrorenen Zeh amputieren, bekam von einem SS-Bewacher die Vorderzähne ausgeschlagen und sollte noch wenige Stunden vor Kriegsende erschossen werden.
Als im Frühjahr 1945 die Rote Armee näherrückte, wurde das Geheimquartier geräumt, über Mauthausen kamen die Männer ins steirische Ebensee, das letzte noch nicht befreite KZ. Vorm Tor wollte der kommandierende SS-Hauptscharführer sie pflichtschuldig liquidieren, was nur zufällig ein Wehrmachtsoffizier vereitelte, der kurz vor Eintreffen der Amerikaner keine Massenerschießungen mehr wollte. Er ließ den Fälschertrupp frei, während die SS aus dem Tal floh. »Ich habe mich gleich zum amerikanischen Freiheitskomitee gemeldet, um in den Alpen bei der Verhaftung von SD und Gestapo zu helfen«, sagt Adolf Burger, der vor dem Krieg in der tschechoslowakischen Armee gedient hatte. Er verstehe aber, dass der Spielfilm Die Fälscher, der auf der Berlinale Premiere haben wird, ein weniger kompliziertes Happy End brauchte.
Der Film beschreibt die größte Geldfälschungsaktion aller Zeiten als inneren Konflikt einer Gruppe unfreiwilliger Kollaborateure. Sie mussten Millionen britischer Pfund produzieren, um die Währung des Kriegsgegners zu destabilisieren und den deutschen Rüstungshaushalt zu stützen. Dafür wurden sie von der Endlösung beurlaubt: um für den Endsieg zu schuften. Der Regisseur Stefan Ruzowitzky hat aber nicht das Abenteuerliche betont, sondern das moralische Dilemma. Er verleitet nicht zur Empathie mit den Tätern wie Oliver Hirschbiegels Untergang und nicht zur Heroisierung der Opfer wie viele KZ-Trauerspiele aus der DDR, etwa Konrad Wolfs Nackt unter Wölfen . Darin liegt die Überlegenheit seines Film, der auf Burgers 1951 veröffentlichtem Erfahrungsbericht Des Teufels Werkstatt beruht: in dem illusionslosen Realismus.
Es ist der Realismus Burgers. »Als die Kinoleute mich fragten, habe ich sofort eingewilligt«, sagt der alte Herr, »weil ich die Möglichkeit sah, vielen Zuschauern klarzumachen, dass die Nazis nicht nur Mörder, sondern auch ganz gemeine Betrüger waren.« Vier Drehbücher hat er gelesen, um, wie er lakonisch bemerkt, den gröbsten Unfug zu verhindern. Zum Beispiel, dass Himmler die Häftlinge ausgezeichnet hätte. Oder dass sie nach den Pfundnoten noch massenhaft Dollar druckten. »Wir schafften ja nur 200 Dollarblüten, weil die Russen schon vor der Tür standen.« Später legt er einige echte Falsifikate auf den Couchtisch und zeigt, was beim Kopieren am schwierigsten war. Die feinen, unregelmäßig verlaufenden Linien. Die stumpfen Ränder. Die Schattierungen. Die Heliogravuren, die aus Zeitmangel in Lichtdrucktechnik nachgeahmt werden mussten.
Der gelernte Drucker spricht über die Vergangenheit, als hätte er sie gestern erlebt, und so unsentimental, als sei sie jemand anderem widerfahren. Der Sohn armer Juden, geboren 1917 in der Hohen Tatra, erzogen in der linkszionistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair, arbeitete nach Machtantritt des faschistischen Priesters Josef Tiso für die verbotene kommunistische Partei der Slowakei. 1942 wurde er in Bratislava verhaftet. Erst kam er nach Auschwitz, dann nach Birkenau, dann nach Sachsenhausen. Dort half ihm, dass er wie viele slowakische Juden Deutsch sprach. Während er erzählt, springt er immer wieder auf, um Dokumente zu holen oder Kaffee zu brühen. Die Nusskipfel habe seine Tochter gebacken. Warum probieren Sie nicht? Er entschuldigt sich, dass er selbst nichts nehme. Das sei das Rezept seines langen Lebens: kein Alkohol, kein Tabak, wenig Essen. Nein, mit dem KZ habe das nichts zu tun. Burger scheint entschlossen, dem Besucher die Beklommenheit auszureden, die man empfindet, wenn man mit Naziopfern spricht.
- Datum 09.02.2007 - 02:15 Uhr
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- Serie berlinale
- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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'Spur der Steine' ist von Frank Beyer, genauso wie 'Nackt unter Wölfen'.
'Spur der Steine' ist nicht von Konrad Wolf, sondern von Frank Beyer, außerdem ist der Film eine Romanverfilmung, mithin das Drehbuch auch von der Vorlage (von Bruno Apitz) abhängig.
Da hätte die p.t. Wessi-Journalistin vielleicht doch erst mal recherchieren - oder zumindest googlen sollen, bevor sie in CDU-konformer Weise gegen die DDR-Kultur nachtritt...
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