Da ist etwas süßes und reines / an deinem kleinmädchenmund / und den perlen, die du / in deiner hand hältst«, beginnt die junge Dichterin und Sängerin Patti Smith ihr Gedicht mit dem Titel marianne faithfull, eine Beschwörung von Liebe und Angst um die vergötterte Heldin. Von Tränen, die vorübergehen, vom Little Bird hatte Marianne in den sechziger Jahren mit kindreiner Stimme gesungen, vom kleinen Vogel, der nur leben kann und unschuldig in seiner Schönheit leuchtet, wenn er fliegt. Berührt er die Erde, stirbt er. Es könnte die Geschichte ihrer Karriere sein, ihrer Platten, ihrer Filme, ihrer Auftritte – wie überlebt man auf der Hochspannungsleitung? Marianne Faithfull, im Berlinale-Film »Irina Palm«. Ihr Leben ist ein Hin und Her zwischen Rebellion und Mainstream. »Meine Karriere«, sagt sie, »war ein Glücksfall. Ich habe mitgespielt, so gut ich konnte« BILD

Nun schlurft eine ältere Frau in einem unförmigen Mantel durch London, mit klobigen Stiefeln und einer Plastikeinkaufstasche, die Füße schwer, aber zielstrebig. Maggie heißt sie, und Regisseur Sam Garbarski hat es gewagt, unsere Pop-Ikone Marianne Faithfull in eine Babuschka aus den Londoner Vororten zu verwandeln. Er schenkte ihr eine Rolle, in der die Rebellin nicht schockieren muss und doch keinen Zweifel an ihrer Haltung lässt. Ihr unglaubliches Gesicht, zugleich weich und scharf geschnitten, bewegt sich durch London, mit hellen Augen, klassischer Nase und diesem vollen Mund. Als Maggie in Irina Palm trägt Marianne Faithfull die Last der eigenen Sixties von den Suburbs zur U-Bahn, bis sie an der Oxford Street aussteigt, in jener Stadt, wo sie vor 40 Jahren zum Girlie-Symbol der Swinging Sixties aufstieg. Noch nie provozierte sie in einem Film so still und so hintergründig; grandios hat sie zu ihrer Unschuld zurückgefunden.

Maggie sucht einen Job, sie braucht Geld, weil die Behandlung des schwerkranken Enkels unbezahlbar ist, weil die ärztliche Rettung irgendwo in einer Klinik in Australien liegt, 6000 Pfund weit entfernt. Kein Kredit für eine 60-jährige Frau, keine Arbeit für eine Witwe, was soll also ein armes Mädchen tun, bis sie im Fenster das Schild »Hostess required – excellent rates« liest, das Angebot als Putz- und Kaffeejob missversteht und in einem Pornoladen in Soho landet: »Was haben Sie hier verloren? Suchen Sie Ihren Mann?«

Doch der Besitzer hat gute Augen, sieht ihre weichen Hände, bietet ihr für 600 Pfund die Woche den Raum hinter der Kabine für Männer an, den Platz an einer Wand mit einem runden Loch. Anonym für die Kunden, anonym für sie. »Ich denke, dass Sie nicht mal fuck sagen können«, vermutet der Betreiber, und sie senkt den Blick, hebt die Augen, lächelt nicht, sie muss nichts beweisen, nur Hand anlegen. »Ich habe nie einen dreckigen Film gesehen. Ich war auch nie in meinem Leben in einem Sexclub«, sagt Faithfull im Interview und scheint ein bisschen über die eigene Unerfahrenheit belustigt. »Bis ich Irina Palm drehte, war ich nie in dieser Welt. Und ich bin auch ganz bewusst nicht in einen Sexclub gegangen, um mich auf die Rolle vorzubereiten. Wäre ich gegangen, dann hätte diese Welt nie so befremdlich auf Maggie wirken können.« Marianne Faithfull alias Großmutter Maggie wird das Angebot annehmen. Und Faithfull ist die tiefe Sympathie, ja Solidarität mit ihrer Filmfigur bei jeder Silbe anzumerken. »Was mich interessiert hat«, sagt sie, »ist Maggies Weg. Von einer eingeschlossenen, weltabgewandten kleinen Hausfrauenexistenz ohne wirkliches Leben zu einer Person mit Mut und Stärke. Vom Vorort zur wichsenden Witwe, was für eine Reise!«

Sie hasst es, für die falschen Dinge gelobt oder bedauert zu werden

1967, vor 40 Jahren, hatte Marianne Faithfull die Ehre, als erste Schauspielerin in einem nicht indizierten Film, in I’ll Never Forget What’s ’Isname, das Wort »fuck« zu sagen. Sie war der »Engel mit den riesigen Titten«, wie der Rolling-Stones-Produzent Andrew Loog Oldham feststellte, sie war die »Marsriegel-Marianne« in jener angeb lichen Orgie der Stones, die von der britischen Polizei öffentlich gemacht wurde, von pornografischen Tonbändern wurde berichtet und von freier Liebe in freien Zeiten. Doch die Schuldige war kein Opfer, sie firmierte als die unheilige Marianne des Punk, bevor der Name zum Genre wurde. »Ich war schon immer eine Exhibitionistin«, gestand sie in ihrer selbstkritischen und klugen Autobiografie, und selten griffen die Räder der Fantasie-Maschinerie so reibungslos ineinander wie bei ihr: ein englischer Vater, der sozialutopischen Naturkulten anhängt und sich von seiner österreichisch-ungarischen Frau trennt, die wiederum von Sacher-Masoch abstammt. Was will man mehr? Die Mutter schützt ihre adlige Herkunft gegenüber dem Klatsch und Tratsch der englischen Vororte mit Arroganz und Stil und schickt ihre Tochter in die örtliche Klosterschule. Eine 13-Jährige, die mit dem großen Theater zu Hause aufwächst und als »Sweet Little Sixteen« in Folkclubs singt, eine 17-Jährige, die in die Londoner Kunstszene Einlass findet und schließlich boheme-proletarische Rock-’n’-Roll-Musiker wie Mick Jagger und Keith Richards durch ihre Erscheinung adelt.