Berlinale 2007 Die Heilige in der Pornokabine
Marianne Faithfull steigt als keusche Sexarbeiterin in »Irina Palm« zur großen Schauspielerin auf.
Da ist etwas süßes und reines / an deinem kleinmädchenmund / und den perlen, die du / in deiner hand hältst«, beginnt die junge Dichterin und Sängerin Patti Smith ihr Gedicht mit dem Titel marianne faithfull, eine Beschwörung von Liebe und Angst um die vergötterte Heldin. Von Tränen, die vorübergehen, vom Little Bird hatte Marianne in den sechziger Jahren mit kindreiner Stimme gesungen, vom kleinen Vogel, der nur leben kann und unschuldig in seiner Schönheit leuchtet, wenn er fliegt. Berührt er die Erde, stirbt er. Es könnte die Geschichte ihrer Karriere sein, ihrer Platten, ihrer Filme, ihrer Auftritte – wie überlebt man auf der Hochspannungsleitung?
Nun schlurft eine ältere Frau in einem unförmigen Mantel durch London, mit klobigen Stiefeln und einer Plastikeinkaufstasche, die Füße schwer, aber zielstrebig. Maggie heißt sie, und Regisseur Sam Garbarski hat es gewagt, unsere Pop-Ikone Marianne Faithfull in eine Babuschka aus den Londoner Vororten zu verwandeln. Er schenkte ihr eine Rolle, in der die Rebellin nicht schockieren muss und doch keinen Zweifel an ihrer Haltung lässt. Ihr unglaubliches Gesicht, zugleich weich und scharf geschnitten, bewegt sich durch London, mit hellen Augen, klassischer Nase und diesem vollen Mund. Als Maggie in Irina Palm trägt Marianne Faithfull die Last der eigenen Sixties von den Suburbs zur U-Bahn, bis sie an der Oxford Street aussteigt, in jener Stadt, wo sie vor 40 Jahren zum Girlie-Symbol der Swinging Sixties aufstieg. Noch nie provozierte sie in einem Film so still und so hintergründig; grandios hat sie zu ihrer Unschuld zurückgefunden.
Maggie sucht einen Job, sie braucht Geld, weil die Behandlung des schwerkranken Enkels unbezahlbar ist, weil die ärztliche Rettung irgendwo in einer Klinik in Australien liegt, 6000 Pfund weit entfernt. Kein Kredit für eine 60-jährige Frau, keine Arbeit für eine Witwe, was soll also ein armes Mädchen tun, bis sie im Fenster das Schild »Hostess required – excellent rates« liest, das Angebot als Putz- und Kaffeejob missversteht und in einem Pornoladen in Soho landet: »Was haben Sie hier verloren? Suchen Sie Ihren Mann?«
Doch der Besitzer hat gute Augen, sieht ihre weichen Hände, bietet ihr für 600 Pfund die Woche den Raum hinter der Kabine für Männer an, den Platz an einer Wand mit einem runden Loch. Anonym für die Kunden, anonym für sie. »Ich denke, dass Sie nicht mal fuck sagen können«, vermutet der Betreiber, und sie senkt den Blick, hebt die Augen, lächelt nicht, sie muss nichts beweisen, nur Hand anlegen. »Ich habe nie einen dreckigen Film gesehen. Ich war auch nie in meinem Leben in einem Sexclub«, sagt Faithfull im Interview und scheint ein bisschen über die eigene Unerfahrenheit belustigt. »Bis ich Irina Palm drehte, war ich nie in dieser Welt. Und ich bin auch ganz bewusst nicht in einen Sexclub gegangen, um mich auf die Rolle vorzubereiten. Wäre ich gegangen, dann hätte diese Welt nie so befremdlich auf Maggie wirken können.« Marianne Faithfull alias Großmutter Maggie wird das Angebot annehmen. Und Faithfull ist die tiefe Sympathie, ja Solidarität mit ihrer Filmfigur bei jeder Silbe anzumerken. »Was mich interessiert hat«, sagt sie, »ist Maggies Weg. Von einer eingeschlossenen, weltabgewandten kleinen Hausfrauenexistenz ohne wirkliches Leben zu einer Person mit Mut und Stärke. Vom Vorort zur wichsenden Witwe, was für eine Reise!«
Sie hasst es, für die falschen Dinge gelobt oder bedauert zu werden
1967, vor 40 Jahren, hatte Marianne Faithfull die Ehre, als erste Schauspielerin in einem nicht indizierten Film, in I’ll Never Forget What’s ’Isname, das Wort »fuck« zu sagen. Sie war der »Engel mit den riesigen Titten«, wie der Rolling-Stones-Produzent Andrew Loog Oldham feststellte, sie war die »Marsriegel-Marianne« in jener angeb lichen Orgie der Stones, die von der britischen Polizei öffentlich gemacht wurde, von pornografischen Tonbändern wurde berichtet und von freier Liebe in freien Zeiten. Doch die Schuldige war kein Opfer, sie firmierte als die unheilige Marianne des Punk, bevor der Name zum Genre wurde. »Ich war schon immer eine Exhibitionistin«, gestand sie in ihrer selbstkritischen und klugen Autobiografie, und selten griffen die Räder der Fantasie-Maschinerie so reibungslos ineinander wie bei ihr: ein englischer Vater, der sozialutopischen Naturkulten anhängt und sich von seiner österreichisch-ungarischen Frau trennt, die wiederum von Sacher-Masoch abstammt. Was will man mehr? Die Mutter schützt ihre adlige Herkunft gegenüber dem Klatsch und Tratsch der englischen Vororte mit Arroganz und Stil und schickt ihre Tochter in die örtliche Klosterschule. Eine 13-Jährige, die mit dem großen Theater zu Hause aufwächst und als »Sweet Little Sixteen« in Folkclubs singt, eine 17-Jährige, die in die Londoner Kunstszene Einlass findet und schließlich boheme-proletarische Rock-’n’-Roll-Musiker wie Mick Jagger und Keith Richards durch ihre Erscheinung adelt.
Marianne Faithfull hasst es, für die falschen Dinge gelobt oder bedauert zu werden. Sie war kein willfähriges Objekt männlicher Fantasien, und doch fehlte es ihr an jenem selbstverliebten Ehrgeiz, der rebellische Töchter wie Courtney Love auszeichnet. Sie ließ sich treiben und ließ sich auffangen, heiratete, wenn sie nicht mehr weiterwusste, und fand immer wieder Songs, in denen sie ihr Leben spiegelte und die sie zu ihren eigenen machte, im Guten wie im Bösen. 1964 inspirierte sie Mick Jagger und Keith Richards zu deren erster Komposition As Tears Go By , 1971 stahlen sie ihren Text zu Sister Morphine – »Muse zu sein ist ein undankbarer Job«. 1978 wurde sie mit Working Class Hero und Broken English zur Gudrun Ensslin des Rock, die achtziger Jahre überlebte sie mit Trouble In Mind, in den Neunzigern verschaffte sie sich mit Kurt Weill und der Weimarer Dekadenz Respekt, bis sie wieder zu den jungen Rebellen fand, zu Beck, Nick Cave, Jarvis Cocker und P.J. Harvey. Sie gab und nahm von ihnen und sang am Ende doch unverändert nur von sich. Eine Karriere mag man das, im Spiegel von Madonna, Whitney Houston oder Beyoncé, nur bedingt nennen, sie sucht nicht nach neuen Rollen, sie sucht nach Songs, die zu ihrer sich verändernden Person und Stimme passen – Kinder ihres Lebens.
»Meine Karriere war ein Glücksfall, und ich habe mitgespielt, so gut ich konnte«, gestand sie 1995, es war ein Hin und Her zwischen Boulevard, kleinen Filmen und grandiosen Songs, zwischen rebellischem Underground und luxuriösem Mainstream, zwischen Shakespeares Ophelia im Theater in London und Nackt unter Leder, wie ein Film von 1967 hieß – ihre erste und letzte große Rolle, jetzt als DVD wieder erhältlich. »Ein schrecklicher Film«, meint sie und hat damit ebenso recht wie mit der Einschätzung ihres Filmpartners Alain Delon, den sie »arroganter Arsch« nennt. Girl On A Motorcycle – so der Originaltitel – lässt sich nicht mal als »Softporno« genießen, eher als Fundgrube memorabler Sätze. »Nimm mich, mein schwarzer Hengst«, bespricht Marianne ihre Harley Davidson, mit der sie filmlang nach Heidelberg unterwegs ist, hin zu Alain Delon, einem Literaturprofessor. Der Film wäre kaum erwähnenswert, würde er nicht das »Man hört, isst, liebt mit den Augen«-Prinzip bis zum Überdruss ausreizen, auch wunderschöne Jugend kann nach zehn Minuten nerven. Marianne fährt Motorrad – in endloser Großaufnahme –, mit wehendem Haar und lasziv geöffnetem Mund, lachend und nachdenklich, trotzig und wild, wie der innere Monolog es verlangt: »Rebellion hält einen am Leben. Wenn die Uhr acht schlägt, will ich in Heidelberg sein – in deinen Armen.« Was zu sehen ist: Die junge Marianne Faithfull war eine ungelenke Schauspielerin, im Film wie auf der Bühne.
Stocksteif hielt sie sich zu As Tears Go By am Mikrofon fest, damals verwandelte sie ihre Angst in liebenswert unbeholfenen Charme. Auch heute hebt sie im Konzert ihre Hand zu Tönen, die nicht gehoben werden müssen, streicht Haare aus der Stirn, die nicht stören, es ist ein bisschen wie früher, eigentlich weiß sie nicht, wohin mit sich. Im Theater identifizierte sie sich so sehr mit ihren Rollen als Ophelia, als Irena in Tschechows Drei Schwestern oder als Teufel in Robert Wilsons Black Rider, dass sie nur unter Drogen spielen kann, zusammenbricht oder nicht mehr aus der Rolle nach Hause findet. Im Kino gerät sie fast ausschließlich an schlechte oder mittelmäßige Regisseure, und selbst Jean-Luc Godard scheint sie 1966 in Made in USA als Teil des Ambientes zu verwenden, wenn er sie dekorativ in eine Bar setzt. »Sag doch wenigstens etwas!«, bittet sie ausdruckslos den Mann neben sich, der genervt aufsteht: »Ich hab die Nase voll.« Und dann singt sie mit verletzlicher Jungmädchenstimme a cappella As Tears Go By. Schönheit ersetzt kein Drehbuch, doch die pure Melancholie der Musik und Faithfulls Aura gehörten zusammen, retten das Vergängliche ins Zeitlose. Im Laufe der Jahre passten sich ihre Songs ihrem Körper an, oder, besser, Junkie-Körper und rauchig-kratzige Stimme suchten sich ihre Songs. So projizierte sie sich ihre Geschichten auf den eigenen Leib, und diese Geschichten waren ihre besten Filme.
»Ich spiele, um eine Pause von mir selbst zu machen«
Man betrachtet jetzt ein kleines Wunder, wenn sie den Wettbewerbsfilm Irina Palm mit ihrer Geschichte, ihrer Ausstrahlung und ihrer Unschuld besetzt. Das könnte wie eine ironische Brechung wirken, und doch gehen hier Sex und Unschuld ganz ernsthaft Hand in Hand. »Es hat mich keinen Mut gekostet, Maggie zu werden«, sagt Marianne Faithfull. »Es war klar, dass diese Frau durchschnittlich sein musste. Und kein bisschen sexy. Wäre sie ein verkapptes Sexhäschen gewesen, wäre die Geschichte nicht halb so schön. Deshalb habe ich mir die Haare in diesem langweiligen Braun gefärbt. Und deshalb trägt sie diese fürchterlichen Sachen. Sie hat ja auch kein Geld. Ihr Haus gehört ihr nicht mehr, ihr Leben ist hart. Das muss man ihr auch irgendwie ansehen.«
Marianne alias Maggie macht Karriere in ihrer kleinen Pornokabine, fassungslos starrt sie anfangs auf ihre gesalbten Hände, eine Heilerin aus den Vororten. Mit der wachsenden Routine einer Handwerkerin erlöst sie die Männer von ihren Beschwerden, die sie sich vorn im Club bei den jungen nackten Tänzerinnen zugezogen haben, Männer, die dann in einer Schlange an der Tür anstehen, welche der Besitzer mit dem exotischen Schriftzug »Irina Palm« verzieren ließ. Und doch macht sich der Film nicht lustig, weder über die Männer noch über die Stripperinnen, noch über Maggie, die sich langsam heimelig einrichtet in ihrem Zimmer, eine Wickelschürze trägt und eine Thermoskanne zur Arbeit mitbringt, das Familienfoto an die Wand hängt und den Tisch mit Blümchen in der Vase dekoriert. Es ist eine von Faithfulls liebsten Szenen: »Da sieht man, wer sie wirklich ist: eine einfache Mittelklassehausfrau, die diese Welt pragmatisch zu ihrer eigenen macht. Sie will, dass es nett aussieht, egal, ob sie in Sexy World oder in ihrem Wohnzimmer sitzt.«
Sie ist im Einklang mit ihrer Arbeit – was mag auch weniger entfremdet sein als Maggies Handarbeit? –, und so über-schneidet sich auf wunderbare Weise Marianne Faithfulls widerspenstiger Geist mit Maggies kleinbürgerlichem Stolz, als diese im Vorortkaffeekränzchen den Freundinnen ihre misstrauisch registrierten Londonfahrten erklärt. »Mickey sagt, ich hätte die beste Rechte in London«, erklärt sie bescheiden, und man hört förmlich die Kekse knirschen – die wanking widow, die wichsende Witwe, zieht die ehrliche Arbeit am Geschlecht dem heimlichen und verdrucksten Sex hinter Vorortgardinen vor. Marianne Faithfull genießt es: »Maggie ist auch eine versteckte Rebellin. Wenn sie ihren Freundinnen ihre Arbeit beschreibt und die Schwanzgrößen zeigt, dann will sie diese Spießerinnen schockieren. Sie kann es endlich mit ihnen aufnehmen. Ihr ganzes Leben hat sie mit ihnen Bridge gespielt, ohne sie wirklich zu mögen. Und dann knallt sie ihnen mit Genuss die ganze Sexgeschichte vor den Latz. Sie ist die Beste! Wahrscheinlich ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie die Beste bei irgendetwas ist. Das ist auch ein bisschen traurig.«
Eine liebenswertere und zugleich radikalere Umwertung einer erotischen Ikone war selten zu sehen. »Ich spiele«, sagt Faithfull denn auch in schöner Einfachheit und lacht ein rauchiges Lachen, »um eine Pause von mir selbst zu machen. Eine Pause von Marianne Faithfull. Nicht dass ich nicht gern Marianne Faithfull wäre. Ich bin glücklich, ich selbst zu sein. Aber es ist etwas Wunderbares, in einer anderen Persönlichkeit zu versinken.«
Marianne Faithfull muss sich nicht unbeholfen verkaufen, sie muss nicht singen, muss nicht provozieren, nicht
fuck
sagen, sie muss nur schauen und ihre Augen lächeln lassen, um ihre Unschuld wiederzufinden. Marianne Faithfull ist ihrer eigenen Haut und unseren Erwartungen entkommen, sie ist von der besten singenden Nebendarstellerin zur großen Hauptdarstellerin aufgestiegen.
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Ein Spezial mit Porträts, Reportagen, Kritiken und einem Videotagebuch von Harald Martenstein »
- Datum 09.02.2007 - 02:50 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie berlinale
- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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Mich erinnert das an die Geschichte der Rita Tushingham. Und damit zugleich an Dieter Gütt. Eine vermeintlich Unscheinbare, die unvermittelt zum Mittelpunkt einiger oder eines Menschen wird. Marianne Faithfull fand vor 40 Jahren nur in Zusammenhang mit anderen 'statt'. Und dann, nach so vielen Jahren - zugleich plötzlich und unerwartet - wird ihre singuläre Erscheinung entdeckt. Irina Palm - gewissermaßen die Brigitte Mira der Popkultur. Die Handschuhe kondomisieren das nagende schlechte Gewissen. Angst essen Seele auf.
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