Berlinale 2007 Die Heilige in der PornokabineSeite 3/3
Sie ist im Einklang mit ihrer Arbeit – was mag auch weniger entfremdet sein als Maggies Handarbeit? –, und so über-schneidet sich auf wunderbare Weise Marianne Faithfulls widerspenstiger Geist mit Maggies kleinbürgerlichem Stolz, als diese im Vorortkaffeekränzchen den Freundinnen ihre misstrauisch registrierten Londonfahrten erklärt. »Mickey sagt, ich hätte die beste Rechte in London«, erklärt sie bescheiden, und man hört förmlich die Kekse knirschen – die wanking widow, die wichsende Witwe, zieht die ehrliche Arbeit am Geschlecht dem heimlichen und verdrucksten Sex hinter Vorortgardinen vor. Marianne Faithfull genießt es: »Maggie ist auch eine versteckte Rebellin. Wenn sie ihren Freundinnen ihre Arbeit beschreibt und die Schwanzgrößen zeigt, dann will sie diese Spießerinnen schockieren. Sie kann es endlich mit ihnen aufnehmen. Ihr ganzes Leben hat sie mit ihnen Bridge gespielt, ohne sie wirklich zu mögen. Und dann knallt sie ihnen mit Genuss die ganze Sexgeschichte vor den Latz. Sie ist die Beste! Wahrscheinlich ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie die Beste bei irgendetwas ist. Das ist auch ein bisschen traurig.«
Eine liebenswertere und zugleich radikalere Umwertung einer erotischen Ikone war selten zu sehen. »Ich spiele«, sagt Faithfull denn auch in schöner Einfachheit und lacht ein rauchiges Lachen, »um eine Pause von mir selbst zu machen. Eine Pause von Marianne Faithfull. Nicht dass ich nicht gern Marianne Faithfull wäre. Ich bin glücklich, ich selbst zu sein. Aber es ist etwas Wunderbares, in einer anderen Persönlichkeit zu versinken.«
Marianne Faithfull muss sich nicht unbeholfen verkaufen, sie muss nicht singen, muss nicht provozieren, nicht
fuck
sagen, sie muss nur schauen und ihre Augen lächeln lassen, um ihre Unschuld wiederzufinden. Marianne Faithfull ist ihrer eigenen Haut und unseren Erwartungen entkommen, sie ist von der besten singenden Nebendarstellerin zur großen Hauptdarstellerin aufgestiegen.
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- Datum 09.02.2007 - 02:50 Uhr
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- Serie berlinale
- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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Mich erinnert das an die Geschichte der Rita Tushingham. Und damit zugleich an Dieter Gütt. Eine vermeintlich Unscheinbare, die unvermittelt zum Mittelpunkt einiger oder eines Menschen wird. Marianne Faithfull fand vor 40 Jahren nur in Zusammenhang mit anderen 'statt'. Und dann, nach so vielen Jahren - zugleich plötzlich und unerwartet - wird ihre singuläre Erscheinung entdeckt. Irina Palm - gewissermaßen die Brigitte Mira der Popkultur. Die Handschuhe kondomisieren das nagende schlechte Gewissen. Angst essen Seele auf.
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