SchuleEnde einer Dienstzeit

Eine Lehrerin stirbt. Zerbrach sie unter dem Druck der Reformen? Der notwendige Wandel an den Schulen untergräbt das Selbstbewusstsein vieler erfahrener Pädagogen. von 

Diese Geschichte einer Lehrerin ist nicht alltäglich. Sie steckt voller Widersprüche. Und sie kennt mindestens zwei Wahrheiten, die niemals zur Deckung kommen werden. Aber vielleicht sagt sie gerade deshalb besonders viel aus über den deutschen Schulalltag. Über den enormen Reformdruck, unter dem viele Schulen ächzen. Über die Angst vieler Pädagogen, angesichts des Tempos nicht mithalten zu können. Über die Frage, was ein guter Lehrer ist.

»Kommen Sie, hier entlang!« Der Essener Schulrat Peter Schneiderhan* eilt voran. »Das ist das neue Ganztagsgebäude.« Wir betreten helle, freundliche Gänge und buntgestaltete Räume. Im Bewegungsraum steht eine Kletterwand, in der Bibliothek laden Kissen und Matratzen zum Lesen ein. Es riecht nach frischem Holz. Schneiderhan führt gern durch die Mariannen-Schule*, er ist stolz auf sie. Einen »Superprozess« habe sie hinter sich, sagt er und nickt anerkennend der Rektorin zu.

In der Tat ist beachtlich, was Kollegium und Schulleitung auf den Weg gebracht haben. Ob bei der Teamarbeit der Lehrer, im Schulprogramm oder im Elterncafé: Viele Stichworte der Reformdebatte scheint die Essener Mariannen-Schule in Realität verwandelt zu haben. Die Lehrer arbeiten bei der Sprachförderung mit der Universität zusammen und im Musikunterricht mit der Philharmonie. Im Büro der Rektorin, einer energischen Frau, ziehen sich die in Ordnern dokumentierten Projekte (»Förderkonzept I«, »Förderkonzept II«, »Qualitätszirkel«,…) einen Meter über das Regal. Früher sei hier manches anders gewesen, sagt der Schulrat. Nun würden junge, starke Lehrer den Ton angeben. »Die Schule ist jetzt gut aufgestellt.«

Der Schulrat ist bei seinem Rundgang am Eingang angekommen. Hier mündet das neue Schulgebäude ins alte – und die Gegenwart in die Vergangenheit. Hier beginnt die andere Wahrheit.

Auf einem kleinen Tisch am Eingang steht ein Foto. Es zeigt eine blonde Frau, dezent geschminkt, mit randloser Brille. Daneben liegen Bilder, gemalt von den Kindern ihrer letzten Klasse. »Du wahrst die beste Lehrerin der Wält«, »für Frau Sperfeld«, »Wir hatten Muzik bei ihr«. Petra Sperfeld*, 24 Jahre lang Lehrerin an der Essener Mariannen-Schule, ist tot. Gestorben am 27. Oktober 2006. Sie wurde 51 Jahre alt.

Als Freunde und Kollegen die Nachricht hörten, dachten sie an Selbstmord. Der Gerichtsmediziner stellte einen natürlichen Tod fest. Lungenembolie, vermuteten die Ärzte, oder Herzinfarkt. Doch noch bei der Beerdigung ging vielen durch den Kopf: Die vergangenen zwei Jahre haben Petra Sperfeld den Boden entzogen. Die Schulinspektion, die Kritik an ihrer Arbeit, die Veränderungen im Kollegium und in der Schule, die am Ende nicht mehr die ihre war.

Wer war Petra Sperfeld? Warum wird eine Lehrerin, die vielen als gute Pädagogin gilt, plötzlich als »Minderleisterin« gebrandmarkt? Wie kann ein Unterrichtsbesuch von 45 Minuten ein Berufsleben zerstören? Eine Spurensuche im Jahre sechs nach dem Pisa-Schock.

An die Sache damals mit dem Tipi können sich viele erinnern: »Indianer« hieß das Unterrichtsthema, und Petra Sperfeld bastelte ein Zelt und Kostüme, für jeden Schüler eines. »Petra mochte Kinder über alles«, sagt eine gute Freundin. Kam das Gespräch auf Schule, sprudelte Petra Sperfeld stets los, erzählte von Cem, Ceyda, Kevin. Die dankbar sind, wenn ihnen jemand fünf Minuten zuhört, weil es zu Hause niemand tut. Und gern zur Schule kommen, weil das der einzige Ort ist, wo es etwas anderes gibt als Playstation oder Fernsehen.

Petra Sperfeld sagte »meine Kinder«. Viele Grundschullehrer reden so über ihre Schüler. Für Sperfeld war es mehr als eine Floskel, sie hatte keine eigenen. Die Schule war Familie. Für sie lebte sie, auch über den letzten Pausengong hinaus. Sie bemalte in ihrer Freizeit den Schulhof und nahm am Fastenbrechen der Moschee teil, wo einige Schüler zur Koranstunde gehen. Fehlte ein Kind, kam es zum x-ten Mal ohne Hausaufgaben oder Pausenbrot zum Unterricht, besuchte sie die Eltern.

Einmal, erinnert sich eine Freundin, sagte Petra Sperfeld zu ihr: »Wenn ich tot bin, möchte ich in Katernberg begraben liegen. Damit die Schüler, wenn sie über den Friedhof gehen, sagen: ›Guck mal, da liegt die alte Sperfeld!‹«

Die Behörden nennen Katernberg einen »Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf«, viele Essener sagen »Assi-Viertel«. Früher rauchten hier die Schornsteine der Kohlegrube, die Menschen hatten Arbeit. Heute ist die Zeche geschlossen, und die Menschen haben Hartz IV. Wer konnte, zog fort. Viele, die blieben, haben Probleme, besonders im Einzugsgebiet der Mariannen-Schule: türkische Einwandererfamilien, in denen die Kinder schlechter Deutsch sprechen als die Eltern. Libanesische Clans, die einst vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen waren. Sinti, die in Katernberg seit je ihr Winterquartier aufschlagen. Dabei stammen die Migrantenkinder noch aus halbwegs intakten Familien, »was man von den Deutschen oft nicht sagen kann«, sagt der Schulrat. Die »Marianne« gilt als die schwierigste Schule der Stadt.

Zu allem Überfluss schnappt die guten Schüler des Viertels die katholische Grundschule weg, die ein paar hundert Meter entfernt liegt. Die Folge für die Marianne: Kaum ein Erstklässler spricht mehrere Sätze fehlerfrei. »Wenn ich eine Geschichte vortrage, muss ich jedes dritte Wort erklären«, sagt eine Lehrerin. Schaffen zwei Schüler nach der vierten Klasse den Sprung auf das Gymnasium, gilt dies als großer Erfolg.

Petra Sperfeld hatte oft die Klassen mit den schwierigsten Schülern, bis zuletzt. Eine junge Kollegin entsinnt sich an eine gemeinsame Sportstunde. »Obwohl es nur 20 Kinder und wir zu dritt waren, bekamen wir kein Bein auf die Erde, so außer Rand und Band waren die.« Besonders die Sinti-Kinder haben es in sich. »Meine kleinen Zeitbomben« nannte Sperfeld sie. Doch sie wusste sie zu nehmen, mal streng, mal flapsig, mit Ruhrpotthumor und getragen von einem Kollegium, wie man es sich als Lehrer wünscht. »Wir hielten zusammen, alles wurde gemeinsam beschlossen, und wenn einer von uns heulend aus der Klasse lief, bauten wir ihn wieder auf«, sagt eine Lehrerin.

Verwandelte sich der eingeschworene Kollegenkreis irgendwann in eine Wagenburg wider die Reformen? Schlug der alltägliche Kampf gegen die soziale Verwahrlosung in Fatalismus um? Dieser Eindruck verfestigte sich zunehmend in der Essener Schulbehörde. Weil Sperfeld und ihre Mitstreiter immer wieder auf die schlimmen Zustände hinwiesen, statt für ihre Schule zu werben. Weil sie sich dem ständig sinkenden Lernniveau der Kinder mit ständig sinkenden Anforderungen anpassten. Weil sie eher zögerlich auf die Neuerungen reagierten, welche die Politik in Nordrhein-Westfalen wie überall in die Schulen trug.

Plötzlich sollten die Lehrer den Migrantenkindern nicht allein Lesen und Schreiben beibringen, sondern sie zweisprachig und gemeinsam mit muttersprachlichen Lehrern unterrichten. Von Düsseldorf ging die Weisung aus, alle Schulen müssten ein Profil entwickeln und ihre Ziele in einem Schulprogramm niederschreiben.

Einige Ideen nahmen die Mariannen-Lehrer auf, andere ignorierten sie. Anfangs ließ sich das noch machen, blieben die Reformen doch freiwillig. Nach Pisa jedoch kamen die Neuerungen im Vierteljahrestakt, und der Druck, sie zügig umzusetzen, stieg. Die Schule sollte zum Ganztagsbetrieb werden, das Lernen in den ersten beiden Jahren klassenübergreifend sein. Für jedes Kind mussten die Lehrer nun eine Akte führen: Was kann es? Wie wird es gefördert?

Jede einzelne dieser pädagogischen Innovationen hat ihre Berechtigung. In anderen Ländern sind sie oft längst Wirklichkeit, schrittweise umgesetzt im Verlauf vieler Jahre. Hierzulande, wo jahrzehntelang Stillstand herrschte, holt man all dies nun im Zeitraffer nach – was nicht selten Chaos, Überforderung und Widerstand provoziert.

»Gerade ist die eine Reform halbwegs organisiert, kommt die Anweisung für die nächste«, sagt eine Lehrerin an einer anderen Essener Brennpunktschule. »Und das alles in einer Situation, in der wir Probleme haben, den normalen Unterrichtsbetrieb aufrechtzuerhalten.« Was oben als Hilfe für Schüler und Lehrer gedacht ist, kommt unten als sinnloser Aktionismus und Schikane an.

Und noch etwas schwang in der Skepsis gegenüber den Reformen mit. Das Neue lässt sich als Vorwurf gegen das Alte lesen. Petra Sperfeld sprach darüber mit einer Lehrerfreundin im gleichen Alter. War denn alles falsch, was wir in den vergangenen 25 Jahren gemacht haben? Haben die Kinder nicht auch ohne modischen Schnickschnack etwas bei uns gelernt? Pisa hat dem Land nicht nur einen Schock verpasst, sondern einer ganzen Lehrergeneration einen Knacks im Selbstbewusstsein. Es ist die Generation von Petra Sperfeld.

Die Zweifel des Mariannen-Kollegiums kamen nicht gut an – insbesondere nicht bei dem ehrgeizigen Schulrat Schneiderhan. Schon früh habe er die Katernberger Grundschule auf einer Lehrerkonferenz davor gewarnt, sich dem neuen pädagogischen Zeitgeist zu widersetzen, sagt Schneiderhan. »Ich habe denen gesagt, Tausende arbeitslose Pädagogen stehen draußen bereit, um Ihren Job zu übernehmen.«

Das war eine leere Drohung, kein Job außer dem Papstamt ist so sicher wie der eines deutschen Pädagogen. Aber Lehrer sind ängstliche Menschen. Und bei Petra Sperfeld und ihren Kollegen prägte sich der Satz im Gedächtnis ein – obwohl sich der Schulrat danach mehrere Jahre nicht mehr persönlich in der Schule blicken ließ. Bis zum 13. September 2005.

Sechs Schulräte meldeten sich für diesen Tag an, Schneiderhan und fünf seiner Kollegen. In Zweierteams wollten sie den Unterricht inspizieren, von jedem Lehrer der Mariannen-Schule eine Stunde Leseförderung sehen. Dass sämtliche Schulräte einer Stadt anrücken, um ein Kollegium unter die Lupe nehmen, ist ungewöhnlich. Bis in die Landeshauptstadt Düsseldorf reichte der Protest gegen den geballten Besuch. Vergeblich. Die Visite diene einer umfassenden »Anamnese«, hieß es in einem Brief an die Schule.

Eine Anamnese erzählt in der Medizin die Vorgeschichte einer gesundheitlichen Störung. Im Fall der Mariannen-Grundschule wurde die »Krankheit« beim Schultest Vera (»Vergleichsarbeiten in der Grundschule«) entdeckt. Mit der Untersuchung prüften die Schulbehörden die Lesekompetenz sämtlicher Viertklässler. Durch die große Stichprobe erlaubte Vera – anders als Pisa – ein genaues Bild des Leistungsstandes einzelner Klassen.

Im Fall der Mariannen-Schule war das Bild erschreckend: Mehr als die Hälfte der Kinder erfüllte beim Leseverständnis nicht die Minimalanforderungen. Die Mariannen-Lehrer wunderten sich nicht über die Ergebnisse. Von Kindern, die unter solch schwierigen Bedingungen lernten, könne man nichts anderes erwarten. Schulrat Schneiderhan war empört: »Keiner anderen Schule in Essen haben wir mehr Lehrerstunden zur Förderung der Kinder zugeteilt, und dann so ein Ergebnis.« Er beschloss, einzuschreiten.

Ein Schulrat tritt im Leben vieler Pädagogen zweimal in Erscheinung: bei der Lehrprobe nach dem Referendariat, beim Zeremoniell der Verbeamtung. Danach bleiben die Lehrer meist sich selbst überlassen. Auch Klassenbesuche gehören nicht zum deutschen Schulalltag. Es gibt Pädagogen, deren Stunden über Jahrzehnte außer den Schülern niemand sieht.

Petra Sperfeld gehörte nicht zu ihnen. Sie hatte immer wieder Studenten oder andere Kollegen in der Klasse. Doch nie, um ihre Arbeit begutachten zu lassen. Deshalb hatte auch sie Angst vor der Vorführstunde, große Angst. Schon die Vorbereitung kostete Abende und Wochenenden. Denn um sich auf die Visite einzustellen, forderten die Schulräte detaillierte Dokumente: die Beschreibung der Leseentwicklung aller Kinder, eine Skizze der Lernziele der besuchten Stunde (»dreifach«), die »lesetheoretisch-fachlichen Vorstellungen«.

Am Tag der Wahrheit spielten die Dokumente keine Rolle. Den Beamten war Sperfelds Unterricht Eindruck genug. Die Lehrerin präsentierte sich nervös, die Stimmung war von Beginn an gereizt. Auch den Kindern blieb die Anspannung nicht verborgen. Die »kleinen Zeitbomben« spürten sie besonders – und eine tickte aus. Der Junge ließ sich nicht beruhigen, fügte sich nicht in den Stuhlkreis ein. Sperfeld bekam die Situation nicht in den Griff, wurde barsch, brachte die Stunde nur mit Mühe hinter sich.

»So eine schlechte Stunde habe ich selten gesehen«, sagt ein damals anwesender Schulrat. Nicht nur fehlte dem Unterricht scheinbar ein Konzept. Auch vermissten die Aufsichtsbeamten »jede Sympathie mit den Kindern«. Etwas Schlimmeres konnte man Petra Sperfeld kaum vorwerfen. »Ich habe alles falsch gemacht, was es falsch zu machen gab«, erzählte sie ihrer besten Freundin später. Die Einsicht kam zu spät. Die Beamten hatten ihr Urteil über die pädagogischen Fähigkeiten von Petra Sperfeld gefällt.

Vier Lehrer versagten in den Augen der Inspektoren. »Minderleister« nennt man sie im Essener Schulamt. Das Urteil erreichte schnell das Ohr der Betroffenen. Ebenso erfuhren die »Minderleister/innen« aus einem internen Schreiben, welche Konsequenzen ihnen drohten: »ganztägige Unterrichtseinsichtnahmen«, »Personalentwicklungsgespräche«, gegebenenfalls »disziplinarische Konsequenzen«.

Noch am selben Tag brach Petra Sperfeld zusammen. »Ich kann gar nichts. Ich bin ein schlechter Lehrer. Ich habe mein ganzes Leben alles falsch gemacht!«, schrie sie einer Freundin ins Telefon. In den Tagen darauf folgten Panikattacken, immer wieder fing sie gegenüber anderen an zu weinen. Zwei weitere Lehrer ließen sich krankschreiben, einer musste in psychosomatische Behandlung. Andere verließen die Schule und gingen in den vorzeitigen Ruhestand. Der Schulleiter hatte sich, zermürbt von der Kritik, schon vorher versetzen lassen.

Auch Petra Sperfeld spielte mit dem Gedanken, zu gehen. Doch ein Wechsel bereitete ihr Angst. Nach 24 Jahren noch einmal neu anfangen? Wer weiß, was einen an einer anderen Schule erwartet. Ingrid Harbort-Klaffke, Personalrätin in der Essener Schulbehörde, kennt diese Furcht . »Für viele Lehrer bricht eine Welt zusammen, wenn es heißt, sie müssten an eine andere Schule.« Petra Sperfeld blieb. Mit Hilfe einer Therapie und Antidepressiva fügte sie sich wieder in den Lehreralltag ein. »Meine Scheißegal-Pillen« nannte sie die Tabletten. Nicht nur düstere Gedanken befielen sie, auch Bluthochdruck und Kopfschmerzen, typische Lehrerkrankheiten, stellten sich nun immer häufiger ein.

Kurz nach Beginn des neuen Schuljahres folgte der letzte Schlag. Ihre Klasse wurde aufgelöst. Die neue Schulleiterin beteuerte, die Maßnahme habe nichts mit ihrer Arbeit zu tun. Petra Sperfeld glaubte es nicht. Zum ersten Mal nach mehr als zwei Jahrzehnten stand sie ohne eigene Klasse da.

Knapp drei Monate später starb sie in ihrer Wohnung. Sie wurde erst nach zwei Tagen gefunden. Sie war krankgeschrieben, hatte sich den Fuß gebrochen. Diagnose: Ermüdungsbruch.

Nadelstreifenanzug, rosa Hemd, Krawattennadel, die Haare akkurat mit Gel frisiert: Schulrat Peter Schneiderhan erinnert an einen Manager, der Betriebe saniert. So ähnlich versteht er seine Arbeit. »Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, muss ich einschreiten«, sagt er. Jahrzehntelang hätten Schulbehörden in Deutschland versagt. Nie habe jemand hingeschaut, immer wurde den Lehrern vertraut, dass sie Reformen und Erlasse schon freiwillig umsetzen. »Noch einmal können wir uns diese Politik nicht erlauben«, sagt Schneiderhan und formuliert damit, was alle Politiker sagen, alle Eltern fordern, alle Medien schreiben. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Vor einigen Monaten fand erneut ein landesweiter Leistungsvergleich im Lesen statt, und die Ergebnisse der Mariannen-Schule waren besser.

Und Frau Sperfeld? »Tragisch, dass die Frau sich alles so zu Herzen genommen hat«, sagt Schneiderhan. Lehrer brauchen eben ein dickes Fell, besonders in so einem Stadtteil. »Ich habe mir nichts vorzuwerfen, weder fachlich noch menschlich«, sagt Schneiderhan. Zudem kenne er die Kollegin kaum.

In der Tat. Dem Mann, um den sich Dutzende Gespräche mit Freunden, Kollegen und Eltern gedreht und dessen Anweisungen sie bis in die Nachtstunden beschäftigt hatten, saß Petra Sperfeld persönlich nur einmal gegenüber. Im kurzen Auswertungsgespräch der verpatzten Unterrichtsstunde. Noch heute frage er sich, sagt Schneiderhan, was an der Aussprache denn so schlimm gewesen sei. »So eine Kritik schüttele ich doch ab, wenn ich mit mir im Reinen bin.« Kann man die Arbeit einer Lehrerin in 45 Minuten beurteilen? »Ich sehe das in zehn Minuten«, sagt Schneiderhan.

Auch die anderen Schulräte tauchten nicht mehr auf. Das war nicht mehr nötig. Mit dem Wechsel der Schulleitung und dem Ausscheiden vieler älterer Kollegen war der Widerstand aus Sicht der Behörden gebrochen. Zwei-, dreimal besuchte die neue Rektorin noch den Unterricht von Petra Sperfeld – ohne etwas zu kritisieren. Sie sagt: »Ich dachte, die Sache wäre ausgestanden.«

Petra Sperfeld hat vor dem Tod ihre Erfahrungen in einem Märchen beschrieben: »Das Rennen von Pisa« (PDF) »


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