Schule Ende einer Dienstzeit

Eine Lehrerin stirbt. Zerbrach sie unter dem Druck der Reformen? Der notwendige Wandel an den Schulen untergräbt das Selbstbewusstsein vieler erfahrener Pädagogen.

Diese Geschichte einer Lehrerin ist nicht alltäglich. Sie steckt voller Widersprüche. Und sie kennt mindestens zwei Wahrheiten, die niemals zur Deckung kommen werden. Aber vielleicht sagt sie gerade deshalb besonders viel aus über den deutschen Schulalltag. Über den enormen Reformdruck, unter dem viele Schulen ächzen. Über die Angst vieler Pädagogen, angesichts des Tempos nicht mithalten zu können. Über die Frage, was ein guter Lehrer ist.

»Kommen Sie, hier entlang!« Der Essener Schulrat Peter Schneiderhan* eilt voran. »Das ist das neue Ganztagsgebäude.« Wir betreten helle, freundliche Gänge und buntgestaltete Räume. Im Bewegungsraum steht eine Kletterwand, in der Bibliothek laden Kissen und Matratzen zum Lesen ein. Es riecht nach frischem Holz. Schneiderhan führt gern durch die Mariannen-Schule*, er ist stolz auf sie. Einen »Superprozess« habe sie hinter sich, sagt er und nickt anerkennend der Rektorin zu.

In der Tat ist beachtlich, was Kollegium und Schulleitung auf den Weg gebracht haben. Ob bei der Teamarbeit der Lehrer, im Schulprogramm oder im Elterncafé: Viele Stichworte der Reformdebatte scheint die Essener Mariannen-Schule in Realität verwandelt zu haben. Die Lehrer arbeiten bei der Sprachförderung mit der Universität zusammen und im Musikunterricht mit der Philharmonie. Im Büro der Rektorin, einer energischen Frau, ziehen sich die in Ordnern dokumentierten Projekte (»Förderkonzept I«, »Förderkonzept II«, »Qualitätszirkel«,…) einen Meter über das Regal. Früher sei hier manches anders gewesen, sagt der Schulrat. Nun würden junge, starke Lehrer den Ton angeben. »Die Schule ist jetzt gut aufgestellt.«

Der Schulrat ist bei seinem Rundgang am Eingang angekommen. Hier mündet das neue Schulgebäude ins alte – und die Gegenwart in die Vergangenheit. Hier beginnt die andere Wahrheit.

»Du wahrst die beste Lehrerin der Wält«

Auf einem kleinen Tisch am Eingang steht ein Foto. Es zeigt eine blonde Frau, dezent geschminkt, mit randloser Brille. Daneben liegen Bilder, gemalt von den Kindern ihrer letzten Klasse. »Du wahrst die beste Lehrerin der Wält«, »für Frau Sperfeld«, »Wir hatten Muzik bei ihr«. Petra Sperfeld*, 24 Jahre lang Lehrerin an der Essener Mariannen-Schule, ist tot. Gestorben am 27. Oktober 2006. Sie wurde 51 Jahre alt.

Als Freunde und Kollegen die Nachricht hörten, dachten sie an Selbstmord. Der Gerichtsmediziner stellte einen natürlichen Tod fest. Lungenembolie, vermuteten die Ärzte, oder Herzinfarkt. Doch noch bei der Beerdigung ging vielen durch den Kopf: Die vergangenen zwei Jahre haben Petra Sperfeld den Boden entzogen. Die Schulinspektion, die Kritik an ihrer Arbeit, die Veränderungen im Kollegium und in der Schule, die am Ende nicht mehr die ihre war.

Wer war Petra Sperfeld? Warum wird eine Lehrerin, die vielen als gute Pädagogin gilt, plötzlich als »Minderleisterin« gebrandmarkt? Wie kann ein Unterrichtsbesuch von 45 Minuten ein Berufsleben zerstören? Eine Spurensuche im Jahre sechs nach dem Pisa-Schock.

An die Sache damals mit dem Tipi können sich viele erinnern: »Indianer« hieß das Unterrichtsthema, und Petra Sperfeld bastelte ein Zelt und Kostüme, für jeden Schüler eines. »Petra mochte Kinder über alles«, sagt eine gute Freundin. Kam das Gespräch auf Schule, sprudelte Petra Sperfeld stets los, erzählte von Cem, Ceyda, Kevin. Die dankbar sind, wenn ihnen jemand fünf Minuten zuhört, weil es zu Hause niemand tut. Und gern zur Schule kommen, weil das der einzige Ort ist, wo es etwas anderes gibt als Playstation oder Fernsehen.

Früher hatten die Menschen hier Arbeit, heute haben sie Hartz IV

Petra Sperfeld sagte »meine Kinder«. Viele Grundschullehrer reden so über ihre Schüler. Für Sperfeld war es mehr als eine Floskel, sie hatte keine eigenen. Die Schule war Familie. Für sie lebte sie, auch über den letzten Pausengong hinaus. Sie bemalte in ihrer Freizeit den Schulhof und nahm am Fastenbrechen der Moschee teil, wo einige Schüler zur Koranstunde gehen. Fehlte ein Kind, kam es zum x-ten Mal ohne Hausaufgaben oder Pausenbrot zum Unterricht, besuchte sie die Eltern.

Einmal, erinnert sich eine Freundin, sagte Petra Sperfeld zu ihr: »Wenn ich tot bin, möchte ich in Katernberg begraben liegen. Damit die Schüler, wenn sie über den Friedhof gehen, sagen: ›Guck mal, da liegt die alte Sperfeld!‹«

Die Behörden nennen Katernberg einen »Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf«, viele Essener sagen »Assi-Viertel«. Früher rauchten hier die Schornsteine der Kohlegrube, die Menschen hatten Arbeit. Heute ist die Zeche geschlossen, und die Menschen haben Hartz IV. Wer konnte, zog fort. Viele, die blieben, haben Probleme, besonders im Einzugsgebiet der Mariannen-Schule: türkische Einwandererfamilien, in denen die Kinder schlechter Deutsch sprechen als die Eltern. Libanesische Clans, die einst vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen waren. Sinti, die in Katernberg seit je ihr Winterquartier aufschlagen. Dabei stammen die Migrantenkinder noch aus halbwegs intakten Familien, »was man von den Deutschen oft nicht sagen kann«, sagt der Schulrat. Die »Marianne« gilt als die schwierigste Schule der Stadt.

Zu allem Überfluss schnappt die guten Schüler des Viertels die katholische Grundschule weg, die ein paar hundert Meter entfernt liegt. Die Folge für die Marianne: Kaum ein Erstklässler spricht mehrere Sätze fehlerfrei. »Wenn ich eine Geschichte vortrage, muss ich jedes dritte Wort erklären«, sagt eine Lehrerin. Schaffen zwei Schüler nach der vierten Klasse den Sprung auf das Gymnasium, gilt dies als großer Erfolg.

Petra Sperfeld hatte oft die Klassen mit den schwierigsten Schülern, bis zuletzt. Eine junge Kollegin entsinnt sich an eine gemeinsame Sportstunde. »Obwohl es nur 20 Kinder und wir zu dritt waren, bekamen wir kein Bein auf die Erde, so außer Rand und Band waren die.« Besonders die Sinti-Kinder haben es in sich. »Meine kleinen Zeitbomben« nannte Sperfeld sie. Doch sie wusste sie zu nehmen, mal streng, mal flapsig, mit Ruhrpotthumor und getragen von einem Kollegium, wie man es sich als Lehrer wünscht. »Wir hielten zusammen, alles wurde gemeinsam beschlossen, und wenn einer von uns heulend aus der Klasse lief, bauten wir ihn wieder auf«, sagt eine Lehrerin.

Verwandelte sich der eingeschworene Kollegenkreis irgendwann in eine Wagenburg wider die Reformen? Schlug der alltägliche Kampf gegen die soziale Verwahrlosung in Fatalismus um? Dieser Eindruck verfestigte sich zunehmend in der Essener Schulbehörde. Weil Sperfeld und ihre Mitstreiter immer wieder auf die schlimmen Zustände hinwiesen, statt für ihre Schule zu werben. Weil sie sich dem ständig sinkenden Lernniveau der Kinder mit ständig sinkenden Anforderungen anpassten. Weil sie eher zögerlich auf die Neuerungen reagierten, welche die Politik in Nordrhein-Westfalen wie überall in die Schulen trug.

Plötzlich sollten die Lehrer den Migrantenkindern nicht allein Lesen und Schreiben beibringen, sondern sie zweisprachig und gemeinsam mit muttersprachlichen Lehrern unterrichten. Von Düsseldorf ging die Weisung aus, alle Schulen müssten ein Profil entwickeln und ihre Ziele in einem Schulprogramm niederschreiben.

Einige Ideen nahmen die Mariannen-Lehrer auf, andere ignorierten sie. Anfangs ließ sich das noch machen, blieben die Reformen doch freiwillig. Nach Pisa jedoch kamen die Neuerungen im Vierteljahrestakt, und der Druck, sie zügig umzusetzen, stieg. Die Schule sollte zum Ganztagsbetrieb werden, das Lernen in den ersten beiden Jahren klassenübergreifend sein. Für jedes Kind mussten die Lehrer nun eine Akte führen: Was kann es? Wie wird es gefördert?

Jede einzelne dieser pädagogischen Innovationen hat ihre Berechtigung. In anderen Ländern sind sie oft längst Wirklichkeit, schrittweise umgesetzt im Verlauf vieler Jahre. Hierzulande, wo jahrzehntelang Stillstand herrschte, holt man all dies nun im Zeitraffer nach – was nicht selten Chaos, Überforderung und Widerstand provoziert.

»Gerade ist die eine Reform halbwegs organisiert, kommt die Anweisung für die nächste«, sagt eine Lehrerin an einer anderen Essener Brennpunktschule. »Und das alles in einer Situation, in der wir Probleme haben, den normalen Unterrichtsbetrieb aufrechtzuerhalten.« Was oben als Hilfe für Schüler und Lehrer gedacht ist, kommt unten als sinnloser Aktionismus und Schikane an.

Und noch etwas schwang in der Skepsis gegenüber den Reformen mit. Das Neue lässt sich als Vorwurf gegen das Alte lesen. Petra Sperfeld sprach darüber mit einer Lehrerfreundin im gleichen Alter. War denn alles falsch, was wir in den vergangenen 25 Jahren gemacht haben? Haben die Kinder nicht auch ohne modischen Schnickschnack etwas bei uns gelernt? Pisa hat dem Land nicht nur einen Schock verpasst, sondern einer ganzen Lehrergeneration einen Knacks im Selbstbewusstsein. Es ist die Generation von Petra Sperfeld.

Die Zweifel des Mariannen-Kollegiums kamen nicht gut an – insbesondere nicht bei dem ehrgeizigen Schulrat Schneiderhan. Schon früh habe er die Katernberger Grundschule auf einer Lehrerkonferenz davor gewarnt, sich dem neuen pädagogischen Zeitgeist zu widersetzen, sagt Schneiderhan. »Ich habe denen gesagt, Tausende arbeitslose Pädagogen stehen draußen bereit, um Ihren Job zu übernehmen.«

Das war eine leere Drohung, kein Job außer dem Papstamt ist so sicher wie der eines deutschen Pädagogen. Aber Lehrer sind ängstliche Menschen. Und bei Petra Sperfeld und ihren Kollegen prägte sich der Satz im Gedächtnis ein – obwohl sich der Schulrat danach mehrere Jahre nicht mehr persönlich in der Schule blicken ließ. Bis zum 13. September 2005.

Zum Unterrichtsbesuch rücken sämtliche Schulräte der Stadt an

Sechs Schulräte meldeten sich für diesen Tag an, Schneiderhan und fünf seiner Kollegen. In Zweierteams wollten sie den Unterricht inspizieren, von jedem Lehrer der Mariannen-Schule eine Stunde Leseförderung sehen. Dass sämtliche Schulräte einer Stadt anrücken, um ein Kollegium unter die Lupe nehmen, ist ungewöhnlich. Bis in die Landeshauptstadt Düsseldorf reichte der Protest gegen den geballten Besuch. Vergeblich. Die Visite diene einer umfassenden »Anamnese«, hieß es in einem Brief an die Schule.

Eine Anamnese erzählt in der Medizin die Vorgeschichte einer gesundheitlichen Störung. Im Fall der Mariannen-Grundschule wurde die »Krankheit« beim Schultest Vera (»Vergleichsarbeiten in der Grundschule«) entdeckt. Mit der Untersuchung prüften die Schulbehörden die Lesekompetenz sämtlicher Viertklässler. Durch die große Stichprobe erlaubte Vera – anders als Pisa – ein genaues Bild des Leistungsstandes einzelner Klassen.

Im Fall der Mariannen-Schule war das Bild erschreckend: Mehr als die Hälfte der Kinder erfüllte beim Leseverständnis nicht die Minimalanforderungen. Die Mariannen-Lehrer wunderten sich nicht über die Ergebnisse. Von Kindern, die unter solch schwierigen Bedingungen lernten, könne man nichts anderes erwarten. Schulrat Schneiderhan war empört: »Keiner anderen Schule in Essen haben wir mehr Lehrerstunden zur Förderung der Kinder zugeteilt, und dann so ein Ergebnis.« Er beschloss, einzuschreiten.

Ein Schulrat tritt im Leben vieler Pädagogen zweimal in Erscheinung: bei der Lehrprobe nach dem Referendariat, beim Zeremoniell der Verbeamtung. Danach bleiben die Lehrer meist sich selbst überlassen. Auch Klassenbesuche gehören nicht zum deutschen Schulalltag. Es gibt Pädagogen, deren Stunden über Jahrzehnte außer den Schülern niemand sieht.

Petra Sperfeld gehörte nicht zu ihnen. Sie hatte immer wieder Studenten oder andere Kollegen in der Klasse. Doch nie, um ihre Arbeit begutachten zu lassen. Deshalb hatte auch sie Angst vor der Vorführstunde, große Angst. Schon die Vorbereitung kostete Abende und Wochenenden. Denn um sich auf die Visite einzustellen, forderten die Schulräte detaillierte Dokumente: die Beschreibung der Leseentwicklung aller Kinder, eine Skizze der Lernziele der besuchten Stunde (»dreifach«), die »lesetheoretisch-fachlichen Vorstellungen«.

Am Tag der Wahrheit spielten die Dokumente keine Rolle. Den Beamten war Sperfelds Unterricht Eindruck genug. Die Lehrerin präsentierte sich nervös, die Stimmung war von Beginn an gereizt. Auch den Kindern blieb die Anspannung nicht verborgen. Die »kleinen Zeitbomben« spürten sie besonders – und eine tickte aus. Der Junge ließ sich nicht beruhigen, fügte sich nicht in den Stuhlkreis ein. Sperfeld bekam die Situation nicht in den Griff, wurde barsch, brachte die Stunde nur mit Mühe hinter sich.

Vier Lehrer versagten in den Augen der Inspektoren – die »Minderleister«

»So eine schlechte Stunde habe ich selten gesehen«, sagt ein damals anwesender Schulrat. Nicht nur fehlte dem Unterricht scheinbar ein Konzept. Auch vermissten die Aufsichtsbeamten »jede Sympathie mit den Kindern«. Etwas Schlimmeres konnte man Petra Sperfeld kaum vorwerfen. »Ich habe alles falsch gemacht, was es falsch zu machen gab«, erzählte sie ihrer besten Freundin später. Die Einsicht kam zu spät. Die Beamten hatten ihr Urteil über die pädagogischen Fähigkeiten von Petra Sperfeld gefällt.

Vier Lehrer versagten in den Augen der Inspektoren. »Minderleister« nennt man sie im Essener Schulamt. Das Urteil erreichte schnell das Ohr der Betroffenen. Ebenso erfuhren die »Minderleister/innen« aus einem internen Schreiben, welche Konsequenzen ihnen drohten: »ganztägige Unterrichtseinsichtnahmen«, »Personalentwicklungsgespräche«, gegebenenfalls »disziplinarische Konsequenzen«.

Noch am selben Tag brach Petra Sperfeld zusammen. »Ich kann gar nichts. Ich bin ein schlechter Lehrer. Ich habe mein ganzes Leben alles falsch gemacht!«, schrie sie einer Freundin ins Telefon. In den Tagen darauf folgten Panikattacken, immer wieder fing sie gegenüber anderen an zu weinen. Zwei weitere Lehrer ließen sich krankschreiben, einer musste in psychosomatische Behandlung. Andere verließen die Schule und gingen in den vorzeitigen Ruhestand. Der Schulleiter hatte sich, zermürbt von der Kritik, schon vorher versetzen lassen.

Auch Petra Sperfeld spielte mit dem Gedanken, zu gehen. Doch ein Wechsel bereitete ihr Angst. Nach 24 Jahren noch einmal neu anfangen? Wer weiß, was einen an einer anderen Schule erwartet. Ingrid Harbort-Klaffke, Personalrätin in der Essener Schulbehörde, kennt diese Furcht . »Für viele Lehrer bricht eine Welt zusammen, wenn es heißt, sie müssten an eine andere Schule.« Petra Sperfeld blieb. Mit Hilfe einer Therapie und Antidepressiva fügte sie sich wieder in den Lehreralltag ein. »Meine Scheißegal-Pillen« nannte sie die Tabletten. Nicht nur düstere Gedanken befielen sie, auch Bluthochdruck und Kopfschmerzen, typische Lehrerkrankheiten, stellten sich nun immer häufiger ein.

Kurz nach Beginn des neuen Schuljahres folgte der letzte Schlag. Ihre Klasse wurde aufgelöst. Die neue Schulleiterin beteuerte, die Maßnahme habe nichts mit ihrer Arbeit zu tun. Petra Sperfeld glaubte es nicht. Zum ersten Mal nach mehr als zwei Jahrzehnten stand sie ohne eigene Klasse da.

Knapp drei Monate später starb sie in ihrer Wohnung. Sie wurde erst nach zwei Tagen gefunden. Sie war krankgeschrieben, hatte sich den Fuß gebrochen. Diagnose: Ermüdungsbruch.

Nadelstreifenanzug, rosa Hemd, Krawattennadel, die Haare akkurat mit Gel frisiert: Schulrat Peter Schneiderhan erinnert an einen Manager, der Betriebe saniert. So ähnlich versteht er seine Arbeit. »Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, muss ich einschreiten«, sagt er. Jahrzehntelang hätten Schulbehörden in Deutschland versagt. Nie habe jemand hingeschaut, immer wurde den Lehrern vertraut, dass sie Reformen und Erlasse schon freiwillig umsetzen. »Noch einmal können wir uns diese Politik nicht erlauben«, sagt Schneiderhan und formuliert damit, was alle Politiker sagen, alle Eltern fordern, alle Medien schreiben. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Vor einigen Monaten fand erneut ein landesweiter Leistungsvergleich im Lesen statt, und die Ergebnisse der Mariannen-Schule waren besser.

Und Frau Sperfeld? »Tragisch, dass die Frau sich alles so zu Herzen genommen hat«, sagt Schneiderhan. Lehrer brauchen eben ein dickes Fell, besonders in so einem Stadtteil. »Ich habe mir nichts vorzuwerfen, weder fachlich noch menschlich«, sagt Schneiderhan. Zudem kenne er die Kollegin kaum.

In der Tat. Dem Mann, um den sich Dutzende Gespräche mit Freunden, Kollegen und Eltern gedreht und dessen Anweisungen sie bis in die Nachtstunden beschäftigt hatten, saß Petra Sperfeld persönlich nur einmal gegenüber. Im kurzen Auswertungsgespräch der verpatzten Unterrichtsstunde. Noch heute frage er sich, sagt Schneiderhan, was an der Aussprache denn so schlimm gewesen sei. »So eine Kritik schüttele ich doch ab, wenn ich mit mir im Reinen bin.« Kann man die Arbeit einer Lehrerin in 45 Minuten beurteilen? »Ich sehe das in zehn Minuten«, sagt Schneiderhan.

Auch die anderen Schulräte tauchten nicht mehr auf. Das war nicht mehr nötig. Mit dem Wechsel der Schulleitung und dem Ausscheiden vieler älterer Kollegen war der Widerstand aus Sicht der Behörden gebrochen. Zwei-, dreimal besuchte die neue Rektorin noch den Unterricht von Petra Sperfeld – ohne etwas zu kritisieren. Sie sagt: »Ich dachte, die Sache wäre ausgestanden.«

Petra Sperfeld hat vor dem Tod ihre Erfahrungen in einem Märchen beschrieben: »Das Rennen von Pisa« (PDF) »


Lesen Sie hier außerdem weitere Artikel über Lehrer und unsere Serie "Lehrerleben".


Reformstress - Die Schule ist eine Baustelle »

 
Leser-Kommentare
  1. So alt - nicht an Jahren - aber an Geist und geschichtlichem bewusstsein! Das ist Bayerns junge Garde.
    Religion statt Bildung!
    .. und er muss - guten, ja: besten Gewissens - andere verjagen...!

    • japoe
    • 10.02.2007 um 10:54 Uhr

    Menschlich vorzuwerfen habe er sich nichts, so Schneiderhan.

    Hat er wohl! Den Bereich Schule kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Sehr wohl den großer Industrieunternehmen - der (un-)menschliche Umgang ist auch hier seit Jahren regelmäßig kein anderer.

    Herr Schneiderhan: Der Umgang Ihrer Behörde mit der Ihnen anvertrauten Mitarbeiterin war aus führungstheoretischer Sicht in höchstem Maße unprofessionell: eine 'Minderleistung' (sic!)

    Selbstüberhöhungen a la 'wenn die Ergebnisse nicht stimmen, muss ich eingreifen!' zeigen, wes geistes Kind Sie sind.

    Gerne helfe ich Ihnen mit einigen Literaturtips zum Thema 'Führung' weiter. Man lernt nie aus, Herr Schneiderhan.

  2. Der Schulaufsichtsbeamte ist für seine arrogante und wenig fürsorgliche Personalführung bekannt. Zu seinen Vorzügen gehört mit Sicherheit auch der vorauseilende Gehorsam.
    Wie stellte Ministerin Sommer im Herbst die Vorzüge von Schulinspektionen als Teil der Qualitätsentwicklung dar: 'LehrerInnen mit Defiziten werden iim Kollegium identifiziert und isoliert' Kommt uns dies nicht irgendwie aus der Geschichte bekannt vor?
    Bravo Herr Schulrat: Ziel zu 100% erreicht.
    Die vertorbene Kollegin 'dümpelt' auf jeden Fall nicht mehr an der Schule herum. Sie hat das Rennen um Pisa verloren. Wo sind unsere humanistischen Bildungswerte geblieben? Und die Gesellschaft wundert sich über zunehmende Verrohung und Gewalt an den Schulen. Die Schule im Essener Norden hat eine Kollegin, die sich noch um die benachteiligten Kinder liebevoll gekümmert hat verloren. Sie wird den Kindern fehlen. Ob die Minderleistung des Schulrates irgendwann analysiert wird muss bezweifelt werden, denn er hat ja unter dem Deckmantel der Ministerin gehandelt.

    • ErichH
    • 12.02.2007 um 10:23 Uhr

    Unsere Kinder werden jahrgangsweise zugrunde gerichtet. Wieviele Schüler haben sich in der letzten Woche umgebracht?

    Wo bitte schön ist das Gejammere für die, welche nie eine Wahl hatten?

  3. liebe leute,

    macht einfach wieder schluss mit der ganzheitsmethode und kommt zurück zur analytischen, damit bringe ich sogar vierjährigen normalbegabten gerade das lesen und schreiben bei. mit allem anderen unterstützt man ja nur die visuellen medien, aber ich denke, das hören muss wieder mehr geschult werden.

    (wenn man historisch vergleicht, dann müsste die zahl der lsr ende der 60er jahre signifikant angestiegen sein)

    mit freundlichem gruß
    marion wolff
    overath

    • ErichH
    • 12.02.2007 um 15:52 Uhr

    Wenn Sie noch nicht erlebt haben, wie Kinder und Jugendliche im Schulalltag kaputt gemacht werden, dann sind Sie wahrscheinlich nie in Deutschland zur Schule gegangen und haben auch keine Kinder.

    Die Meinung war wirklich hingekotzt, aber was soll man noch machen? Es bleibt eigentlich nur das Kotzen.

  4. Auch ich war ein Mobbingopfer dieses Schulrates. Das ist Gott sei Dank lange her – gerettet wurde ich durch seine Strafversetzung. Ich habe mich damals in therapeutische Behandlung begeben. Die Therapeutin teilte mir mit, dass der Name des Schulrates allen Therapeuten im Bezirk bekannt sei und dass es keinen gäbe, der nicht mindestens eine gemobbte Lehrerin in Behandlung hätte. Mir wurde immer wieder qualifizierte und engagierte Arbeit bestätigt - aber wäre dieser Mensch mein Vorgesetzter geblieben, wäre ich wohl lange nicht mehr im Schuldienst. Mein Mitgefühl gilt der Kollegin, die das offenbar alles nicht ausgehalten hat. Meine Wut gilt denen, die den Sachverhalt seit Jahren kennen und nichts dagegen tun.

    • eliesa
    • 10.02.2007 um 16:12 Uhr

    Neben bereits vorhandenen Publikationen von Universitätsdidaktikern, Neurolinguistikforschern, u.a. gibt es zum Thema noch eine bahnbrechende Veröffentlichung eines Autodidakten von 1991!
    Mit unserer Informationsschrift:

    „Lese- Rechtschreib- Schwierigkeiten“

    „Fragen und Antworten zu den schulrechtlichen Grundlagen in Nordrhein-Westfalen / LRS - Erlass in NRW“

    möchten wir dazu beitragen, dass der Beratungs- und Förderauftrag im Sinne des

    RdErl. d. Kultusministeriums v. 19.7.1991

    II A 3.70-20/0-1222/91

    für Schule umsetzbar und transparent wird und selbstverständlich Einzug in das Denken von Elternhaus und außerschulischen Förder- und Therapieeinrichtungen hält.

    Jürgen Becker, Schulamtsdirektor Essen

    Eva-Maria Weiner, Förderschule Sprungtuch

    Einen Überblick über den Inhalt, entnehmen Sie bitte folgendem Inhaltsverzeichnis

    Einleitung

    Begriffe Klären: Legasthenie versus Lese- Rechtschreibschwierigkeiten

    Der Schriftspracherwerb ist ein Entwicklungsprozess

    Welche Aufgaben stehen für die Schule an?

    Der „neue“ LRS-Erlass / Aufgabenstellung des Essener Fortbildungsprojektes

    Aufgabenfeld LRS – Beratung in der Grundschule

    Diagnose von LRS

    Wie erkenne ich den LRS Förderbedarf ?

    Reicht die Eigenbeobachtung der Lehrerin aus?

    Welche Diagnoseverfahren gibt es für die Prophylaxe ?

    Gibt es angemessene Prophylaxeverfahren im Bereich LRS?

    Kann die Schrift eines Kindes Aufschluss über eine mögliche LRS geben?

    Zu welchem Zeitpunkt kann man mit Sicherheit eine LRS diagnostizieren?

    Wie stelle ich die Lernausgangslage von Kindern möglichst früh fest?

    Können auch Kinder mit einer allgemeinen Lernschwäche zusätzliche Fördermaßnahmen erhalten?

    Können standardisierte Tests genaue Aussagen zum Problemfeld machen?

    Schulische Förderung

    Welche Zeit kann die LRS-Förderung beanspruchen?

    Wie soll der LRS-Unterricht stundenplantechnisch untergebracht werden?

    Kann die LRS-Förderung additiv zum „normalen“ Stundenplan erfolgen (zusätzliche Belastung)?

    Können Eltern zusätzliche Förder“schulzeit“ ablehnen?

    Wie groß sollen LRS-Förderkurse sein?

    Können auch jahrgangsübergreifende Förderkurse gebildet werden?

    Können schulübergreifende LRS-Kurse eingerichtet werden?

    Können Eltern eine Schule zwingen, einen LRS-Kurs einzurichten?

    Kann „normaler“ Unterricht für Fördermaßnahmen ausfallen bzw. gekürzt werden?

    Kann man die Förderung ausländischer Kinder mit der LRS- Förderung zusammenfassen (Stundenersparnis)?

    Wie lange ist die Förderung nötig bzw. möglich, insbesondere bei Leistungsversagen?

    Welche Materialien sind sinnvoll zur Förderung (insbesondere neue Ansätze) „Lernen mit allen Sinnen“?

    Wovon (aus welcher Kasse) werden Fördermaterialien bezahlt? Wer entscheidet?

    Schulische Beratungsaufgaben

    In welchem Rahmen soll das neue Aufgabenfeld LRS-Beratung in der Schule stattfinden?

    Bedeutet die LRS-Beratung auch Unterrichtsbesuche bei Kolleginnen/Kollegen?

    Wie berate ich Eltern (LRS-Berater/in)?

    Sollen die LRS-Beraterinnen und Berater als Multiplikatoren wirken und die Kolleginnen und Kollegen der eigenen Schule befähigen, in ihren Klassen LRS zu verhindern bzw. abzubauen?

    Wie erwerbe ich Kompetenzen in der Beratung

    - im Umgang mit Diagnoseverfahren

    - für Förderkonzepte

    - im Umgang mit Kollegen/innen - Schulleitung - Eltern?

    Was mache ich, wenn meine Erkenntnisse von den Kolleginnen/Kollegen nicht angewendet oder sogar boykottiert werden?

    Kann man Eltern in den LRS-Unterricht einbeziehen?

    Wie sieht die Rolle des LRS-Beraters aus (als „Schulmeister“ des Kollegiums)?

    Müssen Eltern über LRS-Förderunterricht informiert werde ?

    Schulleitung/Organisation

    Ab wann kann die LRS-Förderung beginnen?

    Wer koordiniert die LRS-Förderung und wie könnte koordiniert werden?

    Gibt es einen Unterschied zwischen LRS-Unterricht und Förderunterricht?

    Welche Möglichkeiten der inneren Differenzierung gibt es?

    Wer erteilt den LRS-Unterricht?

    Kann das Schulamt Informationsabende für Eltern anbieten?

    Kann der/die LRS-Lehrer/in für Vertretungsunterricht eingesetzt werden?

    Wie sieht die Zeitplanung für LRS-Förderunterricht aus?

    Müssen die Kinder, die am LRS-Unterricht teilnehmen, dem Schulamt gemeldet werden?

    Müssen die Kinder in den LRS-Unterricht und in den Sprachunterricht?

    Haben die Kinder einen Rechtsanspruch auf zusätzliche Fördermaßnahmen?

    Wie soll die prozessbegleitende Zusammenarbeit mit der Schulleitung/Kollegium durch den/die LRS-Berater/in realisiert werden?

    Kann bei den LRS-Gruppen eine Einteilung nach Problemgruppen erfolgen?

    Wie groß darf die LRS-Fördergruppe sein und kann man jahrgangsübergreifende Gruppen bilden?

    Wie lange soll die Förderung andauern?

    Kann die Förderung in Kleinstgruppen vor dem Unterricht stattfinden?

    Was passiert mit den LRS-Kindern nach dem Übergang in die Sekundarstufe I?

    Wie berate ich Eltern und Kinder zum Übergang?

    Leistungsbewertung

    Früher konnte die Zeugniszensur für LRS-Kinder in den Klassen 3 und 4 ausgesetzt werden. Muss ich nach dem „neuen“ LRS-Erlass nun eine Zensur im Lesen und/oder Rechtschreiben erteilen?

    Muss die zusätzliche LRS-Förderung auf dem Zeugnis vermerkt werden?

    Kann eine Benotung der Diktate für LRS-Kinder ausgesetzt werden?

    Sind differenzierte Diktate für LRS-Kinder ein Hilfsmittel zur besseren Leistungsanpassung?

    Ist eine negative Rechtschreibzensur versetzungsrelevant?

    Wie kann ich ein LRS-Kind benoten?

    Wie weit darf die Angebots- und Leistungsdifferenzierung für ein LRS-Kind gehen?

    Wie kann ich extrem schwache Schreiber bewerten?

    Sind Konferenzbeschlüsse bezüglich der Diktatbewertung bindend?

    Ist bei einem Kind mit Leseschwierigkeiten die mangelhafte Zeugniszensur versetzungsrelevant?

    Darf ich einen Klassentest im Rechtschreiben im 2. Schuljahr durchführen?

    Kann ich einem Kind eine „pädagogische“ Zensur erteilen und im Zeugnis unter Bemerkungen festhalten, dass es einfache Texte bearbeitet hat?

    Welche Alternativen gibt es zum herkömmlichen Diktat?

    Wie lange darf bei schriftlichen Arbeiten und Übungen auf eine Benotung verzichtet werden?

    Außerschulische LRS-Beratung

    In allen Fortbildungsveranstaltungen gab es leider zu diesem Komplex keine Fragen oder Problemschilderungen

    Außerschulische LRS-Förderung

    Wie kann außerschulische Förderung aussehen (institutionalisiert ?

    Wie ist der Datenschutz zu beachten bei der Zusammenarbeit mit anderen Förderinstituten?

    Bestellformular

    Postanschrift:

    Eva-Maria Weiner
    Heinrich-Neusen-Str. 7
    47877 Willich

    oder per Fax: 02156-419459
    oder per E-mail: Weiner@lrs.de

    juergen.becker@schulamt.essen.de
    Hiermit bestelle ich ...... Exemplar(e) des Buches „Fragen und Antworten zu den schulrechtlichen Grundlagen in Nordrhein-Westfalen / LRS - Erlass in NRW“
    zum Preis von 12,50 Euro/Stck. zzg. 2,00 Euro Versand/Verpackungskosten.

    Die Bezahlung soll erfolgen per

    o Vorauszahlung auf das Konto Nr. 5936216, BLZ 320 500 00, Sparkasse Krefeld (Weiner)

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