Reformstress Die Schule ist eine Baustelle

Jeden Montag bieten die Essener Personalräte ihren Lehrerkollegen Hilfe an. Mobbing, ungerechte Behandlung durch Rektoren – die Sorgen der Pädagogen sind vielfältig. Ein Thema bestimmt jedoch immer öfter die Sprechstunde: Erschöpfung durch Reformstress.

Besonders ältere Kollegen kämen mit dem Tempo nicht klar, in dem die pädagogischen Innovationen auf die Schulen niederprasseln, sagt die Personalrätin Ingrid Harbort-Klaffke. Englisch ab Klasse eins, Sprachtest durch Lehrer im Kindergarten, flexible Eingangsstufe, Förderpläne für jeden Schüler, Ganztagsschule. Zählt man die Neuerungen der vergangenen Jahre zusammen, kommt man allein in der Grundschule auf fast ein Dutzend Großprojekte. »Viele Lehrer fühlen sich wie auf einer riesigen Baustelle, auf der nie etwas beendet und immer etwas Neues begonnen wird«, sagt Harbort-Klaffke. Zurück bleibt ein permanent schlechtes Gewissen.

Jahr für Jahr sei die montägliche Schlange vor ihrem Büro länger geworden. »Dabei melden sich viele Kollegen erst, wenn es gar nicht anders geht«, sagt Harbort-Klaffke. Wenn das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, das Leben lähmt und sich die Panik vor dem nächsten Schultag nicht mehr wegdrücken lässt – dann erreichen die Hilferufe die Personalrätin sogar am Wochenende.

Eine Studie von Arbeitspsychologen der Universität Potsdam lieferte kürzlich einen alarmierenden Befund (ZEIT Nr. 51/06): Rund 60 Prozent der deutschen Lehrer mangele es an Widerstandsressourcen, Ausgeglichenheit und Spaß an der Arbeit – typische Vorstufen des Burn-out-Syndroms. Betrachtet man nur die weiblichen Pädagogen, ist diese Risikogruppe noch größer. Harbort-Klaffke wundert das nicht. Lehrerinnen in der Grundschule würden sich die Probleme bei der Arbeit besonders zu Herzen nehmen.

Verstärkt wird der Frust durch fehlende Anerkennung für ihre Mühen, ja sogar eine Missachtung, die viele Lehrer zu verspüren meinen – sowohl in der Öffentlichkeit als auch von ihren Vorgesetzten. Selbst Kleinigkeiten können da kränken. Die im Text beschriebene Essener Lehrerin beschwerte sich beim Personalrat über die Schulbehörde. Die hatte das 25-jährige Dienstjubiläum der Lehrerin schlicht vergessen. SPI

 
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