Bolivien Hochland gegen Tiefland
Ein Jahr ist Evo Morales, der erste indianische Präsident Boliviens, im Amt. Die Reichen fürchten seine Reformen, dabei schickt der Held der Kokabauern nun Truppen gegen die Armen.
Sucre ist eine architektonische Perle. Die verfassungsmäßige Hauptstadt Boliviens (La Paz ist nur der Regierungssitz) gehört zu den am besten erhaltenen Kolonialstädten Südamerikas: drei Dutzend Kirchen, drei Klöster, eine bald 400 Jahre alte Universität, der ehemalige Regierungspalast und die berühmte Casa de la Libertad. Hier, im »Haus der Freiheit«, wurde 1825 der unabhängige Staat Bolivien ausgerufen, hier sind auch die Ölgemälde mit den Porträts der wichtigsten Präsidenten versammelt, vom spanischstämmigen Simón Bolívar, dem »Befreier« Lateinamerikas und ersten Präsidenten des Andenstaates, bis hin zu Evo Morales, einem Abkömmling von Aymara-Indianern.
Der wurde vor einem Jahr mit sensationellen 54 Prozent der Stimmen ins höchste Staatsamt gewählt und versucht nun, Bolivien ein zweites Mal zu gründen. Denn Morales hat eine »demokratische und kulturelle Revolution« ausgerufen, und Revolutionen brauchen einen Nullpunkt, der den Beginn der neuen Ära markiert. »Refundar Bolivia« heißt die Parole, »Bolivien neu gründen«. Als Erstes muss eine neue Verfassung her. Also tagt nun die verfassunggebende Versammlung im großen Theater von Sucre.
Das Parkett ist zweigeteilt. In der linken Hälfte sitzen die Regierungsanhänger, unter ihnen viele einfache Leute, Männer in grobem Pullover und mit breitkrempigem Hut, einige auch im Poncho, zahlreiche Frauen in den farbigen Gewändern der Aymara- und Quechua-Indianer aus dem Hochland. In der rechten Hälfte, in den Bänken der Opposition, sieht man dezentes Grau und Braun, dazu weiße Hemden und Krawatten. Die Kleider symbolisieren die soziale und politische Kluft, die nun das Land buchstäblich zu spalten droht.
Um eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, benötigte das Regierungslager im Parlament eine Zweidrittelmehrheit, die es nicht hatte. Die Opposition hatte im März schließlich unter zwei Bedingungen eingelenkt: Sie setzte ein Referendum über eine Autonomie der neun Departements des Landes durch, und zudem wurde gesetzlich festgelegt, dass der Text der neuen Verfassung von der verfassunggebenden Versammlung mit einer Zweidrittelmehrheit verabschiedet werden muss.
- Datum 26.01.2009 - 08:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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Zu diesem endlich einmal gut geschriebenen Artikel (Wow!), kann ich als Bolivien-Kenner aber noch Anmerkungen machen:
1. Spaltung
Das Land ist seit der Privatisierungswelle von 1996 gespalten. Die vom IMF angestrengte Reform kostete unzähligen Bolivianern den Arbeitsplatz und verschlechterte auf radikale Weise die Lebensbedingungen vieler Menschen. Es wäre eher richtig zu sagen, dass es fast 10 Jahre gedauert hat, bis die Betroffenen sich politisch Artikulieren konnten. Da das gespaltene Land sich nun jedoch auf parlamentarischer Ebene gegenübersteht, wird auf dieser Ebene jetzt auch gehandelt. Dafür sprechen insgesamt weniger Proteste und kontroversere Abstimmungen im Parlament.
2. Morales gegen Cocaleros
Es ist sicher richtig, dass Evo Morales Truppen gegen Menschen losgeschickt hatte, unter denen sich auch Cocaleros befanden. Es wäre aber total falsch zu sagen, er hätte gegen seine ehemalige Gewerkschaft oder ihre Mitglieder gehandelt. Zum Zeitpunkt der Auseinandersetzungen gab es keine politische Organisation als solche, welche die Verantwortung für die Proteste übernahm. Das ist absolut untypisch für bolivianische Verhältnisse. Vielmehr richtet sich ein immer stärker werdender zivilgesellschaftlicher, unparteiischer Groll gegen Morales, dem er Einhalt gebieten musste.
Vorwegschicken möchte ich, daß auch ich den Artikel für sehr sachkundig geschrieben und eine gute Analyse der aktuellen Situation des Andenlandes halte.
Noch einige Bemerkungen aus meiner Sicht:
Ich habe in den sechziger Jahren in Bolivien gelebt, als das Land von einer Militärjunta unter General Barrientos regiert wurde.
Dann bin ich im Jahre 2001, ungefähr 35 Jahre danach, nach La Paz zurückgekehrt.
Ich mußte feststellen, daß sich wenig zum Positiven geändert hatte. Die Armut war bedrückend - wie damals. Allerdings hatte die Globalisierung Einzug gehalten und die mir bekannten Cafés im Zentrum von La Paz durch Banken ersetzt. Das empfand ich irgendwie als bezeichnend für die Lage des Landes. Denn es bedeutete finanzielle Inestitionen für und durch Wenige, aber keine besondere Verbesserung der großen Mehrheit der Bewohner (die wir damals als 'Cholos' bezeichneten).
Der 'cerro' zu dem ich damals von meiner Wohnung an der Plaza mit der Büste von Cervantes hocblickte (einige unserer Mitarbeiter lebten dort), ist stärker besiedelt. Aber immer noch fehlen Wasser und Licht, und El Alto ist eine große Kloake.
Fortschritte wurden in diesen 35 Jahren - nach meinem Eindruck - leider nur wenige erzielt. Was mir im übrigen meine bolivianischen Bekannten bestätigten.
Es hat eine graduelle Verbesserung des Lebensstandards gegeben, das ist wohl richtig, aber sie ist weit entfernt von dem, wozu das Land theoretisch in der Laghe gewesen wäre.
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