Bolivien Hochland gegen TieflandSeite 4/4

Als ob er mit den Großgrundbesitzern und Viehzüchtern im Tiefland nicht schon genug Gegner hätte, vergrätzt Morales nun mit einer angekündigten Schulreform auch die städtischen Mittel- und Oberschichten. Fortan sollen die spanischsprachigen Kindern als obligatorische Zweitsprache Aymara oder Quechua lernen. Viele Eltern fragen besorgt, was das ihren Kindern denn im Zeitalter des Internets nützen wird.

Es gibt nicht nur Tee, sondern auch Schnaps und Zahnpasta aus Koka

Während Boliviens Präsident im Land selbst immer mehr unter Beschuss kommt, arrangiert sich Lateinamerika mit ihm. »Die militärische Besetzung der ausländischen Förderanlagen von Erdgas und Erdöl war Theaterdonner«, meint der italienische Physiker und Erdgasexperte Francesco Zaratti, der seit über 30 Jahren in Bolivien lebt, »von einer Verstaatlichung kann nicht die Rede sein.« Zwar bezahlen die brasilianische Petrobras (der größte Investor in Bolivien), die spanische Repsol, die französische Total und US-Fördergesellschaften heute deutlich höhere Abgaben. Aber die hatte schon Morales’ Vorgänger Mesa beschlossen. Brasilien wird weiterhin die Hälfte des bolivianischen Gases abnehmen. Argentinien wird nach wie vor Gas aus Bolivien importieren. Und selbst mit dem »Erzfeind« Chile, das Bolivien im »Salpeterkrieg« vor 120 Jahren den Zugang zum Meer abgenommen hatte, sucht Morales den Ausgleich. »Ihm könnte sogar die Aussöhnung gelingen«, vermutet Ex-Präsident Mesa und lässt durchblicken, dass ihm als Weißem dies als Vaterlandsverrat angelastet worden wäre.

Bislang hat es Bolivien also kaum geschadet, dass Morales ein enges Bündnis mit Chávez und Castro geschmiedet hat. Auch die USA scheinen vorerst das ärmste Land Südamerikas zu schonen. Im Dezember haben sie überraschend das ATPDEAAbkommen mit Bolivien um ein halbes Jahr verlängert. Das Agreement gewährt den Koka produzierenden Staaten Zollvergünstigungen, wenn sie gewillt sind, Kokapflanzungen, die der Kokainproduktion dienen, zu vernichten. Während Evo Morales in Kuba gegen bilaterale Verträge wetterte, handelte sein Vize Álvaro García Linera in den USA die Verlängerung des Abkommens aus, das im bolivianischen Hochland etwa 80.000 Indianer-Familien die Existenz sichert.

Nur ändert das nichts daran, dass es innenpolitisch für Morales immer ungemütlicher wird. Inzwischen gerät er sogar mit seiner ureigenen Klientel, den Kokabauern, aneinander. Zwar hat er gleich nach der Verlängerung des Abkommens mit den USA die gesetzlich zugelassene Anbaufläche von 12.000 Hektar bis zum Jahr 2010 auf 20.000 Hektar verkündet – was ungefähr der derzeitigen gesamten Anbaufläche entspricht. Dem Staatspräsidenten schwebt die industrielle Aufbereitung der Pflanze vor: Außer Tee und Blättern zum Kauen gibt es bereits Schnaps, Likör, Kosmetika und Zahnpasta aus Koka.

Doch im Januar geriet Morales erstmals zwischen alle Stühle. In der Stadt Cochabamba kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, als der Gouverneur, ein Gegner von Morales, ein neues Plebiszit zur Frage der Autonomie ankündigte, obwohl sich die Mehrheit seines Departements bei der Volksabstimmung im Sommer dagegen ausgesprochen hatte. Cocaleros errichteten daraufhin rund um die Stadt Blockaden. Ein Kokapflanzer wurde erschossen, ein Anhänger des Gouverneurs erdrosselt. Staatspräsident Evo Morales musste schließlich Truppen schicken – gegen jene Kokabauern, deren Gewerkschaft er immer noch führt.

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Leser-Kommentare
  1. Zu diesem endlich einmal gut geschriebenen Artikel (Wow!), kann ich als Bolivien-Kenner aber noch Anmerkungen machen:

    1. Spaltung
    Das Land ist seit der Privatisierungswelle von 1996 gespalten. Die vom IMF angestrengte Reform kostete unzähligen Bolivianern den Arbeitsplatz und verschlechterte auf radikale Weise die Lebensbedingungen vieler Menschen. Es wäre eher richtig zu sagen, dass es fast 10 Jahre gedauert hat, bis die Betroffenen sich politisch Artikulieren konnten. Da das gespaltene Land sich nun jedoch auf parlamentarischer Ebene gegenübersteht, wird auf dieser Ebene jetzt auch gehandelt. Dafür sprechen insgesamt weniger Proteste und kontroversere Abstimmungen im Parlament.

    2. Morales gegen Cocaleros
    Es ist sicher richtig, dass Evo Morales Truppen gegen Menschen losgeschickt hatte, unter denen sich auch Cocaleros befanden. Es wäre aber total falsch zu sagen, er hätte gegen seine ehemalige Gewerkschaft oder ihre Mitglieder gehandelt. Zum Zeitpunkt der Auseinandersetzungen gab es keine politische Organisation als solche, welche die Verantwortung für die Proteste übernahm. Das ist absolut untypisch für bolivianische Verhältnisse. Vielmehr richtet sich ein immer stärker werdender zivilgesellschaftlicher, unparteiischer Groll gegen Morales, dem er Einhalt gebieten musste.

  2. Vorwegschicken möchte ich, daß auch ich den Artikel für sehr sachkundig geschrieben und eine gute Analyse der aktuellen Situation des Andenlandes halte.

    Noch einige Bemerkungen aus meiner Sicht:
    Ich habe in den sechziger Jahren in Bolivien gelebt, als das Land von einer Militärjunta unter General Barrientos regiert wurde.
    Dann bin ich im Jahre 2001, ungefähr 35 Jahre danach, nach La Paz zurückgekehrt.
    Ich mußte feststellen, daß sich wenig zum Positiven geändert hatte. Die Armut war bedrückend - wie damals. Allerdings hatte die Globalisierung Einzug gehalten und die mir bekannten Cafés im Zentrum von La Paz durch Banken ersetzt. Das empfand ich irgendwie als bezeichnend für die Lage des Landes. Denn es bedeutete finanzielle Inestitionen für und durch Wenige, aber keine besondere Verbesserung der großen Mehrheit der Bewohner (die wir damals als 'Cholos' bezeichneten).
    Der 'cerro' zu dem ich damals von meiner Wohnung an der Plaza mit der Büste von Cervantes hocblickte (einige unserer Mitarbeiter lebten dort), ist stärker besiedelt. Aber immer noch fehlen Wasser und Licht, und El Alto ist eine große Kloake.
    Fortschritte wurden in diesen 35 Jahren - nach meinem Eindruck - leider nur wenige erzielt. Was mir im übrigen meine bolivianischen Bekannten bestätigten.
    Es hat eine graduelle Verbesserung des Lebensstandards gegeben, das ist wohl richtig, aber sie ist weit entfernt von dem, wozu das Land theoretisch in der Laghe gewesen wäre.

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