Schriftsteller Die Helden des AlltagsSeite 2/2
Nein, Genazinos Witze sind schlecht, und sie wiederholen sich. In einem früheren Roman liest der Erzähler die Zeitungszeile »Der erste Enkel ist da« falsch und versteht: »Der erste Ekel ist da«. In diesem Roman missversteht er die Aufschrift »Vollkornbrot« als »Volkszornbrot« und das Kanzleischild »Vogt & Partner Rechtsanwälte« als »Votze & Partner Fickanwälte«. Da lacht der Laie, und der Kenner kichert sich eins.
Schriftsteller dürfen alles sein, sogar infantil. Nur sollten sie nicht langweilen. Die Bedürftigkeitsprosa Genazinos ist von öder Gleichförmigkeit, seine Erbärmlichkeitsorgien erschöpfen sich rasch. In diesem Buch müssen abfallende Körperteile her, um bizarren Schwung ins Einerlei zu bringen. Die Fähigkeit zu genauer Beobachtung alltäglicher Szenen, der Sinn für Situationskomik und die Neigung, aus dem Beiläufigsten die condition humaine zu deuten – all dies zeichnet Genazino zweifellos aus. Das taugt zu netten Glossen, und in der Tat lesen sich die meisten seiner Romane wie eine fortgesetzte Glosse, die sich um ein bescheidenes Handlungsgerüst rankt.
Einmal besorgt sich der Erzähler ein Vogelbestimmungsbuch und freut sich über sprechende Namen wie Raubwürger, Trauerschnäpper und Gelbspötter. Als er sich über ein verliebtes Paar mokiert, bemerkt er, dass sein Gesicht gelb geworden ist. Später macht er ein Picknick und lässt sich am Waldrand nieder: »Auf die Ausbreitung der Zeitung verzichte ich. Über einen Mann, der hier eine alte Zeitung ausbreitet, würde ich selber lachen müssen, obwohl ich nicht weiß warum. Das Leben ist: seine Ungenauigkeit.«
Das Leben ist: seine Ungenauigkeit. Genazino liebt solche Sentenzen. Man darf nicht allzu scharf über sie nachdenken, sonst erkennt man ihre Dürftigkeit. Was Genazino liefert, ist Lebensphilosophie für Bausparer. Da herrscht das kleine Risiko bei langer Laufzeit, mit dem garantierten Festzins des gesunden Menschenverstands. Ulrich Greiner
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- Datum 27.04.2009 - 11:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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Ich habe den Roman kürzlich im Radio vorgelesen gehört. Es ist zu beobachten, dass die Lesungen immer mehr dazu benutzt werden, Reklame für Bücher zu machen, die noch gar nicht erschienen sind. Dazu kam die Auswahl des Vorlesers Silvester R., der mittels seiner Stimme das immanente Ekelpotential noch zu steigern vermochte. Diese beiden Voraussetzungen haben vielleicht meine Akzeptanz für das Mittelmäßige Heimweh gehemmt. Als Fazit bleibt dennoch: Schlecht, nicht nur mittelmäßig. Die herumliegenden Körperteile haben für mich genauso wenig Sinn ergeben, wie die hypergenauen Beschreibungen von nebensächlichen Beobachtungen. Das Leben ist sinnlos, ich weiß, aber vielleicht erfordert die Erkenntnis die pathetische Geste, nicht peinliche Verklemmtheit . So freue ich mich pharisäerhaft wieder meines, ach so, spießigen Lebens. Eins weiß ich gewiß, das Buch werde ich nicht kaufen und auch nicht verschenken - wen sollte ich damit bestrafen?
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