Klassiker der Moderne (49) Grenze und Größe

"Get Yer Ya-Ya's Out" ist eine der besten Rockplatten überhaupt. Die zehn trocken abgerockten Songs schrieben 1969 ein neues Kapitel in der Rolling-Stones-Heldensaga.

Beatles oder Rolling Stones? Das war in den Sechzigern die Grundfrage des Kalten Kriegs. Kapellmeister Walter Ulbricht entlarvte die »Monotonie des ›yeah, yeah, yeah‹« als »Dreck, der vom Westen kommt«, doch das staatliche DDR-Plattenlabel Amiga edierte schon 1964 eine LP der adretten Liverpooler. Die dreckigen Stones blieben noch unter Honecker gebannt. Sie hatten die West-Berliner Waldbühne zerlegt, sie ernährten sich von Girls und Drogen, sie führten spätkapitalistische Veitstänze auf. Es war also dringend nötig, Stones-Fan zu sein.

Derlei Nöte nahmen dann ab. Opposition via Lieblingsband ist ein biografisches Durchgangsstadium. Dennoch rührt, wie viel altvordere Erinnerung sich bis heute an diesen beiden durchaus limitierten Combos entzündet. Meist lautet der Schiedsspruch, die Beatles seien, dank George Martin, im Studio Champions gewesen, die Stones die Liveband schlechthin. Acht offizielle Konzert-Alben gibt es von ihnen; die meisten bieten Stadion-Beschallung mäßiger Güte. Aber Stripped (von 1995) ist prima, Get Yer Ya-Ya’s Out! eine der besten Rockplatten überhaupt: das Opus classicum der Stones.

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Wie bitte? Nicht Exile On Main Street? Und Sticky Fingers? Und Let It Bleed? Schöne Scheiben allesamt, mit Höhen und Hängern. Sister Morphine, Wild Horses und Dead Flowers machen Sticky Fingers zum Klassiker, die zweite der vier Exile- Seiten ist ein Fest. Aber nichts geht über jenes homogene Set von zehn klar und trocken abgerockten Songs, das 1969 im New Yorker Madison Square Garden mitgeschnitten wurde. Die Band läuft rund. Die Rhythmusgruppe Wyman/Watts grundiert so energisch wie leger. Keith Richards’ Rotzgitarre kickt Mick Taylors geschliffenes Spiel. Mick Jagger eröffnet mit Jumpin’ Jack Flash, treibt den Midnight Rambler und klagt Love in Vain, als wäre der prahlende Imitator zum Bluesmann gereift. Das Himbeertörtchen ist Chuck Berrys alter Hauer Little Queenie. Da fallen Grenze und Größe des Rock’n’Roll in eins.

Zwei Wochen nach diesen Aufnahmen geschah das Desaster von Altamont. Hells Angels, von den Stones als Ordnungsdienst geheuert, erstachen den 19-jährigen Meredith Hunter. Die Klischees der Rock-Geschichtsschreibung verzeichnen Altamont als Anti-Woodstock, die Rolling Stones als zynische Totengräber der Hippie-Ideale. Die Siebziger begannen, die Virtuosen und Eklektizisten übernahmen. Was war der Feinsinn von Revolver gegen den von King Crimsons Red? Was vermochte der coole Stones-Blues gegen die viehische Spielwut von Colosseum Live? Und dann kam Punk, die Revolution der Dilettanten. Jeder lebt seine Zeit. Wenige überdauern als Ikonen. Stones-Heldensagen scheinen mittlerweile die älteste Literaturgattung der Welt. Soeben gedenkt Uschi Obermeier ihrer Lover Mick & Keith. Dick Heckstall-Smith von Colosseum war keine Ikone, nur ein großer Musiker. 2004 starb er, das merkte fast keiner.

The Rolling Stones: Get Yer Ya-Ya’s Out! (Decca/Universal)

 
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