Im Rückenwind des vom Bundesforschungsministeriums ausgerufenen »Jahres der Geisteswissenschaften« geht Harald Welzer beherzt in die Offensive. »Schluss mit nutzlos!« lautet seine Parole. Sie richtet sich gegen diejenigen Geistes- und Kulturwissenschaftler, die sich die Frage nach dem Nutzen ihrer Lehre und Forschung, sei es höflich, sei es polemisch, verbitten. Ihre stumpfe Waffe, so stellt Welzer es dar, ist ein »Wir sind an sich wichtig«-Argument, das eine Diskussion über den Wert geisteswissenschaftlichen Tuns abblocken soll.

Diesem alteuropäischen Ideal »verwertungsferner Selbstaufklärung« stellt Welzer nun das Ideal einer verantwortungsvollen Produktion handlungsorientierenden Wissens gegenüber, die den Natur- und Ingenieurwissenschaften demütig die Hand reicht. Somit befinden sich die Geisteswissenschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts am Scheideweg: Entweder sie machen sich nützlich – oder sie haben ihr Lebensrecht verwirkt. Man muss sich diese Alternative nur kurz vor Augen führen, um zu erkennen, wie abwegig sie ist. Denn es ist gerade Welzers Begriff des »Nutzens«, der – pardon – aufgeklärt werden muss, wenn man begreifen will, worum es in der Kontroverse um die Stellung der Geisteswissenschaften geht. Im Übrigen sind es gerade die Geisteswissenschaften als Formen einer gesteigerten Selbstauslegung menschlicher Kulturen, in denen die Möglichkeiten und Maßstäbe des Nützlichen, Lohnenden, Sinnhaften schon immer mit zur Diskussion stehen.

Welzer hat durchaus recht mit der These, dass geisteswissenschaftliche Deutungen ihr Motiv letztlich in der »alles entscheidenden« sokratischen Frage haben, wie wir leben wollen. Darin freilich sollte man ihn beim Wort nehmen. Geisteswissenschaften erforschen das vergangene und gegenwärtige Selbstverständnis der Menschen einschließlich ihrer Manifestationen in Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft und Kunst. Wozu sollte dergleichen gut sein, wenn es dabei nicht immer auch um das Gute ginge? Nicht im Sinn eilfertiger moralischer oder politischer Bewertungen, sondern als Reflexion darüber, wie wir uns als Angehörige einer historischen und politischen Kultur am besten verstehen können?

Nun müssen wir aber fragen , wozu eine solche Selbstverständigung ihrerseits gut ist. Die einzig aufrichtige und angemessene Antwort hierauf lautet: zu nichts Bestimmtem, denn sie hat ihren Zweck erst einmal in sich selbst. Für Hegel waren Kunst, Religion und Philosophie die höchsten Formen der menschlichen Selbstauslegung. Zählen wir die Geisteswissenschaften, denen Hegel gehörige Anstöße gegeben hat, zu diesem Reigen hinzu und verzichten wir auf seine falschen Hierarchien – dann zeigt sich, was schief an der Frage nach dem Nutzen ist. Die genannten Praktiken vollziehen nämlich eine »denkende Betrachtung« historischer Lebensverhältnisse, deren vorrangiges Ziel ein gesteigertes Bewusstsein der Möglichkeiten menschlicher Orientierung ist. Mit anderen Worten: Ob Geistes- und Kulturwissenschaftler eher auslegend oder eher empirisch arbeiten, ob sie die Gewalt und Grausamkeit erforschen, ob sie nach der Reichweite und den Grenzen ihres Wissens fragen oder nach der Struktur und Legitimität politischer Ordnungen – immer erkunden sie den Spielraum der menschlichen Welt und sagen uns, was wir – im Guten wie im Schlechten – sind und sein können. Sie geben uns Orientierungen über unsere Orientierungen. Sie öffnen den Spielraum unserer Selbstverständigung, was umso intensiver gelingt, je weniger sie auf Dienstleistungen zu diesem oder jenem praktischen Zweck zurechtgeschnitten werden. Dies führt zu einem paradoxen Befund: Je mehr die Geisteswissenschaften sich nützlich zu machen versuchen, desto mehr verlieren sie an Wert.

Damit liegt das Stück Wahrheit auf der Seite derer, die sich aller Rhetorik der Nützlichkeit verweigern wollen. Ihm jedoch entspricht eine ebenso richtige Einsicht auf der Gegenseite, was beide Lager dazu bewegen sollte, sich nicht mit Halbwahrheiten zufrieden zu geben. Denn aus dem bisher Gesagten folgt keineswegs, dass die Geisteswissenschaften im Leben moderner Gesellschaften keinen erkennbaren und zuweilen auch messbaren Nutzen hätten. Was einen Zweck in sich hat, kann gerade darum für vieles andere nützlich sein.