Religion Ihr Christen!
Harald Martenstein über Sinnstiftung am Rande der säkularisierten Gesellschaft.
Das Christentum ist die einzige Religion, die sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt. Dafür wird das Christentum häufig gelobt, vor allem von den Ungläubigen. Muslime glauben aus dem Bauch heraus, könnte man sagen, der Christ benutzt seinen Kopf dazu. Christen lesen ihre Heilige Schrift nicht wie das ewig gültige Wort Gottes, sondern wie ein historisches Dokument, das man so oder so interpretieren kann, und wenn sie in ihrem Ritus angeblich das Fleisch Christi essen, dann ist den meisten von ihnen bewusst, dass es sich dabei lediglich um ein Sinnbild handelt.
Das Christentum ist durch die Reformation und den Skeptizismus der Aufklärung so weit verdünnt worden, dass seine Feinde sich nicht mehr vor ihm fürchten müssen. Es hat nichts Fanatisches, das ist beruhigend, gewiss, aber weil es für alles auf der Welt einen Preis gibt, musste auch das Christentum für seine Verharmlosung einen Preis zahlen. Es wirkt jetzt eher wie das Zitat einer Religion, die es früher einmal gegeben hat. Oder wie Folklore. Eine Tradition, ein Brauch, den man respektvoll, aber lauwarm ausführt, bei dem es nicht mehr wirklich um etwas geht, weil sich weder große Ängste noch große Hoffnungen damit verbinden. Man ahnt als Christ, dass Gott einen nicht strafen wird, da kommt kein Blitzstrahl von oben, egal, was man tut.
Warum dann überhaupt Religion, könnte man fragen. Lohnt sich der ganze Aufwand denn noch? Warum, wenn man so auf- und abgeklärt ist, nicht gleich vernünftig werden, also Rationalist? Religion ist immer das Unvernünftige gewesen, den Ungläubigen erscheint Religion als Aberglaube. Das Christentum aber ist fest in einer Welt verwurzelt, die über den Aberglauben lacht. Das ist zweifellos eine Anpassungsleistung, wie es sie in der Geschichte selten gegeben hat.
Der Christ weiß oder ahnt, dass die Wissenschaft alle geistigen Schlachten der letzten Jahrhunderte gewonnen hat und dass seine Religion geduldet wird, solange sie sich nicht einmischt in Dinge, die sie nichts angehen. Religion hatte jahrtausendelang den Anspruch, eine Antwort zu geben auf die letzten und großen Fragen, das heißt, sie ist immer unbescheiden gewesen, sie wollte der große Welterklärer, Sinnstifter und Gesetzgeber sein, das Christentum aber steht bescheiden am Rand der Gesellschaft, es wird nicht diskriminiert, aber auch nicht wirklich benötigt, weil die Geschäfte auch ohne Sinnstiftung ganz gut gehen. Christentum ist ein Serviceangebot an diejenigen, die noch ein paar spirituelle Restbedürfnisse haben, die Yoga allein nicht stillen kann. Warum, zum Teufel, dann nicht gleich vernünftig werden?
- Datum 09.02.2007 - 11:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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Ja, viele Entwicklungen – der Kirche - sind in diesem Beitrag aufgenommen worden. Ja, die Bibel ist heute prinzipiell wie ein großes Märchen- bzw. Geschichts- und Geschichtenbuch zu verstehen, allerdings mit erheblichen authentischen Anteilen. Doch was ist die Moral von der Geschicht, der Kern von det Janze? Wenn man die Bibel in Gänze, also auch bei der Frage des Endes, konsequent modern interpretiert, wird bzw. kann die (nur etwas versteckte) Hauptbotschaft findent: Wir leben in der Endzeit, wir kommen aus unserer Entwicklung heraus zu einem ('baldigen') Ende – doch das ist nicht wirklich schlimm! Die Bibel gibt eben schon eine Antwort auf die Hauptfrage des Lebens, nämlich der nach dem Wohin, nach unserer Zukunft und (damit) auch nach unserer Gegenwart! Und das, auch dies, kann man eben rein philosophisch interpretieren, da muss man dann auch hier so frei sein wie bei der Interpretation der Erschaffung der Welt in 7 Tagen und der sukzessiven Entstehung der Erde und ihrer Biosphäre einschließlich von uns in einem über Millionen und Millarden von Jahren reichenden Prozess, der aber eben schon schrittweise vor sich ging, und wo wir erst am Ende erscheinen. Das Problem der Philosophen und der Wissenschaft ist, dass sie uns genau dazu – bisher - eben nichts Verlässliches sagen (konnten oder wollten). Die kommunistische bzw. sozialistische Perspektive hat sich ja nicht verwirklicht. Hier muss sich dann eben auch die Wissenschaft und die Philosophie, die Weltanschauungswissenschaft ja sozusagen, dieser Aussage noch mal neu und ernsthaft annehmen, m.E., wegen des großes Erfolges der Bibel. Die Probleme dieser Welt, unserer eigenen Welt, sind ja größer denn je – und das wird uns schon in der Bibel von den Autoren der Bibel und von Jesus, vorhergesagt! (Und sicher gab und gibt es ja auch außerchristliche Weltuntergangs-Vorstellungen) Leider ist hier auch die Kirche nicht konsequent.
M.E. muss man die Haupt-Empfehlung der Bibel zum Verhalten in der Endzeit, analog dem Vorbild Jesus, so sehen wie auch, etwas vorzeitig allerdings, die Jerusalemer Urgemeinde dies sah: Man schafft sich kurz vor dem Ende keine Kinder mehr an, denn diese haben dann ja nichts Gutes zu erwarten, dennoch soll man bis zuletzt hochanständig leben. Man könnte hier kurz auch vom friedlich-wohlorganisierten Aussterben sprechen.
dieser Artikel geht an den Menschheitsfragen vorbei: woher kommen wir, warum sind wir, was war vor dem Urknall, was ist die Unendlichkeit, was ist das Bewußtsein ?
Wenn es einen Gott gibt - so die einhellige Auffassung des Christentums - dann muss Gott etwas von sich preisgeben. Nur so kann der Mensch von ihm wissen.
Ansonsten stochert der Mensch im Trüben, bleibt in reiner Philosophie hängen.
Diese Selbstmitteilung ist in Jesus geschehen, so die Glaubensüberzeugung.
Dieser Artikel berücksichtig dies nicht - und darüber hinaus auch nicht verschiedene Strömungen innerhalb des Christentums, beispielsweise charismatische, die den Glauben durchaus ernst nehmen und von Gott etwas erwarten.
Kläglicher Sparartikel der Zeit und wenig reflektiert.
die Wissenschaft hat also alle geistigen Schlachten
gewonnen.
Auch der wissenschaftliche Materialismus? Zum Glück nicht,
da werden Sie mir zustimmen,
obwohl er von 100%tigen Rationalisten zusammengebaut
wurde. Leute, die uns den Himmel auf Erden versprechen,
sind für Christen nicht ernstzunehmen.
Außerdem: Gott kann man nicht beweisen, aber auch nicht
seine Nicht-Existenz. Diese Erkenntnis ist eine Frucht der
Aufklärung, die auch weiterhin gilt. Und daran haben
immerhin so rational denkende Menschen wie Pascal,
Kant oder Kurt Gödel mitgewirkt.
Naja, die einen glauben, dass sie glauben, die anderen
glauben, dass sie nicht glauben (S. Lem). Das letztere
können Sie gerne tun, aber erzählen Sie mir nicht,
das ist vernünftig.
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