Das Christentum ist die einzige Religion, die sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt. Dafür wird das Christentum häufig gelobt, vor allem von den Ungläubigen. Muslime glauben aus dem Bauch heraus, könnte man sagen, der Christ benutzt seinen Kopf dazu. Christen lesen ihre Heilige Schrift nicht wie das ewig gültige Wort Gottes, sondern wie ein historisches Dokument, das man so oder so interpretieren kann, und wenn sie in ihrem Ritus angeblich das Fleisch Christi essen, dann ist den meisten von ihnen bewusst, dass es sich dabei lediglich um ein Sinnbild handelt.

Das Christentum ist durch die Reformation und den Skeptizismus der Aufklärung so weit verdünnt worden, dass seine Feinde sich nicht mehr vor ihm fürchten müssen. Es hat nichts Fanatisches, das ist beruhigend, gewiss, aber weil es für alles auf der Welt einen Preis gibt, musste auch das Christentum für seine Verharmlosung einen Preis zahlen. Es wirkt jetzt eher wie das Zitat einer Religion, die es früher einmal gegeben hat. Oder wie Folklore. Eine Tradition, ein Brauch, den man respektvoll, aber lauwarm ausführt, bei dem es nicht mehr wirklich um etwas geht, weil sich weder große Ängste noch große Hoffnungen damit verbinden. Man ahnt als Christ, dass Gott einen nicht strafen wird, da kommt kein Blitzstrahl von oben, egal, was man tut.

Warum dann überhaupt Religion, könnte man fragen. Lohnt sich der ganze Aufwand denn noch? Warum, wenn man so auf- und abgeklärt ist, nicht gleich vernünftig werden, also Rationalist? Religion ist immer das Unvernünftige gewesen, den Ungläubigen erscheint Religion als Aberglaube. Das Christentum aber ist fest in einer Welt verwurzelt, die über den Aberglauben lacht. Das ist zweifellos eine Anpassungsleistung, wie es sie in der Geschichte selten gegeben hat.

Der Christ weiß oder ahnt, dass die Wissenschaft alle geistigen Schlachten der letzten Jahrhunderte gewonnen hat und dass seine Religion geduldet wird, solange sie sich nicht einmischt in Dinge, die sie nichts angehen. Religion hatte jahrtausendelang den Anspruch, eine Antwort zu geben auf die letzten und großen Fragen, das heißt, sie ist immer unbescheiden gewesen, sie wollte der große Welterklärer, Sinnstifter und Gesetzgeber sein, das Christentum aber steht bescheiden am Rand der Gesellschaft, es wird nicht diskriminiert, aber auch nicht wirklich benötigt, weil die Geschäfte auch ohne Sinnstiftung ganz gut gehen. Christentum ist ein Serviceangebot an diejenigen, die noch ein paar spirituelle Restbedürfnisse haben, die Yoga allein nicht stillen kann. Warum, zum Teufel, dann nicht gleich vernünftig werden?