Christentum »Religion ist nie cool«

Glaube schien in Europa erledigt. Jetzt ist er wieder da. Warum nur? Der Papstvertraute Walter Kardinal Kasper und der Philosoph Peter Sloterdijk im Streitgespräch

DIE ZEIT: Herr Kardinal, man spricht von einer Wiederkehr der Religionen. Ist das hier in Rom, im Vatikan, im Zentrum einer Weltreligion, zu spüren?

Walter Kardinal Kasper: Es gibt eine enorme Zunahme der Pilger- und der Touristenströme. An Sonntagen sind zwischen 50.000 und 60.000 Menschen auf dem Petersplatz, der Papst kann mittwochs seine Audienzen gar nicht mehr in der Audienzhalle halten. Allerdings hat die »Wiederkehr der Religionen« eine gewisse Ambivalenz. Zum Teil kommen wieder Praktiken in Übung, die man früher als Aberglauben bezeichnet hätte. Grundsätzlich zeigt sich nach unserer Auffassung aber, dass der Mensch von seinem Wesen her religiös ist und dass in ihm diese Frage brennt. Die Säkularisierung, die Westeuropa in den letzten 300 Jahren erlebt hat, ist eine Sonderentwicklung, die wir sonst nirgends finden. Offensichtlich kommen manche Fragen nun zurück, weil die Selbstbefreiung, die es seit der Aufklärung gibt, ihre Verheißungen nicht erfüllt und Enttäuschung hervorbringt.

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ZEIT: Stimmen Sie dem zu, Herr Sloterdijk?

Peter Sloterdijk: Auch ich würde sagen, es tauchen Grundstrukturen in der menschlichen Daseinsverfassung wieder deutlicher auf, ich möchte diesen Sachverhalt aber mehr sprachphilosophisch akzentuieren: Der Mensch ist ein sprechendes Wesen, doch nicht alles, was er sagt und gesagt bekommt, liegt auf derselben Ebene. Es gibt gewissermaßen eine Sprache in der Sprache. Die formuliert die Sätze, mit denen man Orientierungen über das Dasein zum Ausdruck bringt. Lange hat ein gewisser linguistischer Nihilismus geherrscht: Alles, was gesagt wird, ist gleichbedeutend. Inzwischen stellt sich heraus, dass es unter den Dingen, die gesagt werden, einige gibt, die bedeutender sind als andere. Was heute im Zeitgeist umgeht, ist das Empfinden, dass wir nach einer langen autoritätsvergessenen Zeit ein Sensorium für autoritative Worte wiedergewinnen. Sie sehen: Ich brauche das Wort »Religion« zunächst noch gar nicht.

ZEIT: Herr Kardinal, kehren mit der Religion auch die Gefahren des Eiferertums, des bewaffneten Missionarismus zurück?

Kasper: Es gibt ein Wesen und ein Unwesen der Religion. Das Unwesen kann bis zur Verbindung von Religion und Gewalt gehen. Das Wesen der Religion hingegen würde ich in dem ursprünglichen Sinn des Wortes sehen: Religio heißt »Rückbindung«. Der Mensch kann das Ganze seiner Daseinsbedingungen nicht »aufklären«; er weiß sich rückgebunden an eine »höhere Macht«. In religiöser Sprache: Da ist ein Geheimnis. Da gibt »es« noch etwas, was heilig ist, das sich letztlich meiner Verfügung entzieht und mit dem ich mit Respekt und mit Ehrfurcht umgehen muss: Das ist die ursprünglich religiöse Haltung.

Sloterdijk: Ich kann von meinem Zugang her den Unterschied zwischen Wesen und Unwesen der Religion nicht in derselben Weise machen wie ein Bekenner eines Glaubens. Ich würde auch nicht mehr von Religion im Allgemeinen sprechen, sondern von den monotheistischen Religionen, die durch ihren universalistischen Anspruch gefährdet sind, ein hohes polemogenes, also Streit schürendes, Potenzial freizusetzen. Dass Menschen heute auf dem Basar der religiösen Möglichkeiten relativ frei navigieren können, um sich ihre Privatsynthese zusammenzustellen, ist unbestritten. Die Sorge, die wir uns vor dem Hintergrund der erlebten Geschichte jetzt machen, ist aber, ob wir so etwas wie die »friedliche Nutzung der monotheistischen Energien« erlernen können.

Kasper: Dass Religion schädlich, zerstörerisch angewandt werden kann, ist nicht zu bestreiten – wir sehen es beim Problem des Islamismus, wir kennen es auch aus der Geschichte des Christentums. Aber das Positive wird schon auf der ersten Seite der Bibel klar: Gott schafft den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Das ist, Hunderte von Jahren vor Christus, eine Revolution: ein Gott, der nicht nur für ein Volk oder eine Gruppe zuständig ist, sondern für den Menschen, unabhängig von ethnischer, kultureller oder anderer Zugehörigkeit. Aus dieser Sicht des Monotheismus weiß sich die Menschheit als eine große Familie. Das führt indirekt zu dem, was man in der Neuzeit die allgemeinen Menschenrechte genannt hat. Sie sind zum Teil gegen das Christentum erkämpft worden, aber sie haben christliche Fundamente.

Sloterdijk: Bei meiner Energie-Metapher schweben mir allerdings noch weitergehende Analogien mit der Reaktortechnologie vor. In dem Augenblick, wo Menschen sehr nahe an den Glutkern der monotheistischen Glaubensregungen herankommen, werden sie selbst glühend, potenziell bis zur Weißglut erhitzt. Wenn man anfängt, »im Namen des Höchsten« zu sprechen, dann gibt es eine starke energetische Reaktion. Der Mensch kommt bei sich selbst an unerhörte motivationale Quellen heran.

ZEIT: Ist der Papst glühend, Herr Kardinal, oder empfinden Sie ihn als cool?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Warum ist es für Leute, die Jesus Christus lieben, aber die in anderen Religionen nichts anderes als verschiedene Sprachen Gottes sehen, diese genauso lieben und ihre Vertreter und Lehren auf gleicher Höhe mit dem Christentum sehen, immer noch so schwer in den Kirchen? Bloß keine Synchretismus, nicht wahr, bloß nicht Versöhnung der Botschaften, die im Kern eins sind, außer Macht und Politik sind im Spiel. Rufen Sie die Gläubigen bitte vermehrt zu Versöhnungsgebeten der Religionen, der Kulturen und Weltanschauungen auf! Viele Christen kennen die Schriften der anderen nicht mal und vermitteln implizt das Urteil der Gottferne. Wenn mehr Versöhnung und Achtung vor den anderen Gläubigen da ist und vielleicht die Überlegung, daß das vor Gott nicht falsch sein muss, was die machen, wenigstens mal 5 Minuten pro Jahr, dieser Gedanke, dann fällt es leichter, sie als Schwestern und Brüder wahrzunehmen. Da kommt dann oft der Reflex, das geht in Beliebigkeit und Synchretismus und das ist vom Gegenspieler persönlich. Das glaub ich nicht. Was vom Gegenspieler persönlich ist, ist die Annahme, die anderen währen ungläubig, die die Spaltung der Menschheit bis heute bewirkt. Das lässt sich doch so nicht aufrecht erhalten, diese Sicht. Es gibt doch zig Leute, die sich Atheisten oder Agnostiker nennen oder anderen Religionen angehören, die Gott näher sind, als manche bösatig-fundamentalistischen Gemeindemitglieder.

    Zum Titel:

    Wenn alle(s) cool sind (ist), dann wird es ganz schön kühl.
    (ist nicht von mir)

    • janko1
    • 13.02.2007 um 9:19 Uhr

    Dieses Gespräch ist eines Philosophie-Professors nicht würdig, weil es wird kein Gedanke über die Wahrheit und den Sinn des christlichen Glaubens verwendet.
    Das war Niveau des Plauderns, nachmittags beim Kaffee.

    Weil man als Kind von der Mutter, für ihre Sünde, für den Priester vorgesehen war, so wurde man dann brutal verhauen, wenn man sonntags nicht in die Kirche gegangen ist. Weil der Pfarrer der einzig Gebildeter in den Dörfern dort war, so glaubte das Kind, dass er Alles weiss und so hat man ihm blind geglaubt, was er gelehrt hat.

    So ist diese Katholische Kirche für zwei absolut falsche Entwicklungen schuld.
    --Obwohl heute weder fromm noch gläubig, begleitet mich ein Leben lang die physische Angst vor der Hölle.
    --Absolut falsche( dass ich nicht das Wort kriminell verwende) Einstellung zu Sex und Frauen
    In der Pubertät wurde ich gelehrt, dass das Berühren der Hand des Mädchen, das einem gefällt, eine Todsünde ist, weil man dabei an Sex denkt und wenn man dann in der Nacht stirbt, kommt man in die Hölle.
    So ist die Frau auf der einer Seite die Sündenquelle, aber, weil man jungfräulich in die Ehe kommen soll, was als Grundbedingung für die glückliche Ehe ist, dann hebt man die Frau auf die Höhe der Jungfrau Maria.
    Da die katholische Kirche mitten im vorigen Jahrhundert zum Erkenntnis gekommen ist, dass sie mit dem Predigen über die Hölle keinen Erfolg hat, hat man beim 2. Vatikanischem Konzil beschlossen, dass nicht mehr die Kirche sagt, was die Sünde ist, sondern eigenes Gewissen.
    So ist Nichtgehen zur Messe sonntags keine Todsünde mehr - keine Hölle.
    Ich habe noch keinen Theologen gefunden, der mir erklären konnte ob all die, die Nichtkirchengänger, die vor 1965 gestorben sind, noch immer in der Hölle sind oder nicht.
    Und heute, als die Kirche z.B. in Slowenien wieder an der Macht ist, bietet ihr 100% T-2 Internet Anbieter 3 Hard-core nicht verschlüsselte Programme .
    Die so genannten primitiven Religionen in Afrika sind eher konsistent als das, was die Kirche lehrt und selber macht.
    Kardinal Kasper als der Haupt-Zuständiger soll das erklären.
    Solche Fragen müsste ihm Professor Sloterdijk stellen.

    Noch eine Bemerkung zu seiner Aussage: Bastard Kommunismus.
    Dem Wesen nach bemüht sich der Kommunismus, dass die Leute auf dieser Welt das Paradies erreichen. Die christliche Kirche bemüht sich, dass die Leute nach dem Sterben ins Paradies kommen. So gesehen, dürfte es eben keine Rivalität geben, sondern freundschaftliche Mitarbeit. Weil es aber der Kirche um die Macht auf dieser Welt geht ist Kommunismus ihr grösster Feind geworden.
    Die kommunistische Idee ist mit der Geburt der Sowjet Union wahr geworden. Ohne Erfahrung, mit inneren und äusserlichen Feinden ist zur negativer Selektion gekommen und so ist Diktator Stalin entstanden.
    Aber wenn man die Entwicklung nicht nur aber besonders in YU verfolgt, dann kommt man schon zum Ergebnis, dass Sozialismus nicht nur lebensfähig sondern auch erfolgreich sein kann.
    Man soll die ältere weniger reiche Leute fragen, ob in Slowenien im Westen bis in fernen Sibirien, die Monate oder Jahre auf eine ärztliche Behandlung warten müssen, weil sie kein Geld haben um gleich behandelt zu werden, wann war es besser in Sozialismus oder jetzt im Frühkapitalismus, der keine Aussicht hat, reifer zu werden.

    • keox
    • 12.02.2007 um 0:17 Uhr
    3. gnade

    ein apologet - ein schwätzer. tolles gespann.

    kann man sich nicht darauf einigen, daß menschen - als soziale wesen - gar nicht anders können, als sich intersubjektiv auf eine weitgehend gemeinsame wirklichkeit, resp. deren wahrnehmung, zu einigen?

    ist es wirklich so überraschend, daß man sich auch bei den sogenannten 'letzten fragen' zu einem konsens findet?

    und, geht man davon aus, daß intersubjektivität keine veranstaltung unter gleichen ist, darf man redlicherweise davon abstrahieren, welche religion wessen bedürfnisse bedient?

    da schwatzt man leicht bei kaffee und kuchen - und wetzt das messer gegen die bösen heiden.

    immerhin, an einer stelle scheint sie auf, die ahnung einer erkenntnis:

    Man wollte damals, im Interesse der Imperienbildung, einen Menschen, der in einer Welt des Dienens und Gehorchens funktionieren kann.

    • Jotef
    • 14.02.2007 um 12:52 Uhr

    Als Beitrag zum 'heiligen Wettstreit um das Sein' erinnere ich an die Aussage Gottes im Dialog mit Jona, wonach die Menschen 'rechts' und 'links' nicht auseinander halten können.

    Neben 'Das Sein kann man nicht haben'
    ( = 'linke' Sichtweise) gehört die Begründung, warum man, bitteschön, das Sein denn nicht haben kann.

    Die 'rechte' Sichtweise verrät es uns:

    Das SEIN hat uns !

    Hierzu passend gereimte ZEIT-Gedanken, weil sozusagen ZEIT und SEIN 'ein Verhältnis miteinander haben'.

    Zeitpfeil-Arie
    oder: Singt dem Herrn ein neues Lied.

    Bewusstseinsforscher fanden raus:
    Die Welt gleicht einem Kartenhaus
    aus Millionen Illusionen,
    für mehr als 1000 Religionen,
    die sich für uns alle lohnen.

    Der Illusionen Meisterstück
    hat das Zeitliche im Blick:
    Wir glauben, dass die Stunde Null
    war für alle 'wonderful'.

    Nicht lange auf sich warten ließ
    der Rauswurf aus dem Paradies.
    Von dort her, einem Pfeile gleich,
    brach auf die Zeit zu uns ins Reich.

    Der Zeitpfeil fliegt und nimmt uns mit,
    so glauben wir auf Schritt und Tritt.
    Wir nennen es ganz schlicht ‚Geschichte’,
    was uns dabei kommt zu Gesichte.

    Und der Glaube setzt gewöhnlich,
    unerbittlich unversöhnlich,
    Zeit in Relation zur Tat,
    als ob die Zeit das Sagen hat.

    Besser ist - so sag ich nun - ,
    von diesem Glauben auszuruhn,
    wodurch ich selbst schon glücklich bin
    durch immensen Zeitgewinn.

    Zeitgewinn, gescheit verwendet,
    macht, dass alte Zeit hier endet:
    Statt einem Zeitpfeil gibt es zwei,
    und das ist glatt der Clou dabei.

    Entgegen alter Denkungsart
    entstammen sie der Gegenwart,
    denn diese ist, total allein,
    Ort und Sitz von allem SEIN.

    ZUKUNFT und VERGANGENHEIT
    sind der Pfeile Namen,
    ausgesandt vom Herrn der Zeit [der Mensch]*
    sie zustande kamen.

    Vor + zurück durcheilen sie
    unsere Weltgeschichte.
    Niemals treffen sie sich nie ( ! )**
    und nichts macht sie zunichte.

    Und es bleibt uns nicht erspart,
    was sonst noch zählt zur Gegenwart :
    Schemenhaft und ganz wie Traum
    gibt Gegenwart auch LEBEN Raum.

    Genau das ist des Pudels Kern.
    Das Leben haben wir so gern,
    weil einzig und allein in ihm
    bewusstes Sein wird schön intim.

    Damit wird die ganze Welt
    neu-gerichtet aufgestellt.
    Bewusstsein dient dem einen Zweck:
    Der alte Zeitpfeil - ist jetzt weg.

    *) Bibel-Zitat: ‚Meine Zeit’ -- steht in Gottes Hand

    **) doppelte Verneinung hebt sich auf -- Treffpunkt = Gegenwart

    JuergenFriedrich@gmx.de

    • hagego
    • 14.02.2007 um 10:50 Uhr

    Wenn man diesen interviewten Dialog mit ein wenig Abstand nachliest, drängt sich einem der verdacht auf, vielleicht ist gar nicht die Religion, sondern eher die 'Heimat' das eigentliche Thema dieses Diskurses gewesen. Hier mal ein paar Bröckelchen in Richtung Kirchenschiff, dort mal eine Spitze gegen das 'entleerte Menschsein'. In einer unüberschaubar gewordenen, globalisierten Weltordnung basteln wir uns unsere individuellen heimeligen Nischen. Ich empfinde das als eine wohltuende Strategie, die mich vor dem Verglühen bewahrt und mich zugleich nicht cool lässt.
    Wer nicht nur Schubladen öffnet, um nachzusehen, sondern sozusagen auf Metaebene nachdenkt, der kann Christ oder Philisoph sein. Seine Heimaterde wird immer der Humus der Toleranz sein. Seine Tröstungen beginnen immer im Diesseits, verweisen nie ausschließlich auf das Jenseits.

    • Jotef
    • 14.02.2007 um 11:26 Uhr

    Am Anfang war das Wort --
    haargenau so heißt es,
    weil jedes Wort ist Ort
    und Wohnsitz reinen Geistes !

    Die Summe der Wörter wird zu(r) WELTGESCHICHTE eines über-religiösen Gottes für religiöse und a-religiöse Geschöpfe. - Der Prozess schreitet voran, unter anderem auch nach folgender Maßgabe:

    Schreib auf was und gib Gas,
    damit die Schranken der Gedanken
    sich beim Denken verrenken.

    Weltgeschichte macht im Lichte
    von Gereimtheit aus Gemeinheit
    allgemeine Gemeinsamkeit.

    Dichtkunst = Richtkunst
    dichten = richten = belichten
    WELTGERICHT = WELTGEDICHT

    'Es werde Licht' macht als Gedicht
    zunichte Weltgeschichte.

    à Der Reim = Bethaus der Nationen ( = in rimo veritas = im Reim liegt Wahrheit).

    Noch ungereimt, aber schon Dichtung . . .

    'Warum sagst du das in Reimen?' - „Reime sind wirksam. Sagt man´s euch in Prosa, stopft ihr euch die Ohren zu!' ( Goethe&Schiller dichteten das 1797 in DIE XENIEN)

    SEIN + LEBEN + DENKEN + FÜHLEN + GLAUBEN + WOLLEN = LIEBEN

    Das sieht aus wie eine Rechenaufgabe, ist aber ‚Roter Faden’ im Vermächtnis für Sehnsucht, Sinnsuche und Sinnfindung = 'religiöse' Erfüllung.

    Individuell personifiziert wird das zu

    Ich bin - was ich erlebe,
    ich erlebe - was ich denke,
    ich denke - was ich fühle,
    ich fühle - was ich glaube,
    ich glaube - was ich will,
    ich will - was ich liebe,
    ich liebe - was ich bin

  2. Herr Sloterdijk hat einen sehr wichtigen Punkt beruehrt, das im Westen, vom Seiten der Christen -aber auch der Linken und Liberalen- oft uebersehen worden ist, aber das im Dialog zwischen den grossen monotheistischen Weltreligionen von essentieler Bedeutung ist.

    Gemeint ist hier die Tatsache, das es dem Islam schon vom Anfang an gelungen ist die geistige Urkraefte ihres Gruendungs-Volkes und ihrer eroberten Voelker zu integrieren und auszunuetzen.

    Dem Christentum koennte aehnliches schon deswegen nicht erreichen, weil die Kultur ihres Entstehens einerseits, und die ihrer Ausbreitung andrerseits, viel zu unterschiedlich von einander sind.
    Das sie dazu noch viele der 'alte' Werte wie Stolz, Ehre und Blut-Verwandschaft (Familie/Stamm/Nation) vom vornherein tabuisiert hat, macht es noch schwieriger.

    Auf Grund dieses Fazits stehen wir Europaer tatsaechlich sehr schwach da in dem 'Dialog der Kulturen' (der deswegen schon gar keiner ist), wenn wir uns fuer unsere Geistigkeit zu viel nur auf unseres Christiche Erbe verlassen.
    Unseres Griechisch-Roemisches, Juedisches, Keltisches, Nordisch-Germanisches, Balto-Slawisches, Persisches und Ugro-Finnisches Erbe sind uns deswegen auch unentbehrlich.
    Die Tatsache, dass die meiste Leute heutzutage bei den meisten genante Beispiele schon ueberhaupt nicht mehr wissen, wass damit gemeint ist, oder es -abgesehen vom Juedischen- nur herablassend als 'heidnisch' einstufen, ist schon ein Zeichen dessen Problem, an wessen die Kirche nicht gerade unschuldig ist.

    Als Herr Kaspar da bemerkte, dass Herr Sloterdijk wie Nietzsche redete, hatte er Recht.
    Aber ich muss aber gleich zufiegen, dass dieses nicht negativ, sondern eher positiv zu werten ist.

    Nietzsche hat schon vor mehr als 130 jahre her eine treffende Analyse des Europaeischen Geistes-Entwicklung geliefert, die uns jetzt sehr nuetzlich und hilfreich sein koennte.

    Leider hat sein Radikalismus, sein extremer Sprach-Gebrauch und sein Missbrauch durch Verbrecher, die ihm nie richtig verstanden hatten, seinen Gedanken zu Unrecht einen schlechten Ruf besorgt.

  3. Kardinal Kaspar bringt das Problem der Offenbarungsreligionen am Ende des Interviews auf den Punkt: „Allerdings darf ich nie den Anspruch erheben, dass ich das Ganze h a b e und für mich beanspruchen kann. Das Ganze h a b e ich immer nur in einer endlichen Gestalt.“ Er meint damit offensichtlich ein Objekt der Sinne und hat damit das Ganze schon verloren. Darauf kann ich nur mit dem Zitat eines bayrischen Extrembergsteigers antworten, der vor einem Jahr in einem Interview mit der FASZ sagte, er habe sich für das Sein entschieden und „Das Sein kann man nicht h a b e n.“
    In meinem eigenen Jesusverständnis ist Jesus auch „so einer“, und zwar auf höchster Ebene: Er hat der pharisäischen Juristenreligion wieder die Seinsreligion entgegengestellt, und zwar mit seinem Sein (wie denn auch sonst?) und nicht mit einer neuen Theologie. Er lebt(e) die Selbstreferenzialität der Einheit, die man übrigens auch in der indischen Bhagavadgita findet: „der Beobachter i s t das Feld“ heißt es im 13. Kapitel. Er i s t die Dreifaltigkeit und nicht ein Teil davon – das wäre ja widersinnig. Aber auch jeder andere i s t die Dreifaltigkeit. „Ich bin Das, du bist Das, all dies ist Das“ heißt es in den Upanishaden: Die verborgene Gottheit ist in deinem Sein. „Bevor Abraham ist, bin ich“ sagt Jesus.
    Diese Urerfahrung der Gegenwart der Dreieinigkeit auf Erden (der „Menschensohn“) und im Himmel (der „Gottessohn“) wird aber von den Sinnen und vom Verstand ganz schnell wieder verdeckt und verschüttet, die Gottheit wird eben wieder verborgen und transzendent. Die Dreifaltigkeit wird zum Objekt des Intellekts und damit theologisch-juristischer Haarspaltereien.
    Hier sehe ich die heilsgeschichtliche Notwendigkeit des Auftretens des Propheten Mohammed. Er bringt die Übung des Rückbezugs zum e i n e n Gott ins tägliche Leben von Mil-lionen von Menschen. Dass in großen Teilen der Erde seit Jahrhunderten drei- bzw. fünfmal am Tag gebetet und regelmäßiges (Sinnen-)Fasten geübt wird, ist eine enorme Leistung des Propheten. Oder vielleicht doch des e i n e n und lebendigen Gottes selber? Allerdings ist das ohne einen Gottesstaat, in einer säkularen Umgebung, fast unmöglich.

    Eine Lösung des Konfliktes zwischen den Religionen, insbesondere dem zwischen Christentum und dem Islam, sehe ich nicht in theologischen oder philosophischen Diskussionen. Die Lösung kann nur in einer neue Ontologie, einem neuen Seinsverständnis, liegen – oder besser in einem neuen Sein, das sich jedem aufdrängt, der sich ernsthaft mit den „letzten Dingen“ beschäftigt – auch wenn man kein Philosoph ist wie Herr Sloterdijk. Wenn ein Physiker sich etwa mit dem Vereinheitlichten Feld beschäftigt, i s t er dann nicht das Vereinheitlichte Feld, das über sich selber nachdenkt? Untersuchen unsere Wissenschaftler nicht einfach nur die Pixel eines mehrdimensionalen Bildschirms (der Sinne), die noch dazu der Unschärferelation unterliegen? Sind wir nicht doch Software und die Hardware ist ganz soft, nämlich selbstin-teragierendes Bewusstsein?
    Vielleicht leben wir ja in einem Bewusstseinsuniversum? Religion macht jedenfalls nur Sinn, wenn das der Fall ist! Wenn es nicht so ist, sollten wir alle Religionen schleunigst abschaffen. Dann sind sie wirklich nur Opium für ein schnell schrumpfendes Volk. Wenn es aber der Fall ist (und vieles deutet darauf hin), dann sollten wir schleunigst hinter die Pixel schauen und versuchen, das Programm und den Programmierer zu verstehen. Aber vielleicht programmiert ER oder SIE oder ES sich ja selber? Nicht nach einem starren Programm, sondern mit Freiheitsgraden, wie das jeder lausige Spieleprogrammierer bereits kann.
    Und wie schauen wir hinter die Pixel? Die christliche Mystik hat das Verfahren „Bildlose Schau“ genannt. Therese von Avila spricht vom „Gebet der Stille“, mein indischer Meister spricht von 'Transzendentaler Meditation', bei den Orthodoxen gibt es das „Herzensgebet“, im Islam „Dhikr“ oder „Zikr“. Und das Gemeinsame daran ist, dass das Verfahren, die „Übung“, jenseits aller Inhalte und damit jenseits aller Religionen ist und im Prinzip in allen Schulen aller Kulturen ausgeübt werde kann. Das wäre die Lösung – ein heiliger Wettstreit um das Sein….

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