Christentum »Religion ist nie cool«Seite 6/6

ZEIT: Als Professor Sloterdijk erklärt hat, der Machtverlust der Kirche habe ihr im Grunde gutgetan, haben Sie genickt.

Kasper: Ja, der Verlust weltlicher Macht war ein Reinigungsprozess für die Kirche. Sie hat dadurch an geistlicher Macht, an Vollmacht, gewonnen. Die Unterscheidung von Politik und Religion hat die Kirche überzeugender und letztlich einflussreicher gemacht.

Sloterdijk: Das ist ja ein Nervenzentrum der modernen Kultur überhaupt: dass sich Autorität heute mit der Schwäche verbindet. Daran ist der Katholizismus als Modelllieferant übrigens nicht ganz unschuldig. Als der italienische Staat den Kirchenstaat verschluckt hatte und der Papst sich als Gefangener im Vatikan inszenierte, hat das die Vorstellung von der väterlichen Autorität verändert: Sie wurde von der väterlichen Gewalt zum gewaltlosen Orientierungsangebot. Hier taucht das vielzitierte »Symbolische« am Horizont auf.

Kasper: Die christliche Grundgestalt selbst, Jesus Christus, war ja ein Leidender und Sterbender. Das Kreuz ist das christliche Ursymbol. Gott entäußert sich selbst und wird schwach bis ins Sterben hinein. Insofern ist das tief im Zentrum des Christlichen verwurzelt.

ZEIT: Herr Sloterdijk hat von der metaphysischen Mehrsprachigkeit Europas gesprochen. Wahrscheinlich würde er sogar eine Art religiöser Mehrsprachigkeit für wünschenswert halten. Wie stehen Sie dazu, Herr Kardinal?

Kasper: Den religiösen Pluralismus gibt es. Dass wir lernen müssen, das zu akzeptieren, ist unbestritten. Ich als Person allerdings kann nicht religiös mehrsprachig sein. Ich kann versuchen, andere religiöse Sprachen zu verstehen und ein friedliches Verhältnis mit ihnen zu pflegen, aber letztlich entscheide ich mich als religiöser Mensch für eine Form. Religion hat mit Toleranz, aber auch mit Entschiedenheit zu tun.

Sloterdijk: In meinen Augen reicht das Phänomen der Mehrsprachigkeit weiter als die Fähigkeit, sich für ein Credo zu entscheiden. Ich kann mich nicht gegen die Tatsache entscheiden, dass mir die Griechen etwas zu sagen haben. Ich kann mich auch nicht rückwirkend dagegen entscheiden, dass mir während einer langen Periode meines Lebens die Inder etwas zu sagen hatten, die ja neben den Juden als das paradigmatische Religionsvolk der Erde eine besondere Aufmerksamkeit verdienen, weil in ihnen sozusagen das zweite Gesicht des Homo religiosus aufscheint – das nicht so sehr von der Gesetzeshaftigkeit und von der personalen Gottesbeziehung geprägt ist, sondern von einer mehr mystischen und meditativen Form. Ich habe vor kurzem einen indischen Jesuitenpater kennengelernt, der auf die natürlichste Art zwischen dem Hinduismus und dem Katholizismus hin und her geht.

ZEIT: Ein probates Modell?

Sloterdijk: Sich entscheiden zu können ist wohl selbst eine Gabe, die dem einen zufällt und anderen nicht. Ich werde ein bisschen nervös, wenn es heißt, in der Religion gehe es immer um alles oder nichts. Das heißt doch: Wirkliche Religion ist totalitär, und alles andere wären nur Verfallsformen. Das klingt so, als wenn jemand sagt: Es gibt nur eine Form von Sexualität, das ist der Sadomasochismus. Und wenn mich Gott nicht peitscht, dann ist er nicht der richtige. Ich glaube gerade umgekehrt, dass die totalitäre Form von Religion die Verfallsform ist.

Kasper: Ich würde schon sagen, dass es in der Religion um das Ganze, um das Absolute geht. Allerdings darf ich nie den Anspruch erheben, dass ich das Ganze habe und für mich beanspruchen kann. Das Ganze habe ich immer nur in einer endlichen Gestalt. So kann ich im Gespräch mit dem Hinduismus oder Buddhismus lernen – aber nicht in dem Sinn, dass ich zweisprachig werde, sondern in dem Sinn, dass meine eigene Sprache bereichert, bewusster und gefüllter wird.

Das Gespräch führten Jan Ross und Bernd Ulrich

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Warum ist es für Leute, die Jesus Christus lieben, aber die in anderen Religionen nichts anderes als verschiedene Sprachen Gottes sehen, diese genauso lieben und ihre Vertreter und Lehren auf gleicher Höhe mit dem Christentum sehen, immer noch so schwer in den Kirchen? Bloß keine Synchretismus, nicht wahr, bloß nicht Versöhnung der Botschaften, die im Kern eins sind, außer Macht und Politik sind im Spiel. Rufen Sie die Gläubigen bitte vermehrt zu Versöhnungsgebeten der Religionen, der Kulturen und Weltanschauungen auf! Viele Christen kennen die Schriften der anderen nicht mal und vermitteln implizt das Urteil der Gottferne. Wenn mehr Versöhnung und Achtung vor den anderen Gläubigen da ist und vielleicht die Überlegung, daß das vor Gott nicht falsch sein muss, was die machen, wenigstens mal 5 Minuten pro Jahr, dieser Gedanke, dann fällt es leichter, sie als Schwestern und Brüder wahrzunehmen. Da kommt dann oft der Reflex, das geht in Beliebigkeit und Synchretismus und das ist vom Gegenspieler persönlich. Das glaub ich nicht. Was vom Gegenspieler persönlich ist, ist die Annahme, die anderen währen ungläubig, die die Spaltung der Menschheit bis heute bewirkt. Das lässt sich doch so nicht aufrecht erhalten, diese Sicht. Es gibt doch zig Leute, die sich Atheisten oder Agnostiker nennen oder anderen Religionen angehören, die Gott näher sind, als manche bösatig-fundamentalistischen Gemeindemitglieder.

    Zum Titel:

    Wenn alle(s) cool sind (ist), dann wird es ganz schön kühl.
    (ist nicht von mir)

    • janko1
    • 13.02.2007 um 9:19 Uhr

    Dieses Gespräch ist eines Philosophie-Professors nicht würdig, weil es wird kein Gedanke über die Wahrheit und den Sinn des christlichen Glaubens verwendet.
    Das war Niveau des Plauderns, nachmittags beim Kaffee.

    Weil man als Kind von der Mutter, für ihre Sünde, für den Priester vorgesehen war, so wurde man dann brutal verhauen, wenn man sonntags nicht in die Kirche gegangen ist. Weil der Pfarrer der einzig Gebildeter in den Dörfern dort war, so glaubte das Kind, dass er Alles weiss und so hat man ihm blind geglaubt, was er gelehrt hat.

    So ist diese Katholische Kirche für zwei absolut falsche Entwicklungen schuld.
    --Obwohl heute weder fromm noch gläubig, begleitet mich ein Leben lang die physische Angst vor der Hölle.
    --Absolut falsche( dass ich nicht das Wort kriminell verwende) Einstellung zu Sex und Frauen
    In der Pubertät wurde ich gelehrt, dass das Berühren der Hand des Mädchen, das einem gefällt, eine Todsünde ist, weil man dabei an Sex denkt und wenn man dann in der Nacht stirbt, kommt man in die Hölle.
    So ist die Frau auf der einer Seite die Sündenquelle, aber, weil man jungfräulich in die Ehe kommen soll, was als Grundbedingung für die glückliche Ehe ist, dann hebt man die Frau auf die Höhe der Jungfrau Maria.
    Da die katholische Kirche mitten im vorigen Jahrhundert zum Erkenntnis gekommen ist, dass sie mit dem Predigen über die Hölle keinen Erfolg hat, hat man beim 2. Vatikanischem Konzil beschlossen, dass nicht mehr die Kirche sagt, was die Sünde ist, sondern eigenes Gewissen.
    So ist Nichtgehen zur Messe sonntags keine Todsünde mehr - keine Hölle.
    Ich habe noch keinen Theologen gefunden, der mir erklären konnte ob all die, die Nichtkirchengänger, die vor 1965 gestorben sind, noch immer in der Hölle sind oder nicht.
    Und heute, als die Kirche z.B. in Slowenien wieder an der Macht ist, bietet ihr 100% T-2 Internet Anbieter 3 Hard-core nicht verschlüsselte Programme .
    Die so genannten primitiven Religionen in Afrika sind eher konsistent als das, was die Kirche lehrt und selber macht.
    Kardinal Kasper als der Haupt-Zuständiger soll das erklären.
    Solche Fragen müsste ihm Professor Sloterdijk stellen.

    Noch eine Bemerkung zu seiner Aussage: Bastard Kommunismus.
    Dem Wesen nach bemüht sich der Kommunismus, dass die Leute auf dieser Welt das Paradies erreichen. Die christliche Kirche bemüht sich, dass die Leute nach dem Sterben ins Paradies kommen. So gesehen, dürfte es eben keine Rivalität geben, sondern freundschaftliche Mitarbeit. Weil es aber der Kirche um die Macht auf dieser Welt geht ist Kommunismus ihr grösster Feind geworden.
    Die kommunistische Idee ist mit der Geburt der Sowjet Union wahr geworden. Ohne Erfahrung, mit inneren und äusserlichen Feinden ist zur negativer Selektion gekommen und so ist Diktator Stalin entstanden.
    Aber wenn man die Entwicklung nicht nur aber besonders in YU verfolgt, dann kommt man schon zum Ergebnis, dass Sozialismus nicht nur lebensfähig sondern auch erfolgreich sein kann.
    Man soll die ältere weniger reiche Leute fragen, ob in Slowenien im Westen bis in fernen Sibirien, die Monate oder Jahre auf eine ärztliche Behandlung warten müssen, weil sie kein Geld haben um gleich behandelt zu werden, wann war es besser in Sozialismus oder jetzt im Frühkapitalismus, der keine Aussicht hat, reifer zu werden.

    • keox
    • 12.02.2007 um 0:17 Uhr
    3. gnade

    ein apologet - ein schwätzer. tolles gespann.

    kann man sich nicht darauf einigen, daß menschen - als soziale wesen - gar nicht anders können, als sich intersubjektiv auf eine weitgehend gemeinsame wirklichkeit, resp. deren wahrnehmung, zu einigen?

    ist es wirklich so überraschend, daß man sich auch bei den sogenannten 'letzten fragen' zu einem konsens findet?

    und, geht man davon aus, daß intersubjektivität keine veranstaltung unter gleichen ist, darf man redlicherweise davon abstrahieren, welche religion wessen bedürfnisse bedient?

    da schwatzt man leicht bei kaffee und kuchen - und wetzt das messer gegen die bösen heiden.

    immerhin, an einer stelle scheint sie auf, die ahnung einer erkenntnis:

    Man wollte damals, im Interesse der Imperienbildung, einen Menschen, der in einer Welt des Dienens und Gehorchens funktionieren kann.

    • Jotef
    • 14.02.2007 um 12:52 Uhr

    Als Beitrag zum 'heiligen Wettstreit um das Sein' erinnere ich an die Aussage Gottes im Dialog mit Jona, wonach die Menschen 'rechts' und 'links' nicht auseinander halten können.

    Neben 'Das Sein kann man nicht haben'
    ( = 'linke' Sichtweise) gehört die Begründung, warum man, bitteschön, das Sein denn nicht haben kann.

    Die 'rechte' Sichtweise verrät es uns:

    Das SEIN hat uns !

    Hierzu passend gereimte ZEIT-Gedanken, weil sozusagen ZEIT und SEIN 'ein Verhältnis miteinander haben'.

    Zeitpfeil-Arie
    oder: Singt dem Herrn ein neues Lied.

    Bewusstseinsforscher fanden raus:
    Die Welt gleicht einem Kartenhaus
    aus Millionen Illusionen,
    für mehr als 1000 Religionen,
    die sich für uns alle lohnen.

    Der Illusionen Meisterstück
    hat das Zeitliche im Blick:
    Wir glauben, dass die Stunde Null
    war für alle 'wonderful'.

    Nicht lange auf sich warten ließ
    der Rauswurf aus dem Paradies.
    Von dort her, einem Pfeile gleich,
    brach auf die Zeit zu uns ins Reich.

    Der Zeitpfeil fliegt und nimmt uns mit,
    so glauben wir auf Schritt und Tritt.
    Wir nennen es ganz schlicht ‚Geschichte’,
    was uns dabei kommt zu Gesichte.

    Und der Glaube setzt gewöhnlich,
    unerbittlich unversöhnlich,
    Zeit in Relation zur Tat,
    als ob die Zeit das Sagen hat.

    Besser ist - so sag ich nun - ,
    von diesem Glauben auszuruhn,
    wodurch ich selbst schon glücklich bin
    durch immensen Zeitgewinn.

    Zeitgewinn, gescheit verwendet,
    macht, dass alte Zeit hier endet:
    Statt einem Zeitpfeil gibt es zwei,
    und das ist glatt der Clou dabei.

    Entgegen alter Denkungsart
    entstammen sie der Gegenwart,
    denn diese ist, total allein,
    Ort und Sitz von allem SEIN.

    ZUKUNFT und VERGANGENHEIT
    sind der Pfeile Namen,
    ausgesandt vom Herrn der Zeit [der Mensch]*
    sie zustande kamen.

    Vor + zurück durcheilen sie
    unsere Weltgeschichte.
    Niemals treffen sie sich nie ( ! )**
    und nichts macht sie zunichte.

    Und es bleibt uns nicht erspart,
    was sonst noch zählt zur Gegenwart :
    Schemenhaft und ganz wie Traum
    gibt Gegenwart auch LEBEN Raum.

    Genau das ist des Pudels Kern.
    Das Leben haben wir so gern,
    weil einzig und allein in ihm
    bewusstes Sein wird schön intim.

    Damit wird die ganze Welt
    neu-gerichtet aufgestellt.
    Bewusstsein dient dem einen Zweck:
    Der alte Zeitpfeil - ist jetzt weg.

    *) Bibel-Zitat: ‚Meine Zeit’ -- steht in Gottes Hand

    **) doppelte Verneinung hebt sich auf -- Treffpunkt = Gegenwart

    JuergenFriedrich@gmx.de

    • hagego
    • 14.02.2007 um 10:50 Uhr

    Wenn man diesen interviewten Dialog mit ein wenig Abstand nachliest, drängt sich einem der verdacht auf, vielleicht ist gar nicht die Religion, sondern eher die 'Heimat' das eigentliche Thema dieses Diskurses gewesen. Hier mal ein paar Bröckelchen in Richtung Kirchenschiff, dort mal eine Spitze gegen das 'entleerte Menschsein'. In einer unüberschaubar gewordenen, globalisierten Weltordnung basteln wir uns unsere individuellen heimeligen Nischen. Ich empfinde das als eine wohltuende Strategie, die mich vor dem Verglühen bewahrt und mich zugleich nicht cool lässt.
    Wer nicht nur Schubladen öffnet, um nachzusehen, sondern sozusagen auf Metaebene nachdenkt, der kann Christ oder Philisoph sein. Seine Heimaterde wird immer der Humus der Toleranz sein. Seine Tröstungen beginnen immer im Diesseits, verweisen nie ausschließlich auf das Jenseits.

    • Jotef
    • 14.02.2007 um 11:26 Uhr

    Am Anfang war das Wort --
    haargenau so heißt es,
    weil jedes Wort ist Ort
    und Wohnsitz reinen Geistes !

    Die Summe der Wörter wird zu(r) WELTGESCHICHTE eines über-religiösen Gottes für religiöse und a-religiöse Geschöpfe. - Der Prozess schreitet voran, unter anderem auch nach folgender Maßgabe:

    Schreib auf was und gib Gas,
    damit die Schranken der Gedanken
    sich beim Denken verrenken.

    Weltgeschichte macht im Lichte
    von Gereimtheit aus Gemeinheit
    allgemeine Gemeinsamkeit.

    Dichtkunst = Richtkunst
    dichten = richten = belichten
    WELTGERICHT = WELTGEDICHT

    'Es werde Licht' macht als Gedicht
    zunichte Weltgeschichte.

    à Der Reim = Bethaus der Nationen ( = in rimo veritas = im Reim liegt Wahrheit).

    Noch ungereimt, aber schon Dichtung . . .

    'Warum sagst du das in Reimen?' - „Reime sind wirksam. Sagt man´s euch in Prosa, stopft ihr euch die Ohren zu!' ( Goethe&Schiller dichteten das 1797 in DIE XENIEN)

    SEIN + LEBEN + DENKEN + FÜHLEN + GLAUBEN + WOLLEN = LIEBEN

    Das sieht aus wie eine Rechenaufgabe, ist aber ‚Roter Faden’ im Vermächtnis für Sehnsucht, Sinnsuche und Sinnfindung = 'religiöse' Erfüllung.

    Individuell personifiziert wird das zu

    Ich bin - was ich erlebe,
    ich erlebe - was ich denke,
    ich denke - was ich fühle,
    ich fühle - was ich glaube,
    ich glaube - was ich will,
    ich will - was ich liebe,
    ich liebe - was ich bin

  2. Herr Sloterdijk hat einen sehr wichtigen Punkt beruehrt, das im Westen, vom Seiten der Christen -aber auch der Linken und Liberalen- oft uebersehen worden ist, aber das im Dialog zwischen den grossen monotheistischen Weltreligionen von essentieler Bedeutung ist.

    Gemeint ist hier die Tatsache, das es dem Islam schon vom Anfang an gelungen ist die geistige Urkraefte ihres Gruendungs-Volkes und ihrer eroberten Voelker zu integrieren und auszunuetzen.

    Dem Christentum koennte aehnliches schon deswegen nicht erreichen, weil die Kultur ihres Entstehens einerseits, und die ihrer Ausbreitung andrerseits, viel zu unterschiedlich von einander sind.
    Das sie dazu noch viele der 'alte' Werte wie Stolz, Ehre und Blut-Verwandschaft (Familie/Stamm/Nation) vom vornherein tabuisiert hat, macht es noch schwieriger.

    Auf Grund dieses Fazits stehen wir Europaer tatsaechlich sehr schwach da in dem 'Dialog der Kulturen' (der deswegen schon gar keiner ist), wenn wir uns fuer unsere Geistigkeit zu viel nur auf unseres Christiche Erbe verlassen.
    Unseres Griechisch-Roemisches, Juedisches, Keltisches, Nordisch-Germanisches, Balto-Slawisches, Persisches und Ugro-Finnisches Erbe sind uns deswegen auch unentbehrlich.
    Die Tatsache, dass die meiste Leute heutzutage bei den meisten genante Beispiele schon ueberhaupt nicht mehr wissen, wass damit gemeint ist, oder es -abgesehen vom Juedischen- nur herablassend als 'heidnisch' einstufen, ist schon ein Zeichen dessen Problem, an wessen die Kirche nicht gerade unschuldig ist.

    Als Herr Kaspar da bemerkte, dass Herr Sloterdijk wie Nietzsche redete, hatte er Recht.
    Aber ich muss aber gleich zufiegen, dass dieses nicht negativ, sondern eher positiv zu werten ist.

    Nietzsche hat schon vor mehr als 130 jahre her eine treffende Analyse des Europaeischen Geistes-Entwicklung geliefert, die uns jetzt sehr nuetzlich und hilfreich sein koennte.

    Leider hat sein Radikalismus, sein extremer Sprach-Gebrauch und sein Missbrauch durch Verbrecher, die ihm nie richtig verstanden hatten, seinen Gedanken zu Unrecht einen schlechten Ruf besorgt.

  3. Kardinal Kaspar bringt das Problem der Offenbarungsreligionen am Ende des Interviews auf den Punkt: „Allerdings darf ich nie den Anspruch erheben, dass ich das Ganze h a b e und für mich beanspruchen kann. Das Ganze h a b e ich immer nur in einer endlichen Gestalt.“ Er meint damit offensichtlich ein Objekt der Sinne und hat damit das Ganze schon verloren. Darauf kann ich nur mit dem Zitat eines bayrischen Extrembergsteigers antworten, der vor einem Jahr in einem Interview mit der FASZ sagte, er habe sich für das Sein entschieden und „Das Sein kann man nicht h a b e n.“
    In meinem eigenen Jesusverständnis ist Jesus auch „so einer“, und zwar auf höchster Ebene: Er hat der pharisäischen Juristenreligion wieder die Seinsreligion entgegengestellt, und zwar mit seinem Sein (wie denn auch sonst?) und nicht mit einer neuen Theologie. Er lebt(e) die Selbstreferenzialität der Einheit, die man übrigens auch in der indischen Bhagavadgita findet: „der Beobachter i s t das Feld“ heißt es im 13. Kapitel. Er i s t die Dreifaltigkeit und nicht ein Teil davon – das wäre ja widersinnig. Aber auch jeder andere i s t die Dreifaltigkeit. „Ich bin Das, du bist Das, all dies ist Das“ heißt es in den Upanishaden: Die verborgene Gottheit ist in deinem Sein. „Bevor Abraham ist, bin ich“ sagt Jesus.
    Diese Urerfahrung der Gegenwart der Dreieinigkeit auf Erden (der „Menschensohn“) und im Himmel (der „Gottessohn“) wird aber von den Sinnen und vom Verstand ganz schnell wieder verdeckt und verschüttet, die Gottheit wird eben wieder verborgen und transzendent. Die Dreifaltigkeit wird zum Objekt des Intellekts und damit theologisch-juristischer Haarspaltereien.
    Hier sehe ich die heilsgeschichtliche Notwendigkeit des Auftretens des Propheten Mohammed. Er bringt die Übung des Rückbezugs zum e i n e n Gott ins tägliche Leben von Mil-lionen von Menschen. Dass in großen Teilen der Erde seit Jahrhunderten drei- bzw. fünfmal am Tag gebetet und regelmäßiges (Sinnen-)Fasten geübt wird, ist eine enorme Leistung des Propheten. Oder vielleicht doch des e i n e n und lebendigen Gottes selber? Allerdings ist das ohne einen Gottesstaat, in einer säkularen Umgebung, fast unmöglich.

    Eine Lösung des Konfliktes zwischen den Religionen, insbesondere dem zwischen Christentum und dem Islam, sehe ich nicht in theologischen oder philosophischen Diskussionen. Die Lösung kann nur in einer neue Ontologie, einem neuen Seinsverständnis, liegen – oder besser in einem neuen Sein, das sich jedem aufdrängt, der sich ernsthaft mit den „letzten Dingen“ beschäftigt – auch wenn man kein Philosoph ist wie Herr Sloterdijk. Wenn ein Physiker sich etwa mit dem Vereinheitlichten Feld beschäftigt, i s t er dann nicht das Vereinheitlichte Feld, das über sich selber nachdenkt? Untersuchen unsere Wissenschaftler nicht einfach nur die Pixel eines mehrdimensionalen Bildschirms (der Sinne), die noch dazu der Unschärferelation unterliegen? Sind wir nicht doch Software und die Hardware ist ganz soft, nämlich selbstin-teragierendes Bewusstsein?
    Vielleicht leben wir ja in einem Bewusstseinsuniversum? Religion macht jedenfalls nur Sinn, wenn das der Fall ist! Wenn es nicht so ist, sollten wir alle Religionen schleunigst abschaffen. Dann sind sie wirklich nur Opium für ein schnell schrumpfendes Volk. Wenn es aber der Fall ist (und vieles deutet darauf hin), dann sollten wir schleunigst hinter die Pixel schauen und versuchen, das Programm und den Programmierer zu verstehen. Aber vielleicht programmiert ER oder SIE oder ES sich ja selber? Nicht nach einem starren Programm, sondern mit Freiheitsgraden, wie das jeder lausige Spieleprogrammierer bereits kann.
    Und wie schauen wir hinter die Pixel? Die christliche Mystik hat das Verfahren „Bildlose Schau“ genannt. Therese von Avila spricht vom „Gebet der Stille“, mein indischer Meister spricht von 'Transzendentaler Meditation', bei den Orthodoxen gibt es das „Herzensgebet“, im Islam „Dhikr“ oder „Zikr“. Und das Gemeinsame daran ist, dass das Verfahren, die „Übung“, jenseits aller Inhalte und damit jenseits aller Religionen ist und im Prinzip in allen Schulen aller Kulturen ausgeübt werde kann. Das wäre die Lösung – ein heiliger Wettstreit um das Sein….

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