Kubaner auf Tour Hüftschwung für Fidel Castro
Wo immer Reynaldo Creagh hinkommt, ist Kuba, es umflort ihn: den dünnen Körper, den Gehstock, den Anzug, hellgrau und weit. 88 Jahre hat er auf der Karibikinsel verbracht, jetzt sieht er die Welt. Im Berliner Admiralspalast tapert er an den Rand der Bühne, wacklig, aber zäh, ein Kuba des mürben Fleisches. Er hat durchgehalten wie sein Land, 48 Jahre Sozialismus, Castros Größenwahn, Amerikas Feindschaft.
Die Geschichte zwingt ihn weiterzumachen. Sie gebiert eine seltsame Art des Stolzes.
Creagh ist der Älteste von drei alten Kubanern, die mit einer Showtruppe bis Mitte Februar durch Deutschland touren. » The Bar at Buena Vista. Grandfathers of Cuban Music« ist die Idee eines Engländers, Creagh das Echtheitszertifikat. Vorher waren sie in Australien, Singapur. Bereits in den neunziger Jahren hat der Amerikaner Ry Cooder die Plantagenmusik des Son zur Weltmarke gemacht, mit Hilfe seines Buena Vista Social Club. Die berühmten alten Männer von damals, Ibrahim Ferrer und Compay Segundo, sind tot. Creagh und seine Mitstreiter sind eine Geistererscheinung, in der das Kuba von gestern aufersteht, das paradoxerweise immer noch das Kuba von heute ist.
Als Bühne hat man ihnen eine Bar aus den vierziger oder fünfziger Jahren gezimmert, so kehren sie zurück in die Jahre vor der Revolution. Hier führen sie ihre Musik vor, somnambul und voller Wehmut. Ein Englisch sprechender Geschichtenerzähler tritt auf, der eigens für seine Rolle einen kubanischen Akzent kultiviert. Die Inszenierung ist turbulent, mit viel Tanz und Klamauk ein beschwingtes, verqualmtes Historientheater. » The Bar at Buena Vista« reduziert Kuba auf die schöne Vergangenheit, die es vielleicht nie gab, auf einen nostalgischen Gemütszustand.
Creagh verbringt die meiste Zeit zusammengesunken in einem Schaukelstuhl, mitten auf der Bühne. Sein Bruder sei von einem Schergen des Diktators Batista erschossen worden, hat er zuvor erzählt jenes Fulgencio Batista, den Castro 1959 mit Waffengewalt stürzte.
»Wenn Castro stirbt, wird sich auf Kuba nichts ändern«, sagte er. Dann brach er das Gespräch ab, er wolle nicht über Politik reden. » Es geht uns gut in Havanna.« Nun läuft er zum Bühnenrand, singt, führt einen Hüftschwung vor. Er wird bejubelt. Der wackere Alte, in dessen Gegenwart die Zeit stehenzubleiben scheint, er stillt die Sehnsüchte des rasend globalisierten Zuschauers nach dem Gestern. Fällt niemandem auf, dass diese Musikkultur nur durch erzwungenen Stillstand erhalten geblieben ist? Am Schluss stehen alle und singen mit, als wären auch sie Kubaner.
- Datum 08.02.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.07 vom 08.02.2007, S.58
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF



