DIE ZEIT: Herr Schily, das von Ihnen geführte Innenministerium war an der Entscheidung beteiligt, den Bremer Türken Murat Kurnaz viereinhalb Jahre nicht aus Guantánamo zurück nach Deutschland zu holen. Plagt Sie deshalb ein schlechtes Gewissen?

Otto Schily: Ihre Frage unterstellt zu Unrecht, dass Kurnaz wegen Entscheidungen der deutschen Sicherheitsbehörden nicht aus Guantánamo entlassen worden sei. Das ist eindeutig falsch. Sie müssen strikt unterscheiden: Die US-Behörden konnten völlig unabhängig von deutschen Überlegungen entscheiden, Kurnaz freizulassen. Eine Einreisemöglichkeit nach Deutschland war nicht die Vorbedingung für eine Entlassung, zumal er als türkischer Staatsangehöriger jederzeit in die Türkei einreisen konnte. Das wird leider in der öffentlichen Diskussion immer wieder ausgeblendet.

ZEIT: Also kein schlechtes Gewissen?

Schily: Nein, ein schlechtes Gewissen müsste ich haben, wenn seinerzeit Sicherheitsfragen nicht sorgfältig geprüft worden wären. Aber alle Beteiligten haben völlig korrekt entschieden; das wird sich auch im Untersuchungsausschuss herausstellen.

ZEIT: Aber es war schnell klar, dass Kurnaz nicht zu den gefährlichen Al-Qaida-Terroristen zählte. Selbst die Amerikaner fanden keine Beweise. Hätte also nicht anders entschieden werden müssen?

Schily: Nach meiner Kenntnis wurde Kurnaz keineswegs so beurteilt, wie Sie behaupten. Die Prüfungspflicht hieß: Ist es zu verantworten, Kurnaz nach Deutschland einreisen zu lassen. Die Antwort lautete Nein.

ZEIT: Viereinhalb Jahre lang?

Schily: Ja, das Risiko war stets da. Denn die These, Kurnaz sei harmlos, beruhte doch auf völliger Unkenntnis. Wer sich kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 einen Kampfanzug, ein Fernglas und Schnürstiefel kauft und, ohne sich von seiner Familie in Bremen zu verabschieden, nach Pakistan reist, will dort ja wohl nicht mit dem Fernrohr Allah suchen. Die Geschichte des naiven Sinnsuchers passte jedenfalls mit den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden nicht überein, zumal glaubwürdige Zeugen berichteten, er habe sich auf den Weg nach Afghanistan gemacht. Stellen Sie sich vor, wir hätten ihn nach Deutschland gelassen und er hätte dann einen Anschlag vorbereitet. Die Medien hätten uns sofort Versagen vorgeworfen. Ich bleibe dabei: Die Aussagen des Herrn Kurnaz zum Ziel seiner Pakistanreise sind nach wie vor unglaubwürdig.

ZEIT: Warum aber sahen die deutschen Sicherheitsbehörden in ihm bis Ende 2005 ein Risiko? Sogar ein amerikanisches Gericht konnte nichts gegen ihn finden.

Schily: Nach meinem Kenntnisstand sahen die deutschen Sicherheitsbehörden bis zum Jahr 2005 dieses Risiko. Das US-Gericht hat nicht seine Gefährlichkeit geprüft, sondern lediglich gerügt, dass er sich gegen seine Inhaftierung in Guantánamo nicht gerichtlich wehren könne.