ErzählungEine, die auszog, die anderen zu finden

Peter Handkes »Kali« ist ein atemberaubendes Epos über Aufbruch, Verlust, Suche und Heimkehr. von Ursula März

Eine Erzählung, die zum einen von einer vollständig versammelten Familie ausgeht, deren Mitglieder sich zum anderen nicht vom Fleck bewegen – diese Erzählung wäre nicht von Peter Handke. Seine Bücher berücksichtigen, egal in welcher Variation, egal welcher Gattung sie angehören und in welcher Arbeitsphase er sie verfasste, das zyklische Urmuster des abendländischen Epos: also Aufbruch und Reise, Fahrt und Wanderung, wenn es gut geht, Rück- oder Heimkehr, die auf das Motiv der Versöhnung, der Identitätsbildung oder zumindest der Erkenntnis hinauslaufen. Die Reise wiederum stellt sich mit Vorliebe als Suche dar. Ein guter Schwung von Handkes Büchern bewegt sich um die Leerstelle einer abhandengekommenen, verschollenen Person – Vater, Bruder, Geliebte –, die, wenn es gut geht, am Ende wieder auftaucht oder endgültig verabschiedet werden kann.

Peter Handkes neues Buch, Kali. Eine Vorwintergeschichte, macht von dieser Tradition des Werks keine Ausnahme. Man könnte sagen: Im Gegenteil, Handke erzählt das vertraute Gleichnis von Abmarsch, Abenteuer, Ankunft regelrecht forciert aufs Prinzipielle des epischen Musters hin. Als strukturstarkes, szenisches Konzentrat, auf der Tagtraumbühne einer irrealisierten, mythisierten Topografie (deren reales Vorbild an Salzburg, das Salzkammergut, den Mondsee denken lässt). Folgendes spielt sich, äußerlich berichtet, hier nun ab: Eine Sängerin verlässt am Ende einer Tournee die Bühne, fährt zum Hotel, verlässt am nächsten Tag die Stadt, benutzt Zug und Bus, um durch vorstädtische Peripherie immer weiter in die Landschaft bis zum Heimatort ihrer Kindheit zu gelangen. Nach einer kurzen Station bei der Mutter, ebenfalls eine ehemalige Bühnenberühmtheit, überquert die Reisende per Schiff einen See und erreicht das räumliche Ziel der Reise: Ein »Toter Winkel« genanntes Gebiet, das vom salzweißen Rücken eines Berges überragt wird, unter dem sich ein Salzbergwerk befindet. Dieses Gebiet nun ist eine Art Enklave »mitten im Vereinten Europa«, in die sich Auswanderer verschiedenster Sprache und Herkunft, Versprengte und Gestrandete, Außenseiter und Heimatlose geflüchtet haben. Ein aus der Gesellschaft gelöster Trupp Menschen, die eine kleine Gegengesellschaft bilden. Auch dieses Motiv gibt es bei Handke spätestens seit Falsche Bewegung, also seit gut drei Jahrzehnten.

Aus der Mitte der Auswanderer aber ist, was Suchplakate der vagabundierenden Sängerin auf ihrem Weg schon ankündigen, ein Kind verschwunden. Es wiederzufinden ist der Orientierungspunkt der Erzählung. Dass die Sängerin die richtige Person für diese Aufgabe ist, hat sich ebenfalls schon zu Beginn der Geschichte angekündigt. Sie findet – und rettet – allerlei zu Boden gefallene Kleinigkeiten; den Knopf eines Bühnenarbeiters, den schmalen Ring einer Mitreisenden am Busbahnhof, die Kontaktlinse ihrer Mutter. Zuletzt ein kleines verschwundenes Wesen namens Andrea.

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Eine komplizierte Mischung aus Kindheitsutopie und Erlösungsglaube

Und jetzt: wird es atemberaubend. Wir sehen Peter Handke in seiner ganzen Fähigkeit zur sentimentalen Aufladung ontologischer Kindlichkeitsutopien samt ihren christlichen Erlösungsszenerien. Und wir sehen Peter Handkes grandioses ästhetisches Temperament, dessen Experimente den schlichten Wahrheitsanspruch solcher Erlösung, gleichsam aus den Kulissen der Erzählung heraus, infrage stellen. Anders gesagt: Kali folgt dem Prinzip des Epos in lehrbuchhafter Einfachheit und ist dabei komplex bis über beide Ohren. Deutungs- und positionsverunsichernd wie Spiegelsäle – die es in der Geschichte auch wirklich gibt.

Ihre abschließende Szene vollzieht sich in der Kirche von »Toter Winkel«. Am Altar steht eine Pastorin und bringt der Gemeinde eine sehr Handkesche, sehr biblisch-expressive Erweckungspredigt zu Ohren. Am Eingang der Kirche aber steht, im Gegenlicht als Silhouette sichtbar, »das wiedergefundene Kind«. Zwei Sätze zuvor waren es noch »zwei Silhouetten, die einer Frau und die eines Kindes«. Unter der Hand ist folglich die Finderin nun selbst – aus dem Bild – verschwunden. Sei es, dass ihre Figur mit der des Kindes an ihrer Seite oder mit der Figur der Pastorin ihr gegenüber verschmolzen ist oder sich aus dem Dreieck Sängerin–Kind–Pastorin eine synthetische Gestalt mit predigender Stimme ergeben hat.

Dies ist beileibe nicht das einzige Cross-over-Manöver in diesem Buch. Seine ganze Erzählwelt entfaltet sich, genau genommen, aus Kontrast- und Widerspruchsverhältnissen. Angefangen vom weißen, hell leuchtenden Salzpalast des unterweltlichen Bergwerks. Über die Sängerin, von der womöglich auch deshalb eine Angst einjagende Wirkung ausgeht, weil sie in ihrer beständigen »Verwandlung«, ihrem beständigen Rollenwechsel zwischen Herrscherin und Dienerin, Todesbotin und Heilsbringerin, zwischen indischer Göttin Kali, Kill Bill- Kämpferin und weiblichem Orpheus, deren Blick für den Bergwerksleiter tödlich wäre, nicht eben berechenbar ist. Bis zum rätselhaften Erzähler selbst.

Der Erzähler ist wahrlich eine Erscheinung vieldeutiger Erzählordnung. Er dirigiert, kontrolliert, treibt die Handlung wie aus dem Regiestuhl mit dem Drehbuch in der Hand: »In der Limousine. Nacht.« – »Aber weiter in der Geschichte.« – »Immer noch Nacht.« Und verliert bisweilen seine Figuren, als wären sie vom Bildschirm verschwunden, regelrecht aus den Augen: »Nur, wo ist sie, die eingangs Musikantin Genannte?« Wie bei Handke üblich, ist der Abstand zwischen Autor und Erzähler recht klein. Auf beider Rechnung geht die Tonmischung aus deklamierendem Pathos und kurz fassendem Bericht, der betonte Textrhythmus erinnert an Bühnensprache und die Bühnensituation der Erzählung.

Dem Autor geht das künstlerische Feuer nicht aus

Die Summe aus all diesem verlangt gehörige poetische Konzentration und – so merkwürdig es klingt – Spaß an der Sache, künstlerisches Feuer. Peter Handke hat als öffentliche Person anstrengende Zeiten hinter sich. Und wir mit ihm. Aber das Feuer geht ihm nicht aus.

Auf der kurzen Prosastrecke von 160 großräumig bedruckten Seiten hat er die meisten seiner Lieblingsmotive, die zur Lieblingsidee der Heimkehrreise gehören, konsequent untergebracht. Und dabei die klassischen Erzählbewegungen des Epos, den Zyklus (die Kirchenszene am Ende bindet sich zurück an die Bühnenszene vom Anfang) und die Vertikale des Abstiegs (von der Bühne steigt die Sängerin Schritt für Schritt hinunter in die Salzgrube), im turbulenten Hin und Her der Zeichen aufgemischt. Eine Spur vom guten alten Pop, vom Sinn für Trivialkultur und der Passion für die Formen des Films ist auch dabei. Kurzum: Zu bezweifeln, dass Peter Handke zum Trüppchen der anhaltend interessantesten Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört ist einfach Unsinn. Auch wenn man selbst dem Zweifel bisweilen anhängt.

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KaliBelletristikEine VorwintergeschichtePeter HandkeBuchSuhrkamp Verlag2007Frankfurt a. M.16,80160
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Leserkommentare
    • Chinese
    • 13. Februar 2007 16:28 Uhr

    Handke bleibt sich treu und zitiert bevorzugt sich selbst! Die selbstrefernzielle Intertextualität ist so ausgeprägt wie in keinem Werk zuvor, Handkes work-in-progress ist um eine weitere Erzählung ergänzt worden. Das mag Handke-Freunde (zu denen ich mich auch zähle) erfreuen, da sie sich, angeregt durch die Lektüre, an vieles im Werk Handkes erinnert fühlen und wieder entdecken können, aber auch ermüden, weil man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nichts gravierend Neues mehr in der Handkeschen Prosa zu erwarten ist, die zudem zunehmend statisch und hermetisch wirkt (gerade Leser, die im Handke-Kosmos nicht bewandert sind, werden aufgrund der prätentiösen Sprache das Buch entnervt zur Seite legen). Auf Kosten einer lebendigen, zeitgemäßen Sprache, die deswegen nicht beliebig sein muss, „proklamiert“ Handke nurmehr Landschaftseindrücke und Situationsbeschreibungen, anstatt wie früher virtuos das „Nebendraußen“ (H. Lenz), das den Leser zutiefst berührte und gleichsam den Atem raubte, zu beschreiben. Die von Handke anderen Kollegen einst in Princeton 1966 vorgworfene „Beschreibungsimpotenz“ ist auf ihn selbst – wenn auch auf hohem Niveau – zurückgefallen. Über weite Strecken liest sich „Kali“ wie eine mißlungene Karikatur seiner besten Bücher, in denen die Poetik des Peripheren das einst weite, alles Gefährdete bergende Erzählen grundierte (hier konnte man wirklich noch von neuzeitlichen Epen sprechen!). Die kurze, elliptische Satzstruktur, die den mäandernden, wortmächtigen Erzählrhythmus und -gestus der achtziger Jahre abgelöst hat, ist ein evidentes Symptom für die neue Kurzatmigkeit Handkes. Schade. Aber der Leser sei getrost (und sich trösten lassend) an die „Langsame-Heimkehr“-Tetralogie verwiesen.

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