Erzählung Eine, die auszog, die anderen zu findenSeite 2/2

Der Erzähler ist wahrlich eine Erscheinung vieldeutiger Erzählordnung. Er dirigiert, kontrolliert, treibt die Handlung wie aus dem Regiestuhl mit dem Drehbuch in der Hand: »In der Limousine. Nacht.« – »Aber weiter in der Geschichte.« – »Immer noch Nacht.« Und verliert bisweilen seine Figuren, als wären sie vom Bildschirm verschwunden, regelrecht aus den Augen: »Nur, wo ist sie, die eingangs Musikantin Genannte?« Wie bei Handke üblich, ist der Abstand zwischen Autor und Erzähler recht klein. Auf beider Rechnung geht die Tonmischung aus deklamierendem Pathos und kurz fassendem Bericht, der betonte Textrhythmus erinnert an Bühnensprache und die Bühnensituation der Erzählung.

Dem Autor geht das künstlerische Feuer nicht aus

Die Summe aus all diesem verlangt gehörige poetische Konzentration und – so merkwürdig es klingt – Spaß an der Sache, künstlerisches Feuer. Peter Handke hat als öffentliche Person anstrengende Zeiten hinter sich. Und wir mit ihm. Aber das Feuer geht ihm nicht aus.

Auf der kurzen Prosastrecke von 160 großräumig bedruckten Seiten hat er die meisten seiner Lieblingsmotive, die zur Lieblingsidee der Heimkehrreise gehören, konsequent untergebracht. Und dabei die klassischen Erzählbewegungen des Epos, den Zyklus (die Kirchenszene am Ende bindet sich zurück an die Bühnenszene vom Anfang) und die Vertikale des Abstiegs (von der Bühne steigt die Sängerin Schritt für Schritt hinunter in die Salzgrube), im turbulenten Hin und Her der Zeichen aufgemischt. Eine Spur vom guten alten Pop, vom Sinn für Trivialkultur und der Passion für die Formen des Films ist auch dabei. Kurzum: Zu bezweifeln, dass Peter Handke zum Trüppchen der anhaltend interessantesten Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört ist einfach Unsinn. Auch wenn man selbst dem Zweifel bisweilen anhängt.

Weitere Besprechungen finden Sie in unserer Rezensionsdatenbank »

Autoren, Bücher, Rezensionen - Literatur auf ZEIT online »

KaliBelletristikEine VorwintergeschichtePeter HandkeBuchSuhrkamp Verlag2007Frankfurt a. M.16,80160
 
Leser-Kommentare
  1. Handke bleibt sich treu und zitiert bevorzugt sich selbst! Die selbstrefernzielle Intertextualität ist so ausgeprägt wie in keinem Werk zuvor, Handkes work-in-progress ist um eine weitere Erzählung ergänzt worden. Das mag Handke-Freunde (zu denen ich mich auch zähle) erfreuen, da sie sich, angeregt durch die Lektüre, an vieles im Werk Handkes erinnert fühlen und wieder entdecken können, aber auch ermüden, weil man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nichts gravierend Neues mehr in der Handkeschen Prosa zu erwarten ist, die zudem zunehmend statisch und hermetisch wirkt (gerade Leser, die im Handke-Kosmos nicht bewandert sind, werden aufgrund der prätentiösen Sprache das Buch entnervt zur Seite legen). Auf Kosten einer lebendigen, zeitgemäßen Sprache, die deswegen nicht beliebig sein muss, „proklamiert“ Handke nurmehr Landschaftseindrücke und Situationsbeschreibungen, anstatt wie früher virtuos das „Nebendraußen“ (H. Lenz), das den Leser zutiefst berührte und gleichsam den Atem raubte, zu beschreiben. Die von Handke anderen Kollegen einst in Princeton 1966 vorgworfene „Beschreibungsimpotenz“ ist auf ihn selbst – wenn auch auf hohem Niveau – zurückgefallen. Über weite Strecken liest sich „Kali“ wie eine mißlungene Karikatur seiner besten Bücher, in denen die Poetik des Peripheren das einst weite, alles Gefährdete bergende Erzählen grundierte (hier konnte man wirklich noch von neuzeitlichen Epen sprechen!). Die kurze, elliptische Satzstruktur, die den mäandernden, wortmächtigen Erzählrhythmus und -gestus der achtziger Jahre abgelöst hat, ist ein evidentes Symptom für die neue Kurzatmigkeit Handkes. Schade. Aber der Leser sei getrost (und sich trösten lassend) an die „Langsame-Heimkehr“-Tetralogie verwiesen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service