Neukölln steht für gesellschaftliches Scheitern. Der SPD-Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkoswky, sagt es klar heraus: »Multikulti ist gescheitert.« Als im letzten Jahr das Kollegium der Rütli-Schule das Handtuch warf, wirkte das wie der Beweis dieser These. In Neukölln spielen Filme über türkisch-arabische Jugendgangs mit Titeln wie Wut und Knallhart. Wer mit seinem Leben noch etwas vorhat, verlässt dieses Viertel. So schien es.

Gilles Duhem, ein französischer Politologe und Volkswirt, sieht es anders. Der heute 39-Jährige hat vor fünf Jahren den Posten des »Quartiersmanagers« in einem der schwierigsten Berliner Kieze übernommen – im Neuköllner Rollbergviertel. Ein Quartiersmanager soll Sanierungsmaßnahmen und Hilfsangebote koordinieren. Doch Gilles Duhem hat in seinem Mikrokosmos über diese Aufgaben hinaus Unwahrscheinliches vollbracht. Dank seiner Arbeit ist ein dörfliches Wir-Gefühl im Viertel entstanden. Die Bürger begannen, sich gegen den Verfall ihres Kiezes zu organisieren. Die Kriminalitätsrate sank im letzten Jahr um ein Drittel. Abgebrochene Hoffnung. Bilder aus Berlin-Neukölln. Klicken Sie hier BILD

Duhem hat Konflikte nicht gescheut, vor denen seine Vorgänger sich gedrückt haben. Eine Bande arabischer Jungs, die lange die Straßen dominierte, hatte es anfangs auf ihn abgesehen, erzählt er: »›Alda, bissu schwul‹, machten die mich an. ›Ich bin schwul‹, habe ich gesagt, ›und wenn ihr euch nicht benehmt, zeige ich euch an.‹« Die Jugendlichen mussten sich daran gewöhnen, dass man ihnen selbstbewusst und konsequent begegnet. »Wir sind einerseits das Sprachrohr der Leute«, sagt Duhem, »die keine Stimme haben. Doch wir geben auch dem Rechtsstaat ein Gesicht und setzen Regeln durch.«

Duhem hat die Neuköllner gewonnen, indem er sie von Anfang an in Entscheidungen einbezog, ihnen Verantwortung aufnötigte und damit Selbstrespekt und Würde zurückgab. So ist er für die Bewohner des Rollbergviertels ein Held geworden. Doch zu Jahresbeginn hat der Berliner Senat ihn nun – zum Entsetzen der Anwohner – kurzerhand rausgeworfen. Wie es dazu kam, ist ein Lehrstück über mutwillig verpasste Chancen in der Integrationspolitik.

Als der Erfolg sich herumsprach, begannen die Schwierigkeiten

Man hatte Gilles Duhem gewarnt, sich nicht in die »Schlangengrube« des Rollbergviertels zu begeben. Die Türken konnten die Araber nicht ausstehen, und die Deutschen beschwerten sich über kriminelle Ausländer und Jugendgangs. Die Migranten wiederum klagten zusammen über den Rassismus der Deutschen.

Wie stellt man in so einem Viertel das nötige Grundvertrauen wieder her? Zunächst organisierten Duhem und seine Kollegin Renate Muhlak die Beseitigung des herumliegenden Mülls, sie traten konsequent gegen jede Form der Ruhestörung auf – bis zum polizeilichen Platzverweis. Den Schulschwierigkeiten vieler Migrantenkinder (und auch vieler deutscher Unterschichtkinder) rückten sie mit kostenloser Hausaufgabenhilfe zu Leibe. Freiwillige aus ganz Berlin pauken mit den Neuköllner Schülern Rechnen und Schreiben. Sie seien nebenbei, sagt Duhem, auch Botschafter aus jener für die meisten hier unerreichbaren Welt, in der Erwachsene morgens zur Arbeit gehen.