Lebenszeichen
Wie John Wayne
Harald Martenstein hat Schmerzen in den Schultern
Zurzeit ist mein Leben auf interessante Weise misslungen. Seit einigen Wochen habe ich Schulterprobleme. Bis zu dem Moment, als die Schultern anfingen wehzutun, ist mir überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich Schultern besitze. Mein Körper ist wie mein altes Auto. Die einzelnen Teile werden einem immer erst dann bewusst, wenn sie kaputt sind. Die Schultern tun aber nur nachts weh. Jede Nacht wache ich mit dem Gedanken auf: »Die Schulter tut weh.« Es kommt sicher vom Schreiben. Verschleiß. Fünfunddreißig Jahre Glossen. Ich habe alles gegeben für diesen Beruf.
Der Orthopäde hat mich zum Radiologen geschickt. Dort wurde ich zur Durchleuchtung in eine Röhre geschoben. Interessanterweise ist es im Inneren der Röhre extrem laut, man muss zum Schutz einen Kopfhörer tragen. Der Körper wird mit extremen Schallwellen beschossen. Der Radiologe war ZEIT -Leser, er fragte: »Haben Sie noch das alte Boot?« Nach einem Blick auf die Fotos sagte er, dass meine Schultern total entzündet seien sowie innerlich voller Kalk, und er verwendete die Formulierung »schwerwiegender Befund«. Er meinte, dass ich Kortison kriegen und vielleicht operiert werden würde. Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss. Aber er wolle dem Kollegen nicht vorgreifen. Der Orthopäde schaute sich am nächsten Tag die Fotos ebenfalls kurz an und meinte, das sei alterstypisch und kaum der Rede wert. Ich solle Schmerztabletten schlucken und sechsmal zur Krankengymnastin. Wahrscheinlich müsste ich eine dritte Meinung einholen, aber ich habe zu viel um die Ohren. Noch stehe ich mitten im Leben. Bei der Krankengymnastin habe ich sofort angerufen und einen Gymnastiktermin bekommen, aber die Krankengymnastin wurde krank, und die Gymnastik fiel aus. In der Zwischenzeit tun die Schultern auch tagsüber weh, ich kann die Arme nicht mehr richtig bewegen. Ich bin der Autor, der seine Arme nicht bewegen kann. Das ist so etwas Ähnliches wie ein blinder Fotograf. Angeblich gibt es wirklich einen blinden Fotografen, er soll gut sein. Er hat nämlich einen eigenen Stil.
Nun mischten sich die Redakteure ein. Redakteure sagten, ich solle während der Berliner Filmfestspiele für ZEIT onlineein Videotagebuch führen. Sie kamen zu zweit in mein Büro und erklärten mir die Kamera, junge, starke, blühende Männer. Als sie gegangen waren, merkte ich, dass ich die Kamera mit dem rechten Arm nicht mehr heben kann. Es gibt einen Western mit John Wayne, in dem er ebenfalls nur noch den linken Arm zur Verfügung hat, er heißt, glaube ich, Der letzte Scharfschütze . Nach diesem Film ist John Wayne gestorben. Aber das muss nichts heißen.
Ich übe mit der Kamera. Meistens zeigen die Bilder den Fußboden, weil ich die Kamera nicht hochkriege, auch nicht mehr mit links. Ich werde eine unverwechselbare Bildsprache haben. Aber ich bin nicht verbittert. Ich fühle mich wie diese vierzigjährigen Torhüter mit zehn gebrochenen Fingern. Jeden Morgen fällt das Aufstehen schwerer, ich versteinere langsam, aber dann schaue ich in den Spiegel und sage mir: »Ich bin der letzte Scharfschütze.«
Lebenszeichen 2007:
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »
- Datum 7.2.2007 - 01:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
- Kommentare 7
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... aber werter Herr Martenstein, wer geht denn heutzutage noch zum Arzt ? Das weltweite Informationsnetz hilft auch bei Kalkschulter ;-)
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... nur bewegen müssen Sie sich ... noch ... selbst
Gute Besserung !
Der Körper hat seinen Bestand, der Geist hat seine Schätze (Samuel Beckett in Murphy Kapitel 6). Je mehr der Körper zerfällt, desto freier wird der Geist. Lieber Martenstein, ich habe soeben ein ihrer schönsten Kolumnen gelesen. In wenigen Tagen werde ich 61 Jahre alt. Meine zehn Finger sind ungebrochen, aber seit ein paar Monaten schlafen sie regelmässig ein. Unser Leben schrumpftz halt gegen Null.
Und mit schlafenden Fingern gibt`s entsprechende Fehler.
Marty , der unbewegliche Beweger
Unmenschen, diese ZEIT-Redakteure, oder sollte man besser sagen, Unmenschen diese Herren Chefs aus Holtz vom Brinck! Schicken die unseren geistig beweglichen, körperlich aber zunehmend erstarrten, vielgeliebten, melancholisch deprimierten Privatkolumnisten zur Berlinale, ihnen Gespräche, Betrachtungen und bewegte Bilder zu liefern. Ein Glück, dass heute fast alles virtuell möglich ist. Die paar interessanten Bilder, lieber Marty, klau´ sie dir von irgend einem Sender oder
konkurrierenden Presseorgan, lass´ sie dir schenken, von der Werbeabteilung des jeweiligen Filmproduzenten oder von dessen Verleih. Anmaßung, von dir epochale Steadycam - Aufnahmen des roten Teppichs zu erwarten. - Vermutlich wollen sie nur Filmmaterial mit der Unterzeile „von Martenstein“, dem neuntwichtigsten Kulturjournalisten des Landes. - Diktier´ nett in dein Bügelmikrofon, wozu noch tippen, und besorg´ dir gefälligst von einem Hamburger Höhlenforscher einen Kamerahelm. Damit gelingen laufende Bilder ohne Schulterbewegung, selbst im Schatten des Limelights.
Aber wahrscheinlich denken die Herren Redakteure, dass, wenn man Kindergeburtstage, Kollegenfeiern und liebhaberische Heimvideos jedes Genres hin bekommt, schon alles an Fähigkeiten beisammen ist, um bei der Berlinale jegliches Geschehen in beleuchteter Halbtotale abzufilmen und nebenbei einen Schwenk in die hintergründigen Festivalwonnen einzubauen. Am besten stellst du den Ton so rauschig und geschäftig, wie bei den letzten
Buchmesse Aufzeichnungen oder wie bei jener denkwürdigen tausend Lumen WM 2006-Berichterstattung aus dem Heimstudio am Speersort, authentisch bis zum Applaus.
Hypochondrie ist heute so angesagt, wie das ärztliche Fehlurteil, die überflüssige OP an Wirbelsäule, Knie und Schultergelenk und warmes Ale in einer vorwärtsrasenden Berline.
Gute Besserung.
PS: Der Scharfschütze schwor auf Laudanum, aut simile.
Stimmt schon, 'the shootist' nimmt laudanum, aber um seine schmerzen, durch krebs hervorgerufen, zu besänftigen - und hat schwierigkeiten beim sitzen, weswegen er immer ein rotes pölsterchen herumträgt.
der film in dem john wayne die rechte hand zeitweise nicht bewegen kann ist 'el dorado' an der seite des ebenfalls unvergessenen john mitchum - ihm steckt eine kugel nahe beim rückgrat, die ihm von der wütenden schwester eines von ihm angeschossenen, dann sich selbst getöteten jungen burschen verpaßt wurde.
gute besserung jedenfalls!
Lieber Harald,
es ist ja traurig zu hören, dass Sie Schmerzen haben und in der Ausübung Ihrer Arbeit gestört sind. Ich glaube aber, dass die Schmerzen Sie wieder verlassen werden und vielleicht ist es Ihnen auch gelungen in der Zwischenzeit mit der Kamera schöne und gute Bilder zu machen. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen auf diesem Wege gute Besserung und weiter gute Ideen und viel Schwung für die nächste Kolumne.
Liebe Grüße LK.
Gerade habe ich meiner Mutter, die ebenfalls unter Schulterproblemen leidet, dies vorgelesen. Wir hatten beide was zu lachen da meine Mutter nur zu gut die ganzen Untersuchungen etc. kennt...
Ihr Tipp... 5 mal am Tag einen Eisbeutel auf die Schulter legen...hilft in der regel...
Gute Besserung und liebe Grüße von meiner Mutter
Mandy
Stimmt schon, 'the shootist' nimmt laudanum, aber um seine schmerzen, durch krebs hervorgerufen, zu besänftigen - und hat schwierigkeiten beim sitzen, weswegen er immer ein rotes pölsterchen herumträgt.
der film in dem john wayne die rechte hand zeitweise nicht bewegen kann ist 'el dorado' an der seite des ebenfalls unvergessenen john mitchum - ihm steckt eine kugel nahe beim rückgrat, die ihm von der wütenden schwester eines von ihm angeschossenen, dann sich selbst getöteten jungen burschen verpaßt wurde.
gute besserung jedenfalls!
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