Politisches Buch Ganz normale Generale

Johannes Hürters grundlegende Untersuchung über die Rolle der Wehrmacht-Elite in Vernichtungskrieg und Holocaust.

Das Bild wird düsterer«, titelte die ZEIT, als sie im September 2000 über die zweite Wehrmachtausstellung berichtete. Die seither publizierten Forschungsergebnisse sind nicht dazu angetan, diese Feststellung zu relativieren, sicher auch nicht Johannes Hürters Buch Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Die »gruppenbiografische Analyse« des Denkens und Handelns von 25 Oberbefehlshabern der Heeresgruppen und Armeen im Osten ist Teil des Forschungsprojekts »Wehrmacht in der NS-Diktatur« am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Hürter hat nicht nur die neuere Forschung gründlich ausgewertet, er konnte auch bisher ungenutzte, aufschlussreiche Generalsnachlässe verwenden, um der Frage nachzugehen, wie es zu der »erstaunlichen Wandlung von konservativen Generalen alter Schule zu Komplizen einer rassenideologischen Raub-, Eroberungs- und Mordpolitik« kommen konnte.

Die zwischen 1875 und 1891 geborenen Generale, alle aus den für kaiserliche Offiziere »erwünschten Kreisen« von Adel und Großbürgertum stammend, waren durch ihre Sozialisation im späten Kaiserreich geprägt. Sie zählten schon im Ersten Weltkrieg zur Elite der Generalstäbler und konnten auf brillante Karrieren hoffen, die aber in der Weimarer Republik beendet schienen. Mit der nationalsozialistischen Aufrüstung avancierten sie umso schneller. Am 22. Juni 1941 gehörten sie – unter ihnen nun 5 Feldmarschälle und 10 Generaloberste – zur Führungsgarnitur der Wehrmacht. Dies war, wie Hürter betont, das Ergebnis normaler militärischer Führerauslese, nicht aber gezielter Eingriffe Hitlers. Die Generale waren keine Nationalsozialisten, sondern entsprachen dem »Typus des nationalkonservativen Generalstabsoffiziers der Kaiserzeit und der Reichswehr«. Ihre besondere Bedeutung lag darin, dass sie an der »Schlüsselstelle zwischen dem Zentrum der Macht und der Praxis« an der Front saßen. Von der Legende, die diese Generale nach dem Krieg strickten – sie hätten sich vergeblich gegen die von Hitler befohlenen Völkerrechtsbrüche gewehrt; das Scheitern des Feldzugs vor Moskau gehe ganz entscheidend auf ständige Eingriffe Hitlers zurück –, lässt Hürter nichts übrig. Er untermauert mit neuen Belegen die bereits weithin akzeptierte Auffassung, dass die Befehlshaber die »verbrecherischen Befehle« befolgten, dass sie die Hungerpolitik gegen die Bevölkerung und die Kriegsgefangenen unterstützten und dass sie eine brutale Partisanenbekämpfung ins Werk setzten, die Zehntausende unbeteiligter Zivilisten das Leben kostete.

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Die Befehlshaber kooperierten eng mit den Mordkommandos

Deutlicher als bisher möglich arbeitet Hürter die erheblichen Entscheidungsspielräume heraus, die die Befehlshaber hatten. Dies gilt auch für die stufenweise Entwicklung der Judenmorde bis hin zum Völkermord, bei der sie eine nicht unwichtige Rolle spielten. Die SS-Einsatzgruppen erschossen bekanntlich zuerst »nur« jüdische Parteifunktionäre, dann, in einer zweiten Stufe, alle wehrfähigen jüdischen Männer, schließlich unterschiedslos Juden jeden Alters und jeden Geschlechts. Dies ging aber weit über das hinaus, was Heydrich mit der Heeresführung vereinbart hatte. Hürter beschreibt detailliert, wie eng die Befehlshaber mit den Mordkommandos kooperierten und ihnen viel mehr Spielraum zugestanden als befohlen – auch die Generale Erich Hoepner und Carl-Heinrich von Stülpnagel, die später bei der Verschwörung vom 20. Juli 1944 eine wichtige Rolle spielten.

Hürter unterscheidet unter den Generalen drei Gruppen: eine kleine Gruppe überzeugter Nationalsozialisten, eine Gruppe älterer, stärker in der Monarchie verwurzelter Generale und, als größte Gruppe, die der jüngeren Generale, die zwar auch nationalkonservativ geprägt, aber offener für den Nationalsozialismus waren, unter ihnen Hoepner und von Stülpnagel. Diese Unterscheidung erweist sich letzten Endes als bedeutungslos, denn er hebt zugleich hervor, dass sich die Gruppen weder in der Radikalität des Vorgehens gegen die Juden noch in der Partisanenbekämpfung, noch in der Behandlung der Bevölkerung unterschieden.

Moralische Bedenken wurden einfach beiseitegeschoben

Die Befehlshaber mussten nicht Nazis im formellen Sinn oder Judenhasser der übelsten Sorte sein, um sich in die Mordpolitik zu integrieren. Eine Reihe anderer Faktoren reichte dazu aus. Die Generale hatten, wie Hürter zeigt, völlig unabhängig von Hitler das Feindbild des »jüdischen Bolschewismus« entwickelt und teilten weitgehend Hitlers rassistische Ressentiments gegen Slawen, Ostjuden und »Asiaten«. Höchst bedeutsam waren weiter die Lehren, die die Militärs aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zogen. Die weiterentwickelte Theorie vom »totalen Krieg« forderte die »Entgrenzung« der Kriegführung. Im »Kampf um Sein oder Nichtsein« sei der rücksichtslose Einsatz aller Ressourcen notwendig. Moralische Bedenken und traditionelle Wertvorstellungen – sprich völkerrechtliche Schranken – wurden »Kriegsnotwendigkeiten« untergeordnet.

Mit »Kriegsnotwendigkeit« wurde nicht nur die Hungerpolitik gegen Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenen begründet, sondern auch die drakonische Unterdrückung jeder Widerstandsregung der sowjetischen Bevölkerung. Dabei wurde die von der Heeresführung angeheizte Freischärlerpsychose, die schon im Polenfeldzug zur Erschießung Tausender polnischer Soldaten und Zivilisten geführt hatte, durch die Erwartung eines von der KPdSU gesteuerten Volkskriegs potenziert. Der Kriegsplan sah tiefe Panzervorstöße vor, weite Räume sollten nur von schwachen Kräften gesichert werden. Für die Befehlshaber ergab sich daraus die »Notwendigkeit« der Anwendung brutalster Gewalt, um präventiv mögliche Gefahrenherde hinter der Front zu beseitigen. In dieses Konzept ordnete sich, wie Hürter plausibel argumentiert, auch die Unterstützung der Judenmorde ein. Mit dem Auftreten erster Partisanengruppen waren die Generale schnell bereit, die von den Mordkommandos und ihren eigenen Abwehroffizieren genährte Fiktion »Der Jude ist der Partisan!« zu glauben. Die Ermordung der wehrfähigen Juden konnte so als Teil der präventiven Gefahrenabwehr gesehen werden. Dabei zogen es die Generale ohnehin vor, nicht allzu viel wissen zu wollen, obwohl die Mordkommandos ihre Stäbe erstaunlich offen informierten. Dem Beispiel des Feldmarschalls von Reichenau folgend, forderte aber ein Drittel der Befehlshaber, unter ihnen Hoepner, von ihren Soldaten »volles Verständnis« für die »harte, aber gerechte Sühne am jüdischen Untermenschentum« .

Die Bedeutung dieser Arbeit liegt darin, dass sie mit vielen neuen Belegen akribisch bestätigt, in welchem Ausmaß die Generalselite die verbrecherische Kriegführung im Osten mittrug.

Hitlers HeerführerPolitisches BuchDie deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42Johannes HürterBuchOldenbourg Verlag2006München49,80719
 
Leser-Kommentare
    • Tom030
    • 13.02.2007 um 15:46 Uhr

    Das Hauptproblem unserer heutigen Historikerzunft ist, daß sie nicht mal im Ansatz frei ist. Wer es wagt, dem Zeitgeist widersprechende Thesen zu veröffentlichen, gilt im besten Fall als 'umstritten', im schlechtesten Fall als sog. 'Revisionist'. Das Revision in der Geschichte etwas völlig natürliches ist, wird völlig ignoriert. Auch das die These immer die Antithese braucht. Es wird sich nicht mit den Antithesen auseinandergesetzt, sondern es werden Existenzen zerstört, Karrieren brutal beendet, nicht selten sogar das Strafrecht bemüht.

    Im Gegenzug macht jeder kleine, opportunistische Zeitgeisthistoriker Karriere, je grausamer und undifferenzierter er die 'Tätergeneration' schmäht. Lügen durch Weglassen ist dabei ein probates Mittel. Unter diesen Umständen KÖNNEN keine vertrauenswürdigen Ergebnisse geliefert werden, das ist unmöglich.

    Ich kann jedem nur raten, all jene spätgeborenen, moralisierenden Staatshistoriker beiseite zu lassen und die 'alten Meister' zu lesen (allen voran Joachim Fest und Sebsatian Haffner). Diese Personen haben die Wirren der Zeit erlebt, wissen wovon sie schreiben. Fest bescheibt z.B. im Buch 'Der lange Anlauf zum 20. Juli' dezidiert, wie oft ein Putsch durch Wehrmacht und Generaliät kurz bevor stand, das erste Mal schon 1938. Später gab es entgegen den Schilderungen des Artikels natürlich Säuberungsaktionen durch Hitler, speziell nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und den generälen nach den brutalen Übergiffen in Polen. Fest beschreibt, daß Hitler geschrien und getobt haben soll, weil ihme 'seine ' Wehrmacht nicht folgen wollte.

    Insgesamt sind fast 40 (!) Putsch- und Attentatsversuche dokumentiert. Das es nie geklappt hat ist eine Tragödie, aber wer von uns Wohlstandskindern ist berechtigt darüber zu urteilen. Natürlich gab es auch gedeckte Verbrechen, aber wer die Vorgeschichte ignoriert lügt uns an, hat nur seine Karriere im Sinn . Ich hoffe diese Zeit der widerlichen Selbsthasses ist irgendwann vorbei. Dazu müssen wir endlich die 'Historisierung des Nationalsozialismus' zulassen, nur unter freien Bedingungen kann man Forschungsergebnissen glauben schenken.

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