Die Meldungen waren so alarmistisch, als stünden die Türken wieder einmal vor Wien, damals, am 29. September 2005, als 700 afrikanische Migranten versuchten, die Sperrzäune in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu überwinden. Es folgten große Titelgeschichten unter dem Motto »Sturm auf Europa«, Mitleidsreportagen über gestrandete Bootsflüchtlinge und Kommentare zur neuen Völkerwanderung aus dem Krisenkontinent Afrika. Aber schon bald wurde es wieder still um das Drama an den Südgrenzen Europas. Die Massenmigration wird hierzulande gerne verdrängt, Deutschland ist schließlich geschützt durch eine Pufferzone von sogenannten Drittstaaten, die illegale Einwanderer aus Afrika seit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens nur noch selten durchdringen. Aber das Problem verschwindet nicht durch Wegschauen, es werfe einen »Schatten über die Zukunft Europas«, orakelt das US-Magazin Newsweek. Das klingt nach Untergang des Abendlandes.

Die Menschen auf der anderen Seite der Grenzbefestigungen nehmen die Umstände ganz anders wahr. Sie sehen das Licht Europas, den Reichtum, ihren Traum vom Leben . So ist das Buch übertitelt, in dem Klaus Brinkbäumer den langen Marsch eines Mannes aus Ghana nach Europa beschreibt. Der Spiegel- Reporter ist gemeinsam mit John Ampan dessen beschwerliche Route durch die Sahara nachgereist. Er schildert die Lebensgefahren, Entbehrungen und Beleidigungen, die ein Afrikaner auf sich nimmt, um ins Gelobte Land zu gelangen. Diese Odyssee ist eine exemplarische Geschichte über Millionen von Migranten, Flüchtlingen, Asylsuchenden, und Brinkbäumer erzählt sie mit großer Empathie und in einer klaren, unaufdringlichen Sprache.

Das Buch enthält allerdings ein paar Ungenauigkeiten. Der Oba, der traditionelle Herrscher in der Yoruba-Kultur, schrumpft zum religiösen Führer. Auf Seite 34 ist die Rede von 140 Millionen Nigerianern, auf Seite 93 sind es plötzlich 150 Millionen. Auch die Gesamtbevölkerung des Kontinents wird mit 910 Millionen grob überschätzt, 800 Millionen wären realistischer, aber so genau weiß das niemand. Das Elend der Flüchtlinge verleitet manchmal zu Übertreibungen. Dass zum Beispiel spanische Kite-Surfer zwischen angeschwemmten Leichen Slalom führen, gehört vermutlich ins Reich der Polizeilegenden. Die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse Afrikas fällt mitunter recht holzschnittartig aus, und so manches wohlfeile Klischee über die Afrikaner erspart uns der Autor leider auch nicht. Umstritten ist ferner die These, dass Migranten loszögen, weil sie ihre Heimat als Hölle empfänden. Krieg, Elend und Hoffnungslosigkeit zählen sicherlich zu den sogenannten Push-Faktoren, aber in der Regel brechen junge, gesunde, kluge und häufig auch bessergestellte Männer auf, und sie werden durch die magnetische Kraft von Pull-Faktoren angezogen, durch die Glückverheißungen der Fremde. Ihre Not daheim ist oftmals gar nicht so unerträglich, John Ampan verließ das friedliche und keineswegs hoffnungslose Ghana. Er war jahrelang unterwegs, ehe er den Zaun von Ceuta überwand. Heute lebt er ganz legal in Spanien und betreut illegale Einwanderer.

Trotz der kleinen Einwände: Klaus Brinkbäumer ist das beste und lesenswerteste Buch gelungen, das bislang zum Thema »Migration aus Afrika« in deutscher Sprache vorliegt. Denn es handelt nicht nur von afrikanischen Träumen und Albträumen, sondern auch von europäischen Ängsten. Es handelt von der obszönen Ungleichheit der Welt und von der Abwehrschlacht an den Grenzen unserer Wohlstandszitadelle. »Wenn ihr uns stoppen wollt«, rät ein Afrikaner, »dann baut eine Mauer mitten im Meer, und baut sie hinauf bis zum Himmel.« Bartholomäus Grill

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