Berlinale 2007 Empfindsame Seele einer großen Nation

In »La Môme«, dem Eröffnungsfilm der Berlinale, erweckt Olivier Dahan die Geschichte von Edith Piaf zu neuem Leben.

Der Raum ihrer Lieder ist affektiv, kaum vergesellschaftet. Schon Edith Piafs winzige Bühnengestalt war ein einziges Dementi traditioneller Sängerposen. Ihr fehlte jeder schauspielerische Überzeugungswille, und wenn sie wie angenagelt hinter dem Mikrofon stand, verzichtete sie auf jedes stimmliche Rollenspiel. Wo der herkömmliche Gesang vom Volkslied bis zur Oper ganz dem Theater verpflichtet ist und äußere menschliche Konflikte nachspielt, sprach Edith Piaf nur zu einem Gegenüber: sich selbst. Ihre Lieder waren Erinnerungen an etwas Abwesendes, in dem das Klischeewort Liebe lediglich als Platzhalter diente. Bis zuletzt hielt die Intimität ihrer Monologe dem Lärm der Varietés und Music Halls stand. Doch die Anstrengung, vor einem immer größeren Publikum von Sehnsucht, Leidenschaft, Verwundung und seltenem Glück zu singen, brachte sie schließlich nur noch mit Alkohol und Drogen auf. Die Bilder ihrer Selbstauslöschung hatten zuletzt etwas Abstoßendes. Sie starb mit 47 Jahren als Greisin, die kaum mehr laufen und sprechen konnte.

Dem touristischen Ruf des gay Paris aus loser Liebe und Cancan-Orgien kam diese Sängerin kaum entgegen. Sie erzeugte Spannung aus dem Gegensatz zwischen ihrem extrem nüchternen Auftreten und der durchdringenden Stimmkraft. Die Tochter eines Akrobaten und einer Straßensängerin, die 1915 im Pariser Elendsviertel Belleville auf die Welt kam und in einem normannischen Bordell aufwuchs, stilisierte sich auf der Bühne zu einer völlig neuartigen Kunstfigur. So wie man den Franzosen schon immer eine doppelte Seele zwischen Nordsee- und Mittelmeerkultur nachsagt, so verkörperte Edith Piaf beide Seiten: Ihre schmucklose Erscheinung entsprach gleichsam dem nordisch-asketischen Moment – Deutsche mögen an die desillusionierende Kargheit Brechtscher Theaterfiguren denken –, während ihr Gesang mediterrane bis nordafrikanische Energien verströmte.

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Bis heute trifft man in den Pariser Straßen und Metrostationen zuweilen auf Piaf-Imitatorinnen, und Welterfolge wie La vie en rose oder Non, je regrette rien tauchen in jeder besseren Musikrevue auf. Auf ihrem schlichten Grab auf dem Friedhof Père Lachaise legen jeden Tag Dutzende von Besuchern ihre Blumen nieder, und die Pariser Stadtverwaltung widmete der Sängerin vor Jahren einen kleinen Platz mitsamt Denkmal im 20. Arrondissement. Doch in der aktuellen populären Kultur orientieren sich jüngere französische Sänger längst mehr an der angloamerikanischen Folk- und Gitarrenmusik. Und das winzige Piaf-Museum nahe der Rue Oberkampf am Fuß des Hügels von Belleville ist kaum mehr als eine vollgestopfte Kleiderkammer, eingerichtet von einem privaten Piaf-Verein, der die letzten Reliquien der Sängerin an drei Tagen in der Woche gegen Voranmeldung öffnet.

Ein Piaf-Monument, das den »Spatz von Paris« zu erdrücken droht

Dennoch hat die Piaf im französischen Bewusstsein längst Ewigkeitscharakter. Das zeigt schon der Wiedererkennungswert der Kinoplakate zur neuen Spielfilmbiografie La Môme (Die Göre). Obwohl dort nur die Rückansicht einer kleinen Frau mit Pola-Negri-Frisur zu sehen ist, die einsam im Scheinwerferlicht steht, weiß jeder, wer gemeint ist. Und die Begeisterung, mit der die Zuschauer die ersten Trailer von La Môme in den Kinos feiern, lässt erwarten, dass dieser Film eine Piaf-Renaissance auslöst.

Denn in ihrer Lebensgeschichte treffen elementare Züge des französischen Selbstbildes zusammen. Da ist der Volkscharakter von Ediths niederer Herkunft, die wie eine weibliche Jean Valjean aus Victor Hugos Les Misérables in den Morast des vorindustriell-dörflichen Paris geschleudert wird. Da ist der Wunderglaube des erzkatholischen Frankreichs, das voller Wallfahrtsstätten und Prozessionswege steckt und dem erblindeten Kind wieder das Augenlicht schenkt. Und da ist schließlich auch die tiefe Bindung Frankreichs an Amerika. Denn das kleine Gallien, das sich schon immer gern an dem neuen Rom maß, empfand den Weltruhm, den Edith Piaf 1947 via New York errang, als besonders köstlichen Triumph.

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