Netzmusik Deserteure der Mitte

Kennt jemand Imogen Heap, Colbie Caillat, Mickey Avalon? Das Internet hat sie zu Stars gemacht – ganz ohne die Marketingkampagnen der Musikindustrie.

An diesem Abend in dem kleinen Berliner Club wirkt Imogen Heap wie die Puppe, die von ihrem Platz auf einer Spieluhr weggelaufen ist, weil sie keine Lust mehr hatte, sich ewig zur gleichen Musik zu drehen. Das schwarze Haar ist mit einer Blume zu einer Frisur hochgesteckt, die eine Geisha tragen könnte oder die Mätresse eines unbekannten Sonnenkönigs. Ihr groß gewachsener Körper steckt im Korsettkleid, zahllose Petticoats lassen den Reifrock steif und lustig wippen. Und was sie spielt, ist so originell wie eigensinnig. Nur von einer Cellistin unterstützt, zaubert sie aus verschiedensten Synthesizern, Effektgeräten, Beat- und Bassbox eine kleine Elektro-Pop-Oper mit sich selbst in der Hauptrolle. Ihr Publikum ist nicht riesig, aber die, die da sind, toben vor Begeisterung. Nicht wenige von ihnen werden ihren Computer anstellen, wenn sie nach dem Konzert nach Hause kommen, werden sich auf der Seite www.myspace.com einloggen und Imogen Heap dort noch einen Gruß hinterherschicken. Denn im Netz ist sie ein Star, der, was Zugriffszahlen auf ihre Songs angeht, sogar internationale Blockbuster-Bands wie Coldplay schlägt. Und zwar ohne Marketingunterstützung einer großen Plattenfirma.

Die 29-jährige Britin, die sieben Instrumente spielt und sich schon auf der Musikhochschule das Sampeln selbst beibrachte, ist nämlich wirklich von der Spieluhr gehüpft, weil sie sich nicht mehr für andere im Kreis drehen wollte. Die große Plattenfirma Universal hatte sie nach ihrem frühen Debütalbum wegen mangelnder Kommerzialität fallen gelassen. Also beschloss Imogen Heap, in Zukunft auf eigene Rechnung zu produzieren. Sie nahm eine Hypothek auf ihre Wohnung auf, bunkerte sich ein Jahr lang in einem Studio ein und ließ die Texte ihrer neuen Songs in ihrem eigenen Blog im Netz diskutieren. Mit Erfolg: Das fertige Album mit dem programmatischen Titel Speak For Yourself kam auf der Internetplattform iTunes gleich nach Veröffentlichung in die Top Ten. Mittlerweile hat Heap doch eine Vertriebsabmachung mit einer großen Plattenfirma, zu ihren eigenen Bedingungen – und tourt durch Europa, zu ihren Fans, die sie schon lange übers Internet kennen.

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Imogen Heap selbst ist zwar ein Original, ihre Geschichte aber typisch für die neue, netzbasierte Ökonomie der Musik. Das alte Musiksystem mit der Macht der großen Schallplattenfirmen, den Mainstream-Charts und Formatradios, die wegen des Quotendrucks den Hörgewohnheiten der Mehrheit folgen, wirkt demgegenüber wie eine veraltete Konsensmaschine: Sie lässt nicht nur viele Musiker und Musikerinnen durchs Raster fallen, sondern auch viele Hörer und Hörerinnen. Denn in Wirklichkeit sind die Unterschiede zwischen den Menschen und ihren Geschmäckern wohl doch größer als die zwischen Britney Spears und Christina Aguilera. Im Gegensatz dazu hat das Internet Platz für alle, seien sie Liebhaber gälischen Liedguts oder kalifornischen Trash-Metals. Statt einiger weniger Superstars produziert das Netz viele kleine und mittlere Berühmtheiten, mit Fanbasis in der jeweiligen Sparte.

Die Folge ist ein Pluralismus der Stile und Szenen, der – so zumindest die Utopie – jeden zu seiner Lieblingsmusik finden lässt. Auch Trends und Hits werden nicht mehr von großen Konzernen gepusht, sondern entstehen innerhalb der Fangemeinden durch Propaganda per E-Mail. Warhols 15 Minuten Ruhm werden dabei schneller wahr denn je: Man muss nur einen Laptop besitzen, um Musik zu produzieren und sie zu veröffentlichen. Neuerdings genügt der Besitz eines Laptops sogar, um in die Charts zu kommen. Seit Januar dieses Jahres werden in Großbritannien erstmals auch Singles für Chartplatzierungen mitgezählt, die nur im Netz erhältlich sind. So konnte die Punkband Koopa als erste Band in die Geschichte eingehen, die sich ohne Plattenvertrag unter den ersten vierzig platzierte. »Hör Koopa, und Du wirst merken: Dies ist kein verwässerter, vorfabrizierter Mist, der gemacht wurde, um deinem kleinen Bruder und deinen Eltern zu gefallen!«, so die Eigenwerbung auf MySpace – vor einem potenziellen Publikum von über 115 Millionen Menschen, das täglich wächst.

Auch nach dem Erfolg der Videotauschplattform YouTube ist MySpace die beliebteste der sogenannten social networking -Seiten, und nichts läuft hier ohne Musik. In mehreren internen Charts, unterteilt nach Major, Indie und ohne Plattenvertrag, wird die Zugkraft von Songs anhand der Statistik des Klicks gemessen, die Fieberkurve der Popularität ist jederzeit ablesbar an den Zugriffszahlen, die neben jedem Musikfile zu sehen sind. Mehr als drei Millionen Bands stellen ihre Musik zur Verfügung – bislang als reine Eigenwerbung, zum Abspielen und Hören. Demnächst aber will MySpace Bands ohne Plattenvertrag und Vertrieb auch die Möglichkeit geben, ihr Material zum Herunterladen zu verkaufen, gegen Prozente natürlich.

Andere Bands nutzen solche Verkaufssysteme längst auf ihren eigenen Seiten, teilweise zusätzlich zu den Deals mit der Musikindustrie. Die Hip-Hopper Black Eyed Peas zum Beispiel, die ihre Fangemeinschaft anfangs vor allem unter amerikanischen Collegestudenten hatten: Als sie feststellen mussten, dass bei Konzerten zwar alle ihre Lieder kannten, aber kaum jemand die CDs im Laden kaufte, installierten sie eine Seite für ihre Fans, wo sie Konzertmitschnitte oder Klingeltöne oder neue Stücke, die nicht auf ein Album sollen, zum Herunterladen anbieten, teilweise umsonst, teilweise gegen Geld. »Plattenfirmen braucht man, um Superstars zu machen – ansonsten sind sie heute überflüssig«, sagt Will.I.Am von den Black Eyed Peas. Inzwischen tritt er nebenbei als Marketingdirektor für die Firma Musicane auf, die das Programm zur digitalen Veröffentlichung von Musik lizenziert, welches seine Band benutzt – auch das ein Weg, in der neuen Netzökonomie des Pop Geld zu verdienen. Andere Einnahmequellen sind Werbebanner auf der Seite und natürlich Werbeverträge großer Konzerne, die die internetbasierte Popularität der Band zu Geld machen.

Denn um Geld geht es am Ende ja doch. Von ihren Apologeten wird die schöne neue Welt der Internetmusik zwar als Demokratisierung und Sieg der Vielfalt gegen den Einheitsterror gefeiert, und wenn man Netzperlen wie Imogen Heap betrachtet, kann man die Euphorie nachvollziehen. Zugleich ist die Erzählung von der kommerzfreien Grassroot-Bewegung so alt und trügerisch wie der Pop selbst. Die Kulturindustrie hat es schon immer verstanden, Authentizität zum Marketingfaktor zu machen. Und so ist mancher Netzaufstieg ein Mythos: Die britische Rockband Arctic Monkeys etwa, die als Netzstars vermarktet wird, hatte ihren Plattenvertrag längst, bevor sie – ohne ihr eigenes Wissen übrigens – von Fans auf MySpace populär gemacht wurde. Und auch die britische Sängerin Lily Allen wurde nicht, wie oft erzählt, über ihre MySpace-Seite entdeckt, sondern war bereits bei dem Major EMI unter Vertrag, als sie ihre Musik online stellte.

Natürlich sind die großen Plattenfirmen auf MySpace längst genauso aktiv wie die unabhängigen Labels. Wenn man die Seite öffnet, lacht einem für gewöhnlich eine »exklusive Vorab-Veröffentlichung« irgendeiner Major-Band entgegen, die demnächst ein neues Album herausbringen wird. Die Firmen sparen mit Hilfe von MySpace sogar Personal: Talentscouts, die in Clubs mühsam nach neuen Bands suchen, sind jetzt überflüssig, es reicht, wenn jemand die Zugriffszahlen auf MySpace kontrolliert. Wer hier Erfolg hat, bekommt bald auch ein Angebot. So schließt sich der Kreis: Die schöne neue Netzökonomie hilft der guten alten Kulturindustrie bei der überfälligen Selbsterneuerung – und senkt nebenbei erfolgreich die Betriebskosten. Dazu passt, dass nun auch MySpace, zu Rupert Murdochs Konzern News Corporation gehörig, aus dem musikalischen Leben auf seinen Seiten Kapital schlagen will: mit einem eigenen Plattenlabel. Myspace Records hat zunächst Compilations mit Netzbands als Gratiszugabe zu den Werbe-T-Shirts der Seite herausgebracht, das Album des schrillen New Yorker Punkers Mickey Avalon folgte. Neuester Myspace-Records-Act ist die kalifornische Hardcore-Hip-Hop-Band Hollywood Undead, zu der ihre »offizielle Promoterin Lisa« per E-Mail die bekannte Geschichte erzählt: Die Jungs stellten ihre selbst produzierten Songs ein, die MySpace-Gemeinde klickte sie in Scharen an, und dann kam das Angebot von Myspace Records. Die erste CD ist für den Sommer annonciert. Bis dahin dürfen Hollywood Undead noch auf dem ehrenvollen zweiten Platz der Charts für Unveröffentlichte stehen.

Auf dem ersten Platz findet sich zurzeit eine reizende, junge Blondine aus Los Angeles mit Namen Colbie Caillat. Auch sie trägt, wie Imogen Heap, Blume im Haar, dazu aber kein Puppenkorsettkleid, sondern Bikini über nackter Honighaut und Gitarre. Sie ist Anfang zwanzig und eine Singer-Songwriterin der alten Schule. Ein authentisches Mädchen, das rührt das Netzpublikum. Genauso wie ihre schottische Kollegin Sandi Thom, die einmal 60000 Menschen gleichzeitig zu einem Livekonzert übers Netz versammeln konnte. I wish I was a punk rocker with flowers in my hair heißt einer der Hits von Sandi Thom. Darin sehnt sie sich zurück in die siebziger Jahre, als Musik noch etwas bedeutete, die Medien nicht deine Seele kaufen konnten und als man vor Computern Angst hatte. Bei ihrem Erfolgsweg über ebendiese Computer wurde Sandi Thom übrigens von einer PR-Agentur unterstützt, die sich auf Marketing im Internet spezialisiert hat.

 
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