Netzmusik Deserteure der MitteSeite 2/2
Denn um Geld geht es am Ende ja doch. Von ihren Apologeten wird die schöne neue Welt der Internetmusik zwar als Demokratisierung und Sieg der Vielfalt gegen den Einheitsterror gefeiert, und wenn man Netzperlen wie Imogen Heap betrachtet, kann man die Euphorie nachvollziehen. Zugleich ist die Erzählung von der kommerzfreien Grassroot-Bewegung so alt und trügerisch wie der Pop selbst. Die Kulturindustrie hat es schon immer verstanden, Authentizität zum Marketingfaktor zu machen. Und so ist mancher Netzaufstieg ein Mythos: Die britische Rockband Arctic Monkeys etwa, die als Netzstars vermarktet wird, hatte ihren Plattenvertrag längst, bevor sie – ohne ihr eigenes Wissen übrigens – von Fans auf MySpace populär gemacht wurde. Und auch die britische Sängerin Lily Allen wurde nicht, wie oft erzählt, über ihre MySpace-Seite entdeckt, sondern war bereits bei dem Major EMI unter Vertrag, als sie ihre Musik online stellte.
Natürlich sind die großen Plattenfirmen auf MySpace längst genauso aktiv wie die unabhängigen Labels. Wenn man die Seite öffnet, lacht einem für gewöhnlich eine »exklusive Vorab-Veröffentlichung« irgendeiner Major-Band entgegen, die demnächst ein neues Album herausbringen wird. Die Firmen sparen mit Hilfe von MySpace sogar Personal: Talentscouts, die in Clubs mühsam nach neuen Bands suchen, sind jetzt überflüssig, es reicht, wenn jemand die Zugriffszahlen auf MySpace kontrolliert. Wer hier Erfolg hat, bekommt bald auch ein Angebot. So schließt sich der Kreis: Die schöne neue Netzökonomie hilft der guten alten Kulturindustrie bei der überfälligen Selbsterneuerung – und senkt nebenbei erfolgreich die Betriebskosten. Dazu passt, dass nun auch MySpace, zu Rupert Murdochs Konzern News Corporation gehörig, aus dem musikalischen Leben auf seinen Seiten Kapital schlagen will: mit einem eigenen Plattenlabel. Myspace Records hat zunächst Compilations mit Netzbands als Gratiszugabe zu den Werbe-T-Shirts der Seite herausgebracht, das Album des schrillen New Yorker Punkers Mickey Avalon folgte. Neuester Myspace-Records-Act ist die kalifornische Hardcore-Hip-Hop-Band Hollywood Undead, zu der ihre »offizielle Promoterin Lisa« per E-Mail die bekannte Geschichte erzählt: Die Jungs stellten ihre selbst produzierten Songs ein, die MySpace-Gemeinde klickte sie in Scharen an, und dann kam das Angebot von Myspace Records. Die erste CD ist für den Sommer annonciert. Bis dahin dürfen Hollywood Undead noch auf dem ehrenvollen zweiten Platz der Charts für Unveröffentlichte stehen.
Auf dem ersten Platz findet sich zurzeit eine reizende, junge Blondine aus Los Angeles mit Namen Colbie Caillat. Auch sie trägt, wie Imogen Heap, Blume im Haar, dazu aber kein Puppenkorsettkleid, sondern Bikini über nackter Honighaut und Gitarre. Sie ist Anfang zwanzig und eine Singer-Songwriterin der alten Schule. Ein authentisches Mädchen, das rührt das Netzpublikum. Genauso wie ihre schottische Kollegin Sandi Thom, die einmal 60000 Menschen gleichzeitig zu einem Livekonzert übers Netz versammeln konnte. I wish I was a punk rocker with flowers in my hair heißt einer der Hits von Sandi Thom. Darin sehnt sie sich zurück in die siebziger Jahre, als Musik noch etwas bedeutete, die Medien nicht deine Seele kaufen konnten und als man vor Computern Angst hatte. Bei ihrem Erfolgsweg über ebendiese Computer wurde Sandi Thom übrigens von einer PR-Agentur unterstützt, die sich auf Marketing im Internet spezialisiert hat.
- Datum 09.02.2007 - 11:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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