Schriftsteller Die Helden des Alltags

Wilhelm Genazino gilt als ein Meister der profanen Tristesse und der Peinlichkeit. Aber sind seine Porträts aus der Angestellten-Ödnis wirklich kunstvoll und komisch? Oder so banal wie das, was sie beschreiben? Eine Kontroverse - PRO

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Eine Besserung ist nicht zu befürchten. Die Krisen, Nöte und Klemmen, von denen Wilhelm Genazino zu erzählen weiß, hören nicht auf. Mit jedem neuen Roman müssen sich seine Helden ein weiteres Mal durchwursteln und durchreflektieren in ihrer unvergleichlichen Haltung zwischen kontrollierter Verzweiflung und tollkühner Bescheidenheit, die vor keiner Selbstverkleinerung zurückschreckt. Das Elend geht weiter, ja es blüht und gedeiht. Zum Glück! Was wüssten wir sonst über die »Peinlichkeitsverdichtung« des Lebens, von der dieser Autor so beredt und ausgefuchst erzählt?

Gott sei Dank befindet sich also auch der neueste Vertreter Genazinoscher Versagenskunst in einer hoffnungslosen und sogar ernsten Situation. Nur dass es ihm ebenso wenig wie seinen Vorgängern gelingt, diesen Ernst gebührend zu verkörpern, was wieder ziemlich komisch ist.

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Zum Beispiel die Sache mit dem Ohr. Man stelle sich vor: Wir haben es bei Dieter Rotmund mit einem respektablen Mitglied unserer Leistungsgesellschaft zu tun. Und dann läuft dieser Mann mit dem Genazino-typischen Klein-Klein-Blick aufs Unwesentliche durch die Frankfurter Straßen, und als er im Sportlereck einkehrt, fällt ihm beim Fußballgucken ein Ohr ab. Das linke. Einfach so. Er hebt sein Körperteilchen noch nicht einmal auf, sondern macht sich schamvoll davon. Zugegeben: Das wirkt in dem bei Genazino ja immer nahezu hyperrealistischen Kontext etwas surreal. Trotzdem funktioniert der Ohrverlust ganz passabel als Bild für die Schieflage, in der Dieter durch seinen derzeitigen Lebensabschnitt eiert, immer etwas unentschlossen, doch stets empfänglich für Melancholie, Angst und Panik. Das Einzige, womit er sich helfen kann, sind Spaziergänge und das hingebungsvolle Besichtigen der alltäglichsten Dinge. Das Außergewöhnliche, Abenteuerliche, die steilen Empfindungen, die glanzvollen oder auch nur superinteressanten Charaktere, dieses ganze erfolgsträchtige Literaturmaterial kommt bei Genazino nicht vor. Mit Bedacht. Er will von nichts anderem handeln als vom Gegenteil der Größenräusche: von Kleinheitsräuschen.

Stets flanieren seine Helden hart am Abgrund der großen existenziellen Fragen. Doch ihr Blick richtet sich beharrlich zur anderen Seite: auf die Vöglein im Stadtpark, die BHs der Kolleginnen, die vakuumverpackten Salatblätter für das einsame Abendessen. Daraus entstehen die mal urkomischen, mal bitteren Nahaufnahmen aus den Kernzonen der großen Mittelmäßigkeit, die Genazinos Markenzeichen sind.

Trotzdem lassen sich dadurch die Abgründe nicht aus der Welt schaffen. Auffallend oft wird Dieter von Ekelanfällen geschüttelt, die, wie einst bei Sartre, auf Grundsätzliches verweisen. Das beständige Missverhältnis von Erwartung und Erfüllung bleibt immer quälend bestehen. Viel erwarten die Menschen voneinander, und wenig vermögen sie füreinander zu tun. Darum können auch Fragen nach abgefallenen Ohren wenig bewirken. Schon gar nicht, wenn aus der Ehefrau eines Tages der Satz herausbricht: »Ich mag deine Stimme nicht mehr hören.« Die eine oder andere Träne musste sich Dieter schon vorher gelegentlich aus dem Auge wischen. Nun entrücken ihm auch noch Frau und Tochter. Und er weiß nicht einmal: Ist es Heimweh oder Sehnsucht, was ihn mittelmäßig befällt?

Doch Ediths Liaison mit einem benachbarten SPD-Parteifreund bleibt nicht der einzige dramatische Schlag, den Dieter einzustecken hat. Der zweite besteht darin, dass er vom Controller zum Finanzdirektor befördert wird. Woraus sich die grauenvolle Einsicht ergibt, dass auch ein beruflicher Aufstieg niemanden vor dem Scheitern im Leben bewahrt. Eine solche Desillusionierung kann bei Genazino allerdings nicht überraschen. Früher, in gesellschaftskritisch bewegteren Jahren, las man aus seinen Büchern heraus, dass es kein besseres Exempel für ein entfremdetes Leben gebe als das Angestelltendasein. Damals glaubte man noch, jedweder Mangel lasse sich durch gründliche Gesellschaftsveränderung beheben. Heute hingegen ist ein Sitzplatz im Großraumbüro kostbarer denn je. Und die Hoffnung, dass Renten und Eisberge etwas weniger schnell abschmelzen mögen, besitzt fast schon den Rang einer Utopie, falsches Leben hin oder her.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass Genazino seinem Helden ausgerechnet dann so richtig bitter einschenkt, wenn der oben angekommen ist. Nach dem Motto: Wenn es sogar dort finster ausschaut, dann ist es finster. Im letzten Viertel des Romans steigert sich jedenfalls der Druck der Lebensklemme, in der Dieter seit je zappelt, spürbar. Er beobachtet an sich ein »Gefühl der Zerfetztheit«. Nach dem Ohr hat sich auch noch ein kleiner Zeh davongemacht. Rechts.

Die magere Frau Schweitzer, mit der er ein stark bedürftigkeitsgeprägtes Techtelmechtel beginnt, ist auch nicht mehr ganz vollständig. Zudem muss Direktor Dieter bald entdecken, dass seine Bettgefährtin ebenfalls im Finanzwesen tätig ist – als Betrügerin. Es droht eine allgemeine Verdüsterung der Horizonte. Sogar völlig fremde Kinder beginnen plötzlich ihre Daumen zu verlieren. Der letzte Satz, den der Existenzialhumorist Genazino seinem Helden in den Mund legt, lautet: »Ich bin beschädigt, ich habe Zeit.« Spätestens da ist der Humor tiefschwarz geworden. Wunderbar! Wer so vom mittelmäßigen Unglück erzählen kann, der muss von Besserungsaussichten verschont bleiben. Eberhard Falcke

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Leser-Kommentare
  1. Alte Erkundung:

    Ich habe einmal mit Schülern einen Roman von Genazino mit einem Hera-Lind-Romanchen (die Titel lasse ich hier weg; man kann sie selber raussuchen und sie oder andere erproben...) - die Unterschiede:

    Hera war humorvoller.
    Wilhelm war besserwisserischer.. (ja, soziologisch genauer und auch stilfester!)
    *
    Aber ich habe danach nix mehr gelesen - von beiden!
    Es sind Wiederholungstäter, ohne wahre, überdauernde Kreativität.

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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