Schriftsteller Die Helden des AlltagsSeite 2/2

Doch Ediths Liaison mit einem benachbarten SPD-Parteifreund bleibt nicht der einzige dramatische Schlag, den Dieter einzustecken hat. Der zweite besteht darin, dass er vom Controller zum Finanzdirektor befördert wird. Woraus sich die grauenvolle Einsicht ergibt, dass auch ein beruflicher Aufstieg niemanden vor dem Scheitern im Leben bewahrt. Eine solche Desillusionierung kann bei Genazino allerdings nicht überraschen. Früher, in gesellschaftskritisch bewegteren Jahren, las man aus seinen Büchern heraus, dass es kein besseres Exempel für ein entfremdetes Leben gebe als das Angestelltendasein. Damals glaubte man noch, jedweder Mangel lasse sich durch gründliche Gesellschaftsveränderung beheben. Heute hingegen ist ein Sitzplatz im Großraumbüro kostbarer denn je. Und die Hoffnung, dass Renten und Eisberge etwas weniger schnell abschmelzen mögen, besitzt fast schon den Rang einer Utopie, falsches Leben hin oder her.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass Genazino seinem Helden ausgerechnet dann so richtig bitter einschenkt, wenn der oben angekommen ist. Nach dem Motto: Wenn es sogar dort finster ausschaut, dann ist es finster. Im letzten Viertel des Romans steigert sich jedenfalls der Druck der Lebensklemme, in der Dieter seit je zappelt, spürbar. Er beobachtet an sich ein »Gefühl der Zerfetztheit«. Nach dem Ohr hat sich auch noch ein kleiner Zeh davongemacht. Rechts.

Die magere Frau Schweitzer, mit der er ein stark bedürftigkeitsgeprägtes Techtelmechtel beginnt, ist auch nicht mehr ganz vollständig. Zudem muss Direktor Dieter bald entdecken, dass seine Bettgefährtin ebenfalls im Finanzwesen tätig ist – als Betrügerin. Es droht eine allgemeine Verdüsterung der Horizonte. Sogar völlig fremde Kinder beginnen plötzlich ihre Daumen zu verlieren. Der letzte Satz, den der Existenzialhumorist Genazino seinem Helden in den Mund legt, lautet: »Ich bin beschädigt, ich habe Zeit.« Spätestens da ist der Humor tiefschwarz geworden. Wunderbar! Wer so vom mittelmäßigen Unglück erzählen kann, der muss von Besserungsaussichten verschont bleiben. Eberhard Falcke

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Leser-Kommentare
  1. Alte Erkundung:

    Ich habe einmal mit Schülern einen Roman von Genazino mit einem Hera-Lind-Romanchen (die Titel lasse ich hier weg; man kann sie selber raussuchen und sie oder andere erproben...) - die Unterschiede:

    Hera war humorvoller.
    Wilhelm war besserwisserischer.. (ja, soziologisch genauer und auch stilfester!)
    *
    Aber ich habe danach nix mehr gelesen - von beiden!
    Es sind Wiederholungstäter, ohne wahre, überdauernde Kreativität.

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
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  • Schlagworte Wilhelm Genazino | Schriftsteller | Literatur
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