Der Philosoph Alain Badiou gehört zu den Ersten, die seit der Postmoderne wieder den großen Wurf wagen. Nach seinem Hauptwerk Sein und Ereignis liegt jetzt auch Das Jahrhundert in deutscher Übersetzung vor: ein Versuch, das 20. Jahrhundert auf den Begriff zu bringen.

Einem Gemeinplatz zufolge beginnt die Philosophie mit dem Staunen. Wer den Pariser Philosophen Alain Badiou liest, kommt zu einer anderen Einschätzung: Sie beginnt mit dem Ärger. Mit dem Ärger über die anderen. Platon ärgert sich über die Sophisten, Aristoteles über die Platoniker. »Kenne deinen Gegenspieler« würde so zum ersten Imperativ der philosophischen Erkenntnis. Und jede ernsthafte Philosophie zum Gegenentwurf.

Diese mögliche Militanz des Denkens scheint in Vergessenheit geraten zu sein, und zwar aufgrund eines genialen Schachzugs des französischen Doppels Postmoderne/Dekonstruktion. »Der Tod des Subjekts« lautete deren Parole. Und war zugleich die Verkündigung der Diktatur des Dialogs: Es gebe keinen Standpunkt, nur das Hin und Her der Bewegung, das »unendliche Gespräch«. Damit wendete sich die Philosophie radikal von ihren klassischen Intuitionen ab: Wahrheit etwa ist unter diesen Bedingungen nur noch ein Effekt differenzieller Spannungen, oder mit den schönen Worten von Rilke: »eines Augenblickes Zeichnung«. Entsprechend orientiert sich dieser Diskurs an der Sprache im Allgemeinen und der Literatur im Besonderen.

Alain Badiou, dessen Rezeption in Deutschland ebenso verspätet einsetzt wie vormals die der Postmoderne, wählt einen zur Literatur diametralen Bezugspunkt. In seinem 1988 verfassten und Anfang des vergangenen Jahres auf Deutsch erschienenen Hauptwerk Das Sein und das Ereignis vollzieht er die Rückkehr zu einem barocken Universalismus und einer wissenschaftlichen Rationalität, die sich am mathematischen Erkenntnisideal orientiert.

Die großen Geister der Geschichte treffen sich hier zum Gipfelgespräch

Die begriffliche Bestimmung des Seins mit der modernen Mathematik eines Cantor, Gödel und Cohen dient allerdings weder dem Nachweis, dass jenseits der exakten Wissenschaften bloß Unsinn produziert wird (Frege), noch der Vorstellung, dort fände sich der eigentliche Sinn des Lebens, ein Sinn, der sich aber nicht dingfest machen, sondern bloß in mystischer Versenkung erfahren ließe (Wittgenstein). Badiou zitiert die Mathematik, um zu zeigen, dass es eine rational nachvollziehbare Wahrheit und deren Träger, das Subjekt, gibt: als ein Ereignis des Seins. Und zwar auf den jeweils unterschiedlich organisierten Feldern der Politik, der Kunst, der Wissenschaft und der Liebe.