Sachbuch Wetten um die WahrheitSeite 3/3

Ja, sagt Badiou. Aber er sagt es leise. Er verspricht, postuliert und verkündet nicht. Sondern weist mit dem vage bleibenden Begriff der Subtraktion bloß auf eine Möglichkeit hin. Subtraktion: Etwas bleibt ab- und entzogen. Die tiefgreifende Veränderung stößt an die Grenze einer »minimalen Differenz«. Badious Position ließe sich hier vielleicht mit einer Begriffsunterscheidung erklären: Die progressive Passion ist radikal. Als Wurzel aber entdeckt und wahrt sie den Antagonismus der Differenz. Die reaktionäre Passion ist extrem. Sie geht über die Differenz hinaus und verfällt einer ideellen Identität: der des Volks in ihrer rechten, der des Proletariats in ihrer linken Version. Der progressiven Passion politisch am nächsten kommen für Badiou radikal-basisdemokratische Organisationsformen, die lokal für politische Gestaltung mobilisieren und intervenieren. Er selbst hat nach diesem Gedanken mit Sylvain Lazarus und Natacha Michel l’Organisation politique gegründet, ein basisdemokratisches Forum, das sich beispielsweise für die Rechte der Illegalen einsetzt.

Körperkult und Konsumismus setzen nur auf das Tier im Menschen

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Nun könnte man meinen, Badiou knüpfe mit dem Theorem der minimalen Differenz an die Dekonstruktion und den Topos der »kommenden Demokratie« an. Tatsächlich bezieht sich Badiou damit aber zuerst auf Gödels Unvollständigkeitssatz, aus dem er folgert: »An einer Wahrheit teilhaben heißt immer auch ermessen, dass es andere gibt, an denen wir noch nicht teilhaben.« Es könne also immer nur um die Erfindungen verschiedener Arten zu denken gehen; Erfindungen, die sich weder letztgültig begründen ließen noch diskursiv entscheidbar wären.

Man wird also wetten müssen, sagt Badiou, das heißt eine Entscheidung treffen und dieser treu bleiben. Worauf man aber setze, sei »eine Frage des Geschmacks«. Hier enthüllt die Philosophie ihr politisches Profil. Badiou selbst spielt deshalb von Anfang an mit offenen Karten: Er ist ein linksradikaler Aktivist, für den die Zeit von einem morbiden »animalischen Humanismus« gekennzeichnet ist, der keinen Begriff vom Glanz des Menschen habe, sondern einzig von seinem Elend, der nicht den Gott im Menschen erkenne, sondern einzig das Tier. Daher Körperkult und Konsumismus, Opferdiskurs und die halbherzige Politik der humanitären Hilfe.

Zwar möchte man die im Jahrhundert vertretenen drastischen Positionen nicht immer teilen; aber allein die Fülle origineller Ideen und Einsichten, die Badiou in diesem Werk entfaltet, machen es zu einem philosophischen Lesevergnügen. Und nicht zuletzt muss man dessen Ehrlichkeit und Konsequenz anerkennen. Es lehrt uns, was die Philosophie in ihrer leidenschaftlichen Form schon immer gewesen ist: ein Überzeugungskampf, der mit den klassischen Waffen der Geschlechter ausgefochten wird, mit der Faust und dem Charme, wohlgemerkt in den eisigen Höhen der Abstraktion. Dass dort die Auseinandersetzung um sein Denken beginne, wäre Badious anstehender Rezeption in Deutschland zu wünschen. Zu erwarten ist dagegen eher, dass seine Person Anlass zu Polemik gibt – und die Philosophie darüber vergessen wird.

Das JahrhundertSachbuchAus dem Französischen von Heinz JathoAlain BadiouBuchdiaphanes Verlag2006Berlin24,90238
 
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