Ich stieg zu dem Typ in den Whirlpool. Zu einem jungen Mann, der den Schriftzug »Pimp« auf der Brust trug, Zuhälter. Es muss wohl an dem Bier gelegen haben, das es umsonst gab. Nachdem ich es umständlich in den Pool geschafft hatte (ich katapultierte mich zehn Meter in die Höhe, um dann relativ unsanft in den Pool zu fallen), musste ich Pimp sogar darum bitten, mir beim Hinsetzen zu helfen. Ich wusste einfach nicht, wie ich meine Beine krumm bekommen sollte. Pimp und seine Freunde sprachen jedoch Holländisch und rauchten baumstammdicke Joints. Viel Hilfe war von ihnen nicht zu erwarten. Wenn man nicht weiß, wo in der Computerwelt Second Life etwas los ist, und man niemanden kennt, kann so ein Besuch zur Qual werden. In Second Life ist jeder eine Kunstfigur . Rechts unsere Autorin, ganz neu eingekleidet BILD

Seit Wochen sprechen um mich herum alle über diese neue Welt, drei Millionen Menschen haben sie schon besucht. Sie kommt mir vor wie der aktuelle Kinofilm, den jeder gesehen hat, nur ich kann nicht mitreden. Es heißt, dieses Produkt der kalifornischen Internetfirma Linden Lab sei kein Spiel, sondern die virtuelle Simulation unserer Welt. Wen trifft man dort? Und wie unterscheidet sich das zweite Leben vom echten? Also loggte ich mich ein. Von einer Liste wählte ich einen Namen: Coppola, Catarina.

Second Life ist eine Art digitales Lego, für das Linden Lab die Software zur Verfügung stellt. Man kann sie von ihrer Website herunterladen und damit Grafiken bauen, Kleidung, Autos, virtuelle Häuser. Als Second Life im Jahr 2003 eröffnet wurde, war es eine leere Plattform, auf der jeder machen konnte, was er wollte. Das interessierte am Anfang jedoch nur 1000 Leute. Erst nachdem der Linden-Dollar eingeführt worden war (etwa 270 Linden-Dollar bekommt man für einen echten amerikanischen Dollar, der Kurs schwankt) und damit die Idee des Erfolges, kam Leben nach Second Life.

Vielleicht ist das der Grund, warum hier alle sehr auf ihr Äußeres achten. Warum sonst sollte man ein zweites Leben beginnen, wenn es nicht besser ist als das erste? Und so ging ich vergangenen Freitagabend, nachdem die Kollegen die Redaktion verlassen hatten, für mein zweites Ich einkaufen. Denn in dem roten Trägerkleidchen, mit dem mein Avatar (so heißen die Second-Life-Bewohner) auf die Welt gekommen war, sah ich aus, als sei ich geradewegs vom Dorf in die Stadt gezogen. Ich hatte gehört, dass die amerikanische Modemarke American Apparel einen Laden aufgemacht hatte. Dort wollte ich hin.

Second Life besteht zurzeit aus 3500 Inseln, jede ist 64.000 Quadratmeter groß, ständig kommen neue hinzu. Von oben sieht dieses Universum aus wie ein Puzzle, in dem noch Teile fehlen. American Apparel liegt im Südwesten, dorthin teleportierte ich mich. (Teleportieren ist googeln in 3-D. Man klickt auf den Search-Button am unteren Rand des Monitors, gibt den Ort ein, den man sucht – und ist da.)