Internet

Mein zweites Ich

Alle reden über die Computerwelt Second Life. Kerstin Kohlenberg war eine Nacht lang im Netz unterwegs

Ich stieg zu dem Typ in den Whirlpool. Zu einem jungen Mann, der den Schriftzug »Pimp« auf der Brust trug, Zuhälter. Es muss wohl an dem Bier gelegen haben, das es umsonst gab. Nachdem ich es umständlich in den Pool geschafft hatte (ich katapultierte mich zehn Meter in die Höhe, um dann relativ unsanft in den Pool zu fallen), musste ich Pimp sogar darum bitten, mir beim Hinsetzen zu helfen. Ich wusste einfach nicht, wie ich meine Beine krumm bekommen sollte. Pimp und seine Freunde sprachen jedoch Holländisch und rauchten baumstammdicke Joints. Viel Hilfe war von ihnen nicht zu erwarten. Wenn man nicht weiß, wo in der Computerwelt Second Life etwas los ist, und man niemanden kennt, kann so ein Besuch zur Qual werden.

Seit Wochen sprechen um mich herum alle über diese neue Welt, drei Millionen Menschen haben sie schon besucht. Sie kommt mir vor wie der aktuelle Kinofilm, den jeder gesehen hat, nur ich kann nicht mitreden. Es heißt, dieses Produkt der kalifornischen Internetfirma Linden Lab sei kein Spiel, sondern die virtuelle Simulation unserer Welt. Wen trifft man dort? Und wie unterscheidet sich das zweite Leben vom echten? Also loggte ich mich ein. Von einer Liste wählte ich einen Namen: Coppola, Catarina.

Second Life ist eine Art digitales Lego, für das Linden Lab die Software zur Verfügung stellt. Man kann sie von ihrer Website herunterladen und damit Grafiken bauen, Kleidung, Autos, virtuelle Häuser. Als Second Life im Jahr 2003 eröffnet wurde, war es eine leere Plattform, auf der jeder machen konnte, was er wollte. Das interessierte am Anfang jedoch nur 1000 Leute. Erst nachdem der Linden-Dollar eingeführt worden war (etwa 270 Linden-Dollar bekommt man für einen echten amerikanischen Dollar, der Kurs schwankt) und damit die Idee des Erfolges, kam Leben nach Second Life.

Vielleicht ist das der Grund, warum hier alle sehr auf ihr Äußeres achten. Warum sonst sollte man ein zweites Leben beginnen, wenn es nicht besser ist als das erste? Und so ging ich vergangenen Freitagabend, nachdem die Kollegen die Redaktion verlassen hatten, für mein zweites Ich einkaufen. Denn in dem roten Trägerkleidchen, mit dem mein Avatar (so heißen die Second-Life-Bewohner) auf die Welt gekommen war, sah ich aus, als sei ich geradewegs vom Dorf in die Stadt gezogen. Ich hatte gehört, dass die amerikanische Modemarke American Apparel einen Laden aufgemacht hatte. Dort wollte ich hin.

Second Life besteht zurzeit aus 3500 Inseln, jede ist 64.000 Quadratmeter groß, ständig kommen neue hinzu. Von oben sieht dieses Universum aus wie ein Puzzle, in dem noch Teile fehlen. American Apparel liegt im Südwesten, dorthin teleportierte ich mich. (Teleportieren ist googeln in 3-D. Man klickt auf den Search-Button am unteren Rand des Monitors, gibt den Ort ein, den man sucht – und ist da.)

Ich landete vor einem Wasserfall, inmitten einer tropischen Landschaft. Der American-Apparel-Laden lag am Strand, war von Palmen umgeben, ein Glasquader – als hätte jemand die Berliner Neue Nationalgalerie hierhin teleportiert. Weit und breit kein Mensch, ich hörte nur die Geräusche der Wellen. Im Laden Blusen und Hosen in identischem Abstand auf den Kleiderständern. An den Wänden aufreizende Bilder von Frauen, die gleichen wie im American-Apparel-Laden in Berlin. Überhaupt sah hier alles genauso aus wie dort, nur größer und beeindruckender. So wie eben alles in Second Life.

Aber wo waren die Verkäufer? An der Glastür des Ladens klebte ein Plakat. Zuerst konnte ich nur lesen: »Be Your Own Twin« – Sei dein eigener Zwilling. Die Schrift darunter war unscharf. Ich blieb davor stehen und wartete, bis meine Computernetzhaut scharf gestellt hatte. »Kauf … dir denselben … Stil, den dein Avatar trägt, in unserem Online-Store, und du erhältst 15 Prozent Ermäßigung. (Für dein echtes Ich.)« – Der Avatar wird zur Testperson des wahren Lebens.

Nachdem ich mich in Second Life angemeldet hatte, war ich gefragt worden, ob ich meine Kreditkartendaten nennen wolle. Das tat ich. Dafür war ich mit 250 Linden-Dollar belohnt worden, und die wollte ich nun ausgeben. Ich überlegte noch, wie, als Jonny Husky neben mich trat. Über seinem eingeblendeten Namen stand owner, er trug eine schwarze Mönchskutte und einen Rucksack des deutschen Stromkonzerns EnBW. Jonny wollte mir partout etwas schenken. Also sagte ich ja, und schon klebte ein graues Quadrat an meinem Körper, auf allen Seiten stand EnBW, und der gute Jonny war verschwunden. Ich war zur Werbefläche geworden. So etwas passiert wirklich nur jemandem vom Dorf, da ist das zweite Leben wie das erste. Ich brauchte dringend Großstadtklamotten.

Eine rote »California Fleece Track Jacket« hätte ich gerne gekauft, allerdings fehlten mir dazu 100 Linden-Dollar. (Die ich mir natürlich mit meiner Kreditkarte hätte kaufen können.) Ich klickte aus Langeweile auf das Bild der Jacke und wurde sofort auf die Webseite des Onlineshops von American Apparel geführt. Dort hätte ich nun die echte Jacke für 44 echte Dollar bestellen können.

Trainierte ich hier für die Zukunft? Eine Zukunft, in der uns das zweidimensionale Internet so spartanisch vorkommen wird wie heute die ersten DOS-Rechner? Und in der wir uns alle wie selbstverständlich in solchen dreidimensionalen Internetwelten bewegen? Anstatt wie heute auf die Webseite eines Onlinereisebüros zu gehen, um einen Flug zu buchen, wird man in Zukunft vielleicht ein 3-D-Reisebüro aufsuchen. Und Second Life, als erste und größte dieser 3-D-Plattformen, wird dann Amazon und Google zugleich sein. Amagoogle statt Armageddon? Es spricht viel dafür. Jonny mit dem Rucksack ist Teil einer Werbekampagne, die die Multimedia-Agentur Pixelpark für den Energiebetreiber entworfen hat.

Jeder Bewohner von Second Life ist ein potenzieller Kunde. Im Moment wächst die Bewohnerzahl rasant, um 100.000 pro Woche. Von sechs Personen versteht jedoch nur einer die komplizierte Software, die man herunterladen kann, und nimmt aktiv am Leben teil. Anfang Januar machte Linden Lab den Programmiercode für Second Life öffentlich. Und sofort ging die Gemeinde der Open-Source-Bewegung an die Verbesserung des Programms. Kostenlos und, da die Gemeinde so groß ist, in einer nicht zu bezahlenden Geschwindigkeit. Es ist anzunehmen, dass Second Life in Zukunft noch viel schneller wachsen wird.

Ganz Second Life besteht aus Inseln, 1675 Dollar Monatsmiete das Stück

Jede Insel kostet 1675 echte Dollar, zuzüglich 295 echter Dollar Betriebskosten pro Monat. (Land kaufen kann nur, wer Premium-Mitglied ist und zehn Dollar pro Monat zahlt.) Viele Bewohner teilen sich daher eine Insel. In Wahrheit mieten sie Speicherplatz auf dem Server von Linden Lab. IBM ist mit 24 Inseln der beste Kunde.

Eine dieser Inseln benutzt IBM als 3-D-Konferenzraum, dort treffen sich die Avatare seiner Mitarbeiter. Normale Bewohner haben keinen Zugang. Nick entdeckte ich auf einem Stückchen Rasen vor dem IBM-Gebäude. Er war gerade aus einer Videopräsentation herausgegangen. Sein Team arbeitet an neuen Simulationen und Prototypen, kommuniziert wird ausschließlich über Textmitteilung. Werden sich die Manager der Zukunft in Second Life treffen? Ist eine solche Kommunikation nicht sehr mühsam und sehr begrenzt? Vielleicht waren das Fragen von jemandem, der sich nie lange in einem Chatroom aufgehalten hat. Nick sagte, er finde das Chatten effizienter als Telefonieren. Wenn er etwas von einem Entwickler wissen wolle, der knietief in einem Programmcode hänge, dann wolle er nicht, dass der zum Hörer greife, sondern dass der ihm schnell die Antwort texte. Ende des Jahres soll dennoch Sprache nach Second Life kommen. Das funktioniert dann wie Internettelefon.

Auf der IBM-Insel ging die Sonne unter. Zur Orientierung gibt es auf Second Life eine Art Inhaltsverzeichnis, das mit dem einer gewöhnlichen 2-D-Internetplattform zu vergleichen ist. Man kann nach Orten (Shopping, Gaming, Kultur), Gruppen, Leuten oder Events suchen. Der Flohmarkt auf der Insel Cisthene wurde in der Eventliste empfohlen. Aber hier sah nichts nach Flohmarkt aus. Ein Teil der Insel war mit einem Band abgesperrt, auf dem no entry stand, kein Zugang. Ich lief dagegen, und mir wurde mitgeteilt, ich stünde nicht auf der Zugangsliste. Ich ging um das abgesicherte Land herum, der Boden war abschüssig, ab und an lag ein stachliger Busch im Sand – und wieder einmal war ich allein. Man kann sich schon ein bisschen einsam fühlen im zweiten Leben. Ich wählte am Telefon die Nummer einer Freundin, um, wenn schon nicht in Second Life, dann doch wenigstens über Second Life zu sprechen. Und ich merkte: Erst im Spiegel der echten Welt erscheint die virtuelle unterhaltsam.

Auch Sex gibt es, man braucht nicht mal einen Partner

Mittlerweile war es nach acht. Die Eventliste empfahl eine Galerie-Eröffnung, danach sah ich mir das Konzert von Mimmi Carpentale im Wild Vertigo an. Der Eintritt war frei. Wer Mimmi im echten Leben ist, ist unbekannt, ihr Avatar zumindest hat lange weiße Haare. Etwa 40 Leute saßen vor der Bühne, das Konzert kam per Audiostream, Mimmi war ein bisschen aufgeregt, das merkte man an ihrer Stimme. Vor so einem großen Publikum hatte sie noch nie gespielt. Ein Auftritt kostet nichts, schneller kann man nirgendwo Fans finden. Nur der Applaus am Ende des Konzerts war traurig: ein geschriebenes »Yeah!«.

Nach dem Konzert ging ich um die Einfamilienhäuser mit Garten herum, schaute durch Fenster in perfekt eingerichtete Wohnzimmer, in der Hoffnung, ein bisschen vom Alltag in Second Life mitzubekommen. Alle Häuser waren verlassen. Bis zu einem Park lief ich, und dort sah ich zwei Avatare, die sich unterhielten. Kai trug Jeans und Jeansjacke, seine Haare waren in der Mitte gescheitelt und hingen poppermäßig über die Ohren. Das Mädchen trug einen bauschigen Rock und T-Shirt. Ich ging auf sie zu. (Auch in Second Life spricht man eher die Leute an, die aussehen wie man selbst. Bodybuilder bleiben eher unter sich.) Kai sagte, er sei seit zwei Monaten in Second Life. Er habe noch nie etwas gekauft, er suche auch keinen Job (was angeblich viele hier tun). Er wolle Leute kennenlernen.

Mit Kai führte ich die erste private Unterhaltung, und ich fühlte mich ungelenk. Sollte ich ihn als Avatar ansprechen oder als Person dahinter? Durfte ich fragen, wie alt er war und woher er kam? Worüber unterhält man sich, wenn alles Fiktion ist? Außerdem tippte ich nicht schnell genug. Aber Kai war geduldig. Woher er kam, wollte er nicht sagen. Nur so viel, er lebe an der Ostküste der USA, bis vor Kurzem in New York, und eigentlich sei er Europäer. Und dass er sehr schüchtern sei. Im echten Leben verschwände er jetzt in der Einsame-Computerspieler-Schublade. Im zweiten teleportierte er mich in den Central Park, dort setzten wir uns auf eine Bank, und Kai fügte mich seiner Freundesliste hinzu. Nun konnten wir gegenseitig verfolgen, wer wann online war, und wir konnten sprechen, ohne dass andere es mitbekamen. In Second Life ginge es um das Beste in einem, sagte Kai. Man sollte daher versuchen, so sexy und cool wie möglich auszusehen. Kai war 34, in seiner Freundesliste waren ausschließlich Frauen. Jeden Tag komme er etwa drei bis vier Stunden zum Reden nach Second Life, sagte er. Er trainierte im zweiten Leben für sein erstes.

Eigentlich war jetzt nur noch eine Frage offen. Wie ist der Sex in Second Life? (Kai war längst auf dem Weg zu seinem nächsten Date.) In einem Umsonst-Kaufhaus hatte ich mir auf Kais Geheiß eine Netzstrumpfhose und einen schwarzen Lederrock ausgesucht, hatte mein Körperfett reduziert, mir neue Augen ausgesucht und mein Kinn nachmodelliert. Jetzt sah ich aus wie alle hier.

Lesbos, meine letzte Insel, zwei Uhr morgens. Ich landete zwischen meterhohen Nacktbildern, zwei fast nackten Türsteherinnen und einer Besucherin im Faltenrock. Der Sex war, wie sich herausstellte, wie alles hier einfach nur ein Programm, für das ich noch nicht einmal einen Partner brauchte. Ich klickte auf einen Button, und schon begann ich mich wie ein Kirmespferdchen zu bewegen. Und da ich mich nicht ausziehen wollte, blieb ich alleine. Das Gute an einer Nacht in Second Life? Dass man am nächsten Morgen keinen Kater hat.

Zum Thema
Leben Sie schon virtuell oder noch ganz real?Eine Satire-Seite propagiert das "erste Leben" gegen das Internet-Spiel "Second Life" »

Die nächste Kolonie des Kapitalismus - In einer Computerwelt namens "Second Life" schaffen sich Millionen einen virtuellen Kontinent »

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Kerstin Kohlenberg
    • Datum 12.2.2007 - 03:01 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte | | | |
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service