Internet Mein zweites IchSeite 4/4

Auch Sex gibt es, man braucht nicht mal einen Partner

Mittlerweile war es nach acht. Die Eventliste empfahl eine Galerie-Eröffnung, danach sah ich mir das Konzert von Mimmi Carpentale im Wild Vertigo an. Der Eintritt war frei. Wer Mimmi im echten Leben ist, ist unbekannt, ihr Avatar zumindest hat lange weiße Haare. Etwa 40 Leute saßen vor der Bühne, das Konzert kam per Audiostream, Mimmi war ein bisschen aufgeregt, das merkte man an ihrer Stimme. Vor so einem großen Publikum hatte sie noch nie gespielt. Ein Auftritt kostet nichts, schneller kann man nirgendwo Fans finden. Nur der Applaus am Ende des Konzerts war traurig: ein geschriebenes »Yeah!«.

Nach dem Konzert ging ich um die Einfamilienhäuser mit Garten herum, schaute durch Fenster in perfekt eingerichtete Wohnzimmer, in der Hoffnung, ein bisschen vom Alltag in Second Life mitzubekommen. Alle Häuser waren verlassen. Bis zu einem Park lief ich, und dort sah ich zwei Avatare, die sich unterhielten. Kai trug Jeans und Jeansjacke, seine Haare waren in der Mitte gescheitelt und hingen poppermäßig über die Ohren. Das Mädchen trug einen bauschigen Rock und T-Shirt. Ich ging auf sie zu. (Auch in Second Life spricht man eher die Leute an, die aussehen wie man selbst. Bodybuilder bleiben eher unter sich.) Kai sagte, er sei seit zwei Monaten in Second Life. Er habe noch nie etwas gekauft, er suche auch keinen Job (was angeblich viele hier tun). Er wolle Leute kennenlernen.

Mit Kai führte ich die erste private Unterhaltung, und ich fühlte mich ungelenk. Sollte ich ihn als Avatar ansprechen oder als Person dahinter? Durfte ich fragen, wie alt er war und woher er kam? Worüber unterhält man sich, wenn alles Fiktion ist? Außerdem tippte ich nicht schnell genug. Aber Kai war geduldig. Woher er kam, wollte er nicht sagen. Nur so viel, er lebe an der Ostküste der USA, bis vor Kurzem in New York, und eigentlich sei er Europäer. Und dass er sehr schüchtern sei. Im echten Leben verschwände er jetzt in der Einsame-Computerspieler-Schublade. Im zweiten teleportierte er mich in den Central Park, dort setzten wir uns auf eine Bank, und Kai fügte mich seiner Freundesliste hinzu. Nun konnten wir gegenseitig verfolgen, wer wann online war, und wir konnten sprechen, ohne dass andere es mitbekamen. In Second Life ginge es um das Beste in einem, sagte Kai. Man sollte daher versuchen, so sexy und cool wie möglich auszusehen. Kai war 34, in seiner Freundesliste waren ausschließlich Frauen. Jeden Tag komme er etwa drei bis vier Stunden zum Reden nach Second Life, sagte er. Er trainierte im zweiten Leben für sein erstes.

Eigentlich war jetzt nur noch eine Frage offen. Wie ist der Sex in Second Life? (Kai war längst auf dem Weg zu seinem nächsten Date.) In einem Umsonst-Kaufhaus hatte ich mir auf Kais Geheiß eine Netzstrumpfhose und einen schwarzen Lederrock ausgesucht, hatte mein Körperfett reduziert, mir neue Augen ausgesucht und mein Kinn nachmodelliert. Jetzt sah ich aus wie alle hier.

Lesbos, meine letzte Insel, zwei Uhr morgens. Ich landete zwischen meterhohen Nacktbildern, zwei fast nackten Türsteherinnen und einer Besucherin im Faltenrock. Der Sex war, wie sich herausstellte, wie alles hier einfach nur ein Programm, für das ich noch nicht einmal einen Partner brauchte. Ich klickte auf einen Button, und schon begann ich mich wie ein Kirmespferdchen zu bewegen. Und da ich mich nicht ausziehen wollte, blieb ich alleine. Das Gute an einer Nacht in Second Life? Dass man am nächsten Morgen keinen Kater hat.

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