Zeitungen Papier wird ungeduldigSeite 4/4
Ohne journalistische Glaubwürdigkeit geht es nicht. Und nicht ohne den Willen, in redaktionelle Qualität zu investieren. Nachdem im Jahr 2000 die Spekulationsblase der New Economy geplatzt und bei vielen Zeitungen die Anzeigeneinnahmen eingebrochen waren, wurden hierzulande in den Redaktionen Hunderte Stellen gestrichen, Korrespondentenbüros geschlossen, die Reisekosten gekürzt. Gründliche Recherchen aber brauchen Zeit und Geld; wo daran gespart wird, hapert es bald an der redaktionellen Leistung, nirgendwo mehr als im investigativen Journalismus.
Die Zeitungen können den Wettbewerb gegen Fernsehen und Internet nicht durch Schnelligkeit, sondern nur durch Gründlichkeit, durch Sachkenntnis, ja durch Exzellenz bestehen. Das Problem heute ist nicht der Mangel, sondern vielmehr der Überfluss an Informationen. Mehr als je zuvor sind deshalb Journalisten gefragt, die im täglich anschwellenden Informationsstrom zu unterscheiden wissen zwischen wichtig und unwichtig, zwischen bedeutend und belanglos.
Vielleicht muss einem deshalb um die Zukunft der alten, langsamen Zeitung auch nicht bang sein. Guter Journalismus jedenfalls bleibt gut fürs Geschäft. Noch verdienen viele Verlage anständige, oft zweistellige Renditen. Ein Artikel in der amerikanischen Online Journalism Review über Zeitungen im digitalen Zeitalter kam zu dem Schluss: »Alles deutet darauf hin, dass Zeitungsverlage ein blühendes und profitables Geschäft bleiben und dass Nachrichten noch sehr lange Zeit auf Papier verbreitet werden. Die Verlage haben noch eine Atempause, um mit neuer Technologie, mit neuen Märkten, neuen Geschäftsmodellen und neuen Medien zu experimentieren.«
Eine Atempause. Verlage und Redaktionen müssen sie nutzen, damit aus ihr keine Galgenfrist wird. Sonst ergeht es ihnen wie der ältesten Zeitung der Welt. Soeben hat die schwedische
Post Och Inrikes Tidningar
angekündigt, dass sie nicht länger gedruckt werden wird. Im Jahr 1645, zum Ende des Dreißigjährigen Krieges hin von Königin Christine und ihrem Kanzler Axel Oxenstierna gegründet, um die Schweden zu informieren, »wofür all das Geld ausgegeben wurde«, ist sie bis heute Stockholms offizielles Regierungsblatt. Seit dem 1. Januar erscheint sie nur noch im Internet.
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- Datum 10.02.2007 - 09:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
- Kommentare 7
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Der Kommentar von ejes trifft ins Schwarze. Wir brauchen ein neues Denkmodell, dass sich den neuen Errungenschaften anpasst. In der Soziologie spricht man von 'culture lag' - mit jeder neuen Erfindung muss man sich auf die veränderten Gegebenheiten umstellen.
Statt eines Leitartikels sollte man vielleicht ein Diskussionsforum von vier Senior-Jornalisten haben, eine Art 'Meet the Press'.
Ich verstehe das Geschäftsmodell der Online Zeitungen nicht. Wo kommt hier überhaupt Geld rein. Durch Werbung? Wer hat denn heute keinen Ad- und Popup-Blocker installiert. Duch Bezahl-Artikel? Das würde ja vorrausetzen, dass die Konkurrenz Artikel über das gleiche Thema nicht kostenfrei anbietet. Sehr unwahrscheinlich. Siehe USA. Richtige Online-Vollabos wie für die Print-Zeitungen gibts eigentlich nur für wenige Fachzeitschriften.
Ich kann mich erinnern in den 70ern und 80ern die ZEIT am Wochenende von der ersten bis zur letzten Seite gelesen zu haben. Inklusive der mindestens sechsseitigen Dossiers. Und damals waren die Seiten noch voll gedruckt. Keine unnützen Grafiken, Bilder und die hälfte Weissfläche wie heute. Würde ich nicht mehr machen. Auch mein Leseverhalten hat sich mittlerweile radikal verändert. Wenn ich meinen Tabbed-Browser aufmache erscheinen ein duzend Zeitungen aus einem halben duzend Länder. Da suche ich mir dann aus was mir gefällt. Eigentlich fühle ich mich da schon als Zeitungs-Schmarotzer, der von den Abonenten und Inserenten der Druckausgabe subventioniert wird, und wäre auch bereit das Geld, was ich früher für Print-Zeitungen ausgegeben habe zu bezahlen. Nur will das ja niemand haben.
Wenn CNN und NTV überleben könnne, ohne daß ich denen Geld überweise, dann kann das eine Onlinepublikation auch.
Im Übrigen: Als IT-Student bin ich ein Online-Informationsjunkie und klappere einige Onlinepublikationen zu meinem Morgenkaffee ab, aber eine traditionelle Papierzeitung hat auch ihren Anreiz für mich. Leider ist dieser Nebenkostenposten der Erste auf den man verzichtet, wenn man Geld mit beiden Händen für Miete, Internet, Handy, Gas/Strom/Wasser, etc. rauswirft. Also kein Wunder, daß die traditionelle Zeitung unter jungen Menschen keine weite Verbreitung findet.
n-tv ist genau das, was ich auch bei den Online-Zeitungen befürchte. Vor zehn Jahren rund um die Uhr fröhliches Börsenfernsehen mit Friedhelm Busch live vom Frankfunrter Parkett und heute werden dort halbtags Töpfe und Billigreisen verkauft. Und die Nachrichtensendungen sind von einer halben Stunde auf 7 Minuten geschrumpft.
So richtig stößt Matthias Nass nicht zum Kern des Problems vor. (Leider kann ich Moment nur kurz: )
Die Zeitungen leiden darunter, dass sie vielfach noch immer nicht begriffen haben, was das Internet bedeutet. Internet bedeutet nicht nur, dass auch Zeitungen jetzt am PC online gelesen werden. Internet bedeutet, dass auch Zeitungen jetzt _im Netz_ erscheinen. Und auf das Netz bzw. die damit veränderte Kommunikationsstruktur und damit veränderte Kommunikationsqualität reagieren Zeitungen noch kaum.
Der Leitartikel ex cathedra ist out. Und er ist diachron und synchron out.
Diachron: Es ist nicht mehr möglich, gestern so kommentiert zu haben und heute _unvermittelt_ anders zu kommentieren. Das im Netz oder auf dem lokalen PC beliebig verfügbare Archiv verhindert das. Der Leitartikel, der nicht genau erklärt, warum der Irak-Krieg gestern kein Fehler war, heute aber einer ist, ist mit dem Netz unglaubwürdig geworden.
Synchron: Es ist nicht mehr möglich, dass sich der Leitartikler so darstellt, als sei er der einzige Kommentator weit und breit. Die New York Times und diverse Zeitungen und Zeitschriften sind nur einen Mausklick weit entfernt. Ich möchte _sehen_, wie der Leitartikel sich im Netz behauptet und sich damit immer auch selbst relativiert.
Diachrone und synchrone Vernetzung, also (Selbst-)Relativierung, sind aber nicht nur bezogen auf den einzelnen Artikel gefordert. Die Forderung richtet sich auch an den gesamten Redaktionsbetrieb. Die Meinungslandschaft, die ich qua Internet vor mir habe, macht es äußerst unglaubwürdig, dass 100 oder 150 oder mehr erwachsene Redaktionsmitglieder mehr oder weniger _eine_ Linie verfolgen, ohne dass dem wesentliche Diskussionsprozesse zugrunde liegen. Die möchte ich sehen bzw. mindestens in wesentlichen Ausschnitten z.B. der Redaktionskonferenzen als Podcast hören.
Ohne große demokratietheoretische Erörterungen (die in diesem Zusammenhang möglich und nötig wären): Qualitätszeitungen haben eine große Chance im Netzt – wenn sie sich auf die mit dem Internet veränderte Kommunikationsstruktur und Kommunikationsqualität einlassen. Tun sie das nicht, laufen sie Gefahr, zu Recht nicht mehr wahrgenommen bzw. als _unglaubwürdig_ ignoriert zu werden.
Zusammengefasst: DIE ZEIT als eine Ansammlung einsamer ZEIT-Artikel, die es versäumt, sich in den Zusammenhang des Netzes einzuhängen und von ihm tragen zu lassen, wird durch die Maschen fallen. Wird sie dagegen zu einer echten NETZ-ZEITUNG, hat DIE ZEIT alle Chancen.
Meine Meinung dazu ist, dass man seine Meinung im Internet wunderbar kundtun kann.
Und ist nicht gerade der freie Informations- und Meinungsaustausch ein elementarer Bestandteil des Internets?
Diese Argument ist also kein echtes pro gedruckte Zeitung.
Richtig: Auf den Inhalt kommt es an und dass er zugänglich ist, nicht auf das Medium.
Falsch: Journalisten sind nicht die einzigsten Experten. Nur hatten sie dank quasi Allmacht über den Inhalt gedruckter Zeitungen ein quasi Monopol auf das, was gemeinhin zugänglich ist.
Die Meinung von Journalisten kann nachwievor gehört werden - auch über das Internet. Nur sind sie nicht mehr die einzigsten, die zu einem großen Publikum kommen können.
Experten zu spezifischen Themen findet man heute vorallem in den Foren des Internet. Hier findet man häufig schneller und passenderen Rat, als wenn man sich ausschließlich auf gedruckte Zeitungen verlassen würde.
Es ist müßig alles auf andere Faktoren zu schieben. Wenn man eine Tageszeitung liest, dann packt einen immer wieder das kalte Grausen. Rechtschreibfehler ohne Ende, mal wird eine Milliarde mit einer Million verwechselt, Grafiken sind gezinkt (0 ist abgeschnitten, damit es dramatischer aussieht), Hintergrundwissen wird höchstens noch im Wissenschaftsteil vermittelt, Artikel stellen häufig nur die Meinung der Redaktion dar. Diese Liste kann man wohl beliebig verlängern. Was mich aber am meisten nervt: Warum nimmt der Boulevard-Teil dermaßen überhand, ist das der Todeskampf der Tageszeitung? Nach dem Studium der lokalen Tageszeitung, weiß ich wohl mehr über Anna Nicole Smiths exzentrisches Leben, Paris Hiltons Eskapaden und daß wieder irgendjemand 'not amused' ist. Gleichzeitig werde ich bei einer Präsidentschaftswahl im Nachbarland über das Ergebnis informiert, nie aber über Programme der Kandidaten/Parteien und Hintergründe.
So kann man eigentlich nur noch die lokalen Tageszeitungen abschreiben. Lesezeit im Käseblatt ist verlorene Zeit. Wozu sollte man dafür noch Geld ausgeben?
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