Eine Doppelpremiere: Zum ersten Mal seit 43 Jahren erschien ein Moskauer Staatschef auf der Münchner Sicherheitskonferenz; dann hielt er eine Rede, wie man sie im Westen seit Sowjetzeiten nicht mehr gehört hatte. Sie ließ »selbst abgebrühte Konferenzteilnehmer aufschrecken«, notierte die FAZ. Sollte dies etwa der Auftakt zu einem neuen Kalten Krieg gewesen sein? Der russische Präsident Wladimir Putin auf der Münchener Sicherheitskonferenz am 9. Februar BILD

Wie gespenstisch die Frage im Raum stand, zeigte sich an den beschwörenden, beschwichtigenden Reaktionen aus deutschem wie amerikanischem Munde. Die Kanzlerin und ihre Minister versuchten das Gespenst zu ignorieren, SPD-Chef Beck wies die Frage gar strengen Wortes zurück; ihn hätte Putins »Offenheit beeindruckt«. US-Verteidigungsminister Gates machte Witze: Putins Rede hätte ihn mit »Nostalgie für die schlichteren alten Zeiten erfüllt«, und »ein Kalter Krieg« sei »genug«. Präsidentschaftskandidat McCain wünschte sich eine Welt ohne »unnötige Konfrontationen«.

Natürlich dräut keine Neuauflage des Kalten Krieges; dazu fehlt schon der Clash jener messianischen Ideologien, die den Machtkampf von 1945 bis 1985 ins Unerbittliche gesteigert hatten. Es wird auch keinen Aufmarsch der Millionenheere geben, die sich weiland mit gebleckten Zähnen gegenüberstanden. Doch ließ Putins Attacke gegen Amerika und Nato einen »Paradigmenwechsel« aufscheinen, der nicht an 1945 ff., sondern an das 19. Jahrhundert erinnerte. »Wir sind wieder da« war ein Motiv, aber »Wir fühlen uns eingekreist« ein zweites. Für seine Sicherheit müsse Russland selbst sorgen, gegen die »ungezügelte Hypermacht« Amerika beanspruche Russland ein Vetorecht; nur der UN-Sicherheitsrat dürfe Gewaltanwendung beschließen. Dann bedankte er sich artig bei den »deutschen Kollegen« für ihr Wohlwollen. Schließlich ein Schuss Zynismus: »Im Irak werden mehr Journalisten ermordet als in Russland.«

Moskaus alt-neues Paradigma heißt »klassische Machtpolitik«: Den Stärksten zurückdrängen, seine Bündnisse auseinanderdividieren; des Rivalen Verlust ist mein Gewinn. Derlei Realpolitik hat nichts Ehrenrühriges; auf diesem Sockel ruht letztlich alle Außenpolitik. Nur steht sie im krassen Kontrast zum »europäischen Paradigma« des 21. Jahrhunderts. Dieses definiert Konfrontation als Gräuel, Kooperation als Segen. Sicherheit ist stets eine gemeinsame, Macht gehört eingehegt in internationale Institutionen. Soft power schlägt hard power, es gilt »die gemeinsame Verantwortung gegenüber globalen Herausforderungen«, wie Merkel ihre Münchner Rede überschrieb. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD