Sonntags-Talk Liebe Anne Will

Wie kann die Politik zurück ins Fernsehen finden? Ein offener Brief aus aktuellem Anlass

Eines vorweg: Wenn Sie diesen Brief in den Schredder pfeffern wollen, bin ich keine Sekunde böse. Sie haben sich ja schon einiges an Quatsch anhören können die letzten Tage: »Was trägt die Nachrichtenfrau eigentlich unterm Tisch?« – »Wird sie Röcke tragen?« – »Kann Anne Will es?«

Wahrscheinlich ist Ihr Bedarf an guten Ratschlägen bis zur Sommerpause also gedeckt. Danach soll es losgehen mit Ihnen als Nachfolgerin auf dem Sendeplatz von Sabine Christiansen. Wenn ich Ihnen trotzdem schreibe, dann weil ich zum Volk der Christiansen- Schwindler gehöre. Wenn mich montags jemand auf der Arbeit fragt, hast du das und das gestern bei Christiansen gesehen, sage ich ja, ja, aber in Wahrheit hatte ich nicht mal eingeschaltet. Irgendwann auf ihren langen zehn Jahren hat mich die Sendung verloren. Bei der anderen Hälfte der Christiansen- Schwindler läuft die Runde zu Hause noch, nur dass keiner mehr hinguckt. Wir, die beiden Teile der Christiansen- Müden, hoffen auf Ihr Kommen wie einst die Deutschen auf Besuche von Michail Gorbatschow: Komm und mach, dass alles Graue sich in Freude wandelt.

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Dabei ist das Problem von Sabine Christiansen gar nicht Sabine Christiansen. Oft wurde gesagt, sie stelle die falschen Fragen oder gar keine oder kreuze die Beine zu viel. Alles Quatsch. Das Problem dieses Talks ist sein Politikverständnis: Die Politik am Sonntagabend war noch künstlicher, als sie es von Montag bis Freitag im Bundestag ist. Mir war, wenn Sie so wollen, der Synthetikanteil zu hoch – und zwar im Sendekonzept, nicht in der Garderobe der Moderatorin. Bis mir das aufging, hatte es eine ganze Weile gedauert, denn die Sendung segelt ja unter dem Ruf, die unterhaltsamere Version von Parlamentsfernsehen zu sein. Tatsächlich geht sie so nervtötend unterhaltsam mit der Politik um, wie es Populisten tun: Sie sucht den Showeffekt durch Überzeichnung beim Thema und im Ton. »Geht morgen die Welt unter?« ist der ewige Titel ihrer Talks, und genauso stereotyp lautet stets das Schlussplädoyer der Moderatorin: Geht die Welt unter? Nicht wenn wir uns alle ganz, ganz dolle anstrengen.

Eine gute Sendung über Politik lebt von der richtigen Haltung zur Politik. Wenn Sie jetzt an Ihrem Konzept basteln, wäre dies meine erste Bitte: Verschwenden Sie nicht zu viel Grips auf Gimmicks und Formate. Ich weiß, viele Fernsehkritiker schwärmen Ihnen von Frank Plasberg vor und seiner Scharfrichterhand, die Politikern das Wort abschneidet oder das Publikum bestimmen lässt. Doch erstens macht das ja schon Frank Plasberg so, bald sogar wie Sie im Ersten, und zweitens ersetzen Instrumente keine Haltung.

Eine Haltung – eine journalistische wie persönliche – kann einem niemand aufschwatzen. Dass Sie die richtige Haltung schon mitbringen, egal, wo Sie sie herhaben, glauben ziemlich viele Leute. Und warum würde ich Ihnen sonst schreiben? Sie seien, meinte neulich eine Bewunderin, das Ideal zwischen »Menschbleiben und Profi-sein-Müssen«. Jetzt haben Sie plötzlich ganz schön viel Macht. So zersplittert, wie die Fernsehlandschaft ist, wird Ihre Sendung einer der Dorfplätze sein, an dem Deutschland sich zum Selbstgespräch trifft. Trotzdem, wenn ich Ihnen sage, was mein Anspruch an Sie und Ihr Team ist, zeigen Sie mir womöglich den Vogel: Retten Sie die Politik vor sich selbst.

Leser-Kommentare
    • keox
    • 18.02.2007 um 16:18 Uhr

    ich kann jeden verstehen, der beim zappen mal unangemessen lange bei blond am sonntag hängen blieb, und sich eher die zunge abgebissen hätte, als diese peinlichkeit zuzugeben.

    daß allerdings jemand um seine reputation fürchten könne, wenn er zugäbe, dieses deppentheater nicht verfolgt zu haben - das scheint völlig abstrus, es wird noch mehr ZEIT brauchen, bis mir das plausibel scheint.

    ansonsten: 'retten Sie uns vor uns selbst' bittet untertänigst herr schwarz - vielleicht kann ihm ja ein/e begabte/r praktikant/in bei einem wochenendseminar mal zeigen, wie ein TV ausgeschaltet wird - , und fährt mit seiner wunschliste fort.

    was aber soll diese ansammlung von mindestanforderungen? im grunde genommen ist es eine unverschämtheit - eine moderatorin, an die man solche basalen forderungen/bitten eigens richten müßte, wäre wohl kaum fähig, sie umzusetzen.

    was mich viel eher beschäftigt: der spannungsbogen zwischen wunsch und wirklichkeit.

    die aufrichtigen, kompetenten, vertrauenswürdigen gesprächspartner wird sie in der politik kaum finden - das aber ist natürlich auch als chance zu betrachten: der konsequente verzicht auf diese unerfreuliche spezies könnte der sendung zu unerhörter seriösität verhelfen.

    wir werden sehen. schlimmstenfalls sitzt frau will allein in der sendung und führt selbstgespräche - das bisherige niveau wird sie auch solcherart mühelos toppen. wetten daß?

  1. @keox - Alles klein geschrieben, nicht mal am Satzanfang ein Großbuchstabe! Wer schütz Deutschland vor solchen die deutsche Schriftsprache verkrüppelnden 'Interlektuellen' wie Ihnen? Pseudoprogressives Banausentum ist das, typisch linker Prägung.

    Ich fordere im Interesse der deutschen Kultur, eine derartige Verunglimpfung der deutschen Schriftsprache endlich unter Strafe zu stellen.

    PS: es ist wahr, ich habe liebe genossen!

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