Anti-Politiker Alle außer mir

Ein neuer Typus macht sich breit: Der Anti-Politiker. Er lebt von Vorbehalten gegenüber der Politik – und er fördert sie.

Sie standen sich nie nahe, obwohl sie viel gemeinsam hatten. Horst Seehofer und Friedrich Merz, die beiden auffällig großen Fachpolitiker der Union, verfügten über fast alles, was Politikern normalerweise Ansehen verschafft: Intelligenz und Erfahrung, Fachkompetenz und Humor. Allerdings waren ihre überdurchschnittlichen Fähigkeiten stets gekoppelt mit einer unterdurchschnittlichen Neigung und Fähigkeit, sich anzupassen. Der eine, Seehofer, war Merkel zu links, als diese wirtschaftsliberal war und für Steuersenkungen und die Gesundheitsprämie stritt. Der andere, Merz, fühlt sich heute zu liberal für die Merkel-CDU, die mittlerweile in der großen Koalition regiert. Momentan trennen sich ihre Wege: Während Seehofer Anlauf nimmt auf das Spitzenamt seiner Partei, verkündete Merz für das Jahr 2009 den Rückzug aus der Politik , er will nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Der eine wird Generalist, der andere Separatist.

Als Fachleute haben beide ihre Parteien geprägt, allerdings hat keine Parlamentsrede, kein Talkshow-Auftritt und kein Konzept ihnen in der Öffentlichkeit jemals so viel Zustimmung verschafft wie der Verzicht auf Ämter – das ist eine wenig beachtete Gemeinsamkeit, die aber einiges über den Zustand des politischen Systems verrät. Nie war Merz so beliebt wie zu dem Zeitpunkt, als er seine Ämter in Fraktion und Partei abgab – wochenlang stand er in allen Beliebtheitsrankings auf Platz zwei, unmittelbar hinter Joschka Fischer. Auch sein neuerlicher Rückzug hat ihm mehr Lob verschafft als sein stilles Abgeordnetendasein zuvor.

Ähnlich erging es Seehofer, der nach langem Streit um die Gesundheitspolitik auf seine Posten in der Fraktion verzichtete. Den Aussteigerbonus hatte er schon zuvor genossen, als er sich nach einer schweren Herzmuskelerkrankung Ruhe verordnete, zeitweise viel weniger arbeitete und in Interviews über die »Droge Politik« und die Abhängigkeit von der Macht laut nachdachte.

Was aber ist los in der Politik, wenn der Verzicht auf Macht populärer ist als die Anwendung von Macht? Was bedeutet es für die Parteien, wenn es immer attraktiver wird, sich am eigenen Betrieb demonstrativ zu reiben? Als »parasitäre Publizität« geißelte schon Franz Josef Strauß einst jeden Versuch in seiner Partei, zulasten der eigenen Riege öffentliche Zustimmung zu erreichen. Strauß war selbst ein Meister dieses Spiels und deshalb nicht glaubwürdig, aber sein Begriff ist treffend. Dass einzelne Politiker sich abwenden von ihren Parteien oder vom Parlament, sollte kein Grund zur Sorge sein; hierzulande ist es vor allem deswegen bedenklich, weil der Weg von innen nach außen leichter ist als zurück.

Gefährlich ist es, wenn der Aufstieg ohne Distanz zur eigenen Kaste kaum noch möglich scheint und wenn Anti-Politiker offen oder unterschwellig Verachtung gegenüber der politischen Klasse schüren. Das ist im Einzelfall unfair und als Massenphänomen gefährlich. Gerade in der Großen Koalition ist die Sehnsucht nach klaren Profilen groß. Der Zwang zu schwierigen Kompromissen mit dem einstigen politischen Gegner verstärkt beim Volk wie bei den Politikern selbst die Sehnsucht nach Überzeugungstätern – und verringert gleichzeitig deren Möglichkeiten.

Der Rückzug von Friedrich Merz kam für die meisten Weggefährten und Beobachter nicht unerwartet. Beachtung findet er vor allem, weil er die Krise der etablierten Politik zu zeigen scheint. Die missglückten Großreformen für Arbeitsmarkt und das Gesundheitssystem sorgen für Zweifel an der Gestaltungskraft der Politik, Umfragen zeigen schwindendes Zutrauen der Bürger zu den Volksparteien. In Frankreich, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten reüssieren Kandidaten wie Segolène Royal, David Cameron, Hillary Clinton oder Barack Obama, wenn sie für einen neuen Politikstil oder Distanz zum politischen Establishment stehen.

Im Lager der Regierung ist vor allem die Stimmung in den Fraktionen schlecht, anders als im Kabinett. Der Satz von Fraktionsvize Wolfgang Bosbach, die Große Koalition habe mehr Frustrationserlebnisse gebracht als sieben Jahre Opposition, gilt als Indikator für die Gemütslage der Union. Die Sozialdemokraten verstörte die Abstimmung über die Gesundheitsreform; nur vier von elf Fachleuten der SPD-Fraktion unterstützten das Gesetz der eigenen Ministerin Ulla Schmidt.

All das wird eifrig aufgenommen von einer gelangweilten Hauptstadtpresse. Während der einzelne Abgeordnete eher dazu neige, die Krise zu unterschätzen, werde sie von den Medien momentan überhöht, sagt Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU). In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Hauptstadtkorrespondenten an einen permanenten Erregungszustand gewöhnt, ausgelöst durch die schnelle Abfolge von CDU-Spendenaffäre und Regierungsumzug, erster deutscher Kriegsbeteiligung, den ersten grünen Ministern im Kabinett sowie, nach Neuwahlen, der ersten Frau im Kanzleramt. Nun sind viele professionelle Deuter auf Entzug. Die Rückkehr zur Normalität schafft schlechte Laune, nicht Erleichterung.

Dabei wird übersehen, dass weit vor dem Beginn der Großen Koalition der Aufstieg einzelner Anti-Politiker begann. So hat sich Gerhard Schröder lange Jahre gegen seine Partei profiliert. Schon vor seiner Kanzlerkandidatur gab Schröder den Genossen der Bosse, der vor Managern die SPD großzügig mit einem Schafstall verglich: »Von draußen riecht es zwar ein bisschen, aber drinnen ist es schön warm.«

Stänkereien gegen den einstigen Parteichef Rudolf Scharping erhöhten den Marktwert – je verstaubter die SPD damals wirkte, desto heller strahlte Schröders Glanz. Auch Joschka Fischer kokettierte stets mit der Distanz zu seinen Grünen, und später bekamen Horst Köhler und Gesine Schwan bei ihrem Wettlauf um das Präsidentenamt gerade deswegen viel Zuspruch, weil man sie nicht als typische Politiker sah. Als Bundespräsident zehrt Köhler bis heute von diesem Ruf.

Indem sie sich auf Kosten ihrer Kaste profilieren, zwingen Politiker wie Schröder andere dazu, ihrem Beispiel zu folgen. Wirtschaftsminister Michael Glos ist ein Beispiel dafür, wie schwer ein Politiker es inzwischen hat, der ganz und gar nicht zum Anti-Politiker taugt. Der CSU-Mann verdankt seinen Aufstieg vor allem Strippenzieherqualitäten, die ihn in der Amtszeit von Helmut Kohl zu einem der einflussreichsten Unionspolitiker machten. Heute gilt er als einer der Schwächsten in Merkels Kabinett, was auch daran liegt, dass gerade Manager und Unternehmer als Manko sehen, was einst als Stärke des Ministers galt. Glos war lange der Mann für den Kompromiss im Hinterzimmer, für das Austarieren von Parteiinteressen. Dass Wolfgang Clement, der Vorgänger von Glos, auf SPD-Parteitagen meist schlechte Ergebnisse erzielte, verschaffte ihm in den Reihen der Bosse auch Sympathie.

Was aber geschieht im politischen System, wenn vor allem derjenige Erfolg hat, der sich offen oder verdeckt gegen die eigene Kaste profiliert und die virtuose Distanzierung über Karrieren entscheidet? Entscheidend ist, wie Anti-Politik aussieht – und wie viele dabei mitmachen. Die Skepsis gegenüber den Mächtigen und die Sehnsucht nach den ganz anderen, authentischeren Volksvertretern gehört vermutlich gerade in Deutschland zur Politik. Davon zu profitieren ist noch keine Anti-Politik. Zeitweise ist das den Grünen als Vertreter der Anti-Parteien-Partei gelungen, dann wieder Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit seiner Parteienkritik und manchmal sogar Angela Merkel, die dank ihrer ostdeutschen Herkunft und ihres Geschlechts solche Hoffnungen weckt.

Die ironische Distanzierung von politischen Ritualen und von den Insignien der Macht ist die freundliche Spielart der Anti-Politik, ohne die kein Spitzenpolitiker mehr auskommt. Wenn Parlamentspräsident Norbert Lammert mit Ironie vom Parlament als »Hohem Haus« spricht, macht das die Institution sympathisch, nicht lächerlich. Wenn Gerhard Schröder betonte, »wir fahren nicht vor, wir kommen einfach«, oder wenn Joschka Fischer erklärte, seine edlen Dreiteiler trage er »wie einen Blaumann« und bleibe privat der Lederjacke treu, stimmte das zwar nie ganz, richtete aber auch keinen Schaden an.

Erst wenn zu viele Spitzenpolitiker behaupten, mit ihrer Partei oder gar ihrem Berufsstand sei etwas nicht in Ordnung, darf sich niemand darüber wundern, wenn der Wähler das irgendwann glaubt. Ist es so weit gekommen, gelangt aber kaum jemand an die Spitze, der nicht zumindest gelegentlich den Eindruck erweckt, er sei eigentlich ganz anders als der Rest. Schon heute muss jeder Politiker, der Erfolg haben will, auch ein wenig Anti-Politiker sein.

Gegen Ende der rot-grünen Jahre warnte der damalige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz deswegen vor amerikanischen Verhältnissen. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat habe dann die größten Chancen, wenn ihm genau das fehlt, was beim Regieren hilft: Erfahrung mit dem politischen Betrieb, Verbindungen in Washington. Oder er muss es zumindest glaubwürdig behaupten. So stiegen der Exfarmer Jimmy Cartner und der ehemalige Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan auf. Als Anti-Politiker kommt man rein ins System, aber nicht unbedingt weiter. Ein Kandidat braucht andere Fähigkeiten als Amtsinhaber.

In Deutschland würde es schon helfen, daran zu erinnern, wie schwer sich Quereinsteiger im politischen System meist tun – der ehemalige SPD-Arbeitsminister Walter Riester etwa oder sein Wirtschaftskollege Werner Müller. Besonders dramatisch misslang der Einstieg von Gerhard Schröders Kurzzeitkandidaten und designiertem Wirtschaftsminister Jost Stollmann, der nach dem rot-grünen Wahlsieg gar nicht erst ins Amt gelangte.

Es ist leicht, die Suche nach Verbündeten oder die Verständigung auf Kompromisse zu kritisieren – und unmöglich, ohne sie Politik zu machen.

Zuletzt erlebte Merkels Überraschungskandidat im Wahlkampf des Jahres 2005, Paul Kirchhof, dass es ohne Erfahrungen im politischen Betrieb kaum geht. Sein Wahlkampf kippte, als er von Wählern für sein Auftreten als Anti-Politiker gelobt wurde und immer wieder zu hören bekam, er sei auf wohltuende Weise anders als der Rest. Das ermunterte ihn, in seinen Forderungen immer mutiger zu werden – und das wurde ihm schließlich zum Verhängnis.

Die erfolgreichsten Anti-Politiker haben, wie Schröder oder Seehofer, meist lange politische Karrieren hinter sich. Wer mit Erfolg über Tagesordnungstricks und Hinterzimmerkungeleien herziehen will, muss sie offenbar wirklich gut kennen.

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Leser-Kommentare
  1. Blüm: 'Die Renten sind sicher.'
    Kohl: 'Die deutsche Einheit bringt blühende Landschaften.'
    Müntefering: 'Es ist gemein, wenn der Wähler uns an unseren Wahlversprechen misst.'
    Ich: 'Politker sind fähig, gerecht und der Gesellschaft und den Interessen der Allgemeinheit verpflichtet, halten sich an das Grundgesetz und verstehen soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge. Ich kann ihnen vertrauen.'
    Hinweis: Ich war jetzt genauso ehrlich und überzeugt wie Politiker.

    • keox
    • 20.02.2007 um 22:08 Uhr

    schröder, clement, müller und konsorten - antipolitiker? und fischer, der beglücker jugoslawiens? wie kommt man denn auf so ein schmales brett.

    berufspolitiker als kaste dienen als majordomus eines gesellschaftlichen systems, als übermittler zwischen herr und knecht. ihre dienstbefähigung erwerben sie durch nachweis hoher wählerquoten.

    formaler rahmen dieser übersetzerfunktion ist eine demokratie, die die bevölkerung turnusmäßig zur wahlurne bittet, um wenigstens den anschein der beteiligung zu wahren. wer jetzt stutzt, der souverain wird 'beteiligt' - dranbleiben!

    nebenbei - die wahlurne trägt ihren namen zu recht. in ihr sind die hoffnungen, die rechte, die selbstbestimmung, kurz- alle illusionen der wähler begraben.

    kein wunder, daß die wahlbeteiligung stetig sinkt, einem politiker zu trauen gilt mittlerweile als nachweis schlichten gemütes. daran scheinen weder flächendeckendes tittitainement, massiver einsatz durchweg affirmativer medien noch treuherzige versprechungen des politischen personals etwas zu ändern. der desillusionierung erster teil.

    kommt dann ein schröder dazu, der nicht nur unter bruch von wahlversprechen komplett an seinen wählern vorbeiagiert, indem er das flächendeckende lohndumping zur ultima ratio seiner politik macht, vor allem die unproduktiven mindermenschen auf trocken brot setzt und durch massive angriffe auf den sozialstaat die versicherungswirtschaft beflügelt, um sich dann solchermaßen qualifiziert dem club der wirklichen entscheider eine stufe direkter anzudienen - ja dann wird die illusion vom volk als politikentscheider gleich doppelt gebrochen.

    daß dabei die eigene partei en passant in schutt und asche gelegt wird ist ein läßlicher kollateralschaden - daß von dieser partei nichts zu erwarten ist weiß man, seitdem der kaiser zu den waffen rief - schlimmer für die medien scheint zu sein, daß solchermaßen die illusion von politik als interessenvertretung des volkes immer brüchiger wird.

    schröder dient hier nur als beispiel, der lautsprecher clement - in jeder hinsicht nummern kleiner, doch gleich gestrickt, hat ja nun auch sein warmes plätzchen gefunden, müller, ganz im trend der zeit, schuf sich seinen arbeitsplatz gleich selbst, und was von friedensaktivisten zu halten ist, haben sie einmal blut geleckt, zeigt uns joseph fischer. die bundeswehr in jugoslawien zeigt, der platz an der sonne ist kein ausschließliches ziel von mallorcaliebhabern.

    alles in allem scheint sich der so genannte anti-politiker im kern dadurch auszuzeichnen, daß man die partei nutzt, um sich die erforderliche reputation zu erwerben, auch als außenseiter direkteren zugang zu den wirklichen entscheidern in der wirtschaft zu erlangen.

    insofern ist es folgerichtig, daß die interessen der jeweiligen partei am mittlerweile vergoldetem gesäß vorbeigehen.

    ob sich diese mechanismen allerdings als erkenntnisgewinn in der bevölkerung niederschlagen, und mit welchem ergebnis, bleibt fraglich.

    noch gilt, wie schon erich ludendorff zugeschrieben, die einschätzung, daß „das Menschenmaterial des Verwertungsprozesses in keiner anderen Staatsform so widerspruchslos und kostengünstig an der Leine geführt werden kann wie in der Demokratie“

  2. 3.

    Ich glaube nicht, dass erst Aussteiger wie Herr Merz etc., die wenn sie die Politik verlassen noch einmal kräftig nachtreten, von nöten sind, dass der Bürger seine Antipathie gegen die Politikerkaste pflegt. Es ist vielmehr ein weiteres Indiz dafür, dass die heutige Politik von moralischer Korruption durchsetzt scheint; dass führende Menschen, die sie in ihrem Bericht für intelligent halten, es noch nicht einmal bemerken, dass sie unglaubwürdig erscheinen, wenn sie erst in der Stunde ihrer Abdankung es fertig bringen, mit der Wahrheit heraus zu rücken. So haben es bereits unzählige vorgemacht. Blüm wurde zum Ritter des kleinen Mannes, wogegen er zu Zeiten Kohls vom klassischen Untertanengeist getrieben wurde. Geißler, und wie sie alle heißen, haben es ihm leidlich nachgemacht. Ich will ihnen sagen, warum Politikverdrossenheit unter den Bürgern entsteht: Weil unsere Intelligenz beständig beleidigt, mitunter vergewaltigt wird, daher kommt der Unmut!

    • Colon
    • 20.02.2007 um 1:24 Uhr

    „Anti-Politik“, das war und ist ein feststehender Begriff für die ehemalige Opposition im Osten und teilweise auch für außerparlamentarische Politik im Westen. Tatsächlich gibt es öffentlich bekannte „Anti-Politiker“ (m/w). Der bekannteste ist Václav Havel. Ehemals gehörte dazu auch die Führungsriege der Solidarność. Kennzeichen der „Anti-Politik“ war, abgesehen von der Wiederbelebung basisdemokratischer Tugenden, die Schaffung eines Bündnisses oder einer Bewegung für ein oder einige wenige gesellschaftliche Themen. Das gelang so unterschiedlichen
    Kräften, wie den Bürgerrechtlern im Osten und andererseits der „grünen Bewegung“.

    Das gedankliches Vorauseilen und der anstrengende demokratische Findungsprozess kosteten jedoch Kraft, verschliss die Aktiven und legen ihnen den Umstieg ins gewohnte Umfeld der Politik oder Wirtschaft nahe, um man nicht im persönlichen Engagement finanziell und familiär unterzugehen. Daher materialisierten sich die „Grünen“ und „Solidarność“ als Partei, mit der Folge, dass deren Politik und deren Personen heute so daher kommen, wie die anderen, die immer schon da waren. - Jetzt muss Frau Künast als Dauermeckerlieschen auf allen Kanälen antreten und sich der Häme aussetzen, sie hätte doch Zeit und Macht in Händen gehalten.

    Alles, was irgendwann einmal „antipolitisch“ im Ursinne war, wurde medialisiert und erscheint nun, sogar im Gesichtsausdruck und äußeren Auftreten nivelliert, präsentabel. Vom notorischen Tantenlächeln der Emanzipation, über Fischers weltinnenpolitische Sorgenfaltenstirn, bis zu Kurt Lauterbachs bübisch gesunder Renegatenhaltung mit Propeller unterm Kinn.

    Erschreckend, liebe Frau Niejahr, ist nicht die bröckelige, sehr erfolgsabhängige Solidarität innerhalb der parlamentarischen Wahlvereine, das ist, angesichts der formidablen Gestaltungsmehrheit der großen Koalition, eher eine Arabeske des Parlamentarismus, sondern die weitgehende Verlagerung der richtungsentscheidenden Macht auf Exekutivorgane und kleine Gesprächszirkel.

    Friedrich Merz und Gerhard Schröder auch nur in die Nähe des Begriffs des „Antipolitischen“ bringen zu wollen, ist wagemutig. Die planten früh schon mit ihren Parteien und wurden entsprechend früh gefördert. Bei Josef Fischer könnte man versucht sein, die Wandlung vom „Anti-Politiker“ zum „Politiker“ aufzuzeigen. Vielleicht genügten dem visuell geschulten Beobachter sogar einige datierte Fotografien von Barbara Klemm und Herlinde Koelbl.

    Das partizipative Konzept der französischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal, es wäre tatsächlich eines gegen die derzeit vorherrschende Ideologie aus Machtanspruch, Nähe zur angeblich vorhandenen wirtschaftlichen Effizienz und Karrierebewusstsein einzelner Politiker.
    Ihr größtes Manko allerdings, die fehlende mediale Vermittlung, die naturgemäße Verlangsamung der Entscheidungsprozesse und die mangelnde Personalisierbarkeit der Ergebnisse, kostet sehr viele Wählerstimmen. - Gut studieren lassen sich solche Phänomene am kontinuierlichen Bedeutungsverlust von Initiativen wie der „Agenda 21“ und umgekehrt, dem gezielt aufgebauten Aufstieg seltsamer Gebilde, wie der „Initiative Neue Sozialen Marktwirtschaft“. Letztere umflort die TED gestützte Propaganda der Wirtschaft mit Honoratiorenboards.

    In den Dimensionen neuartig sind politisch wirken wollende Zusammenschlüsse von Wirtschaftsleuten, reichen Privatiers und Menschen aus dem Großraum „Infotainment“, die Weltenrettungspläne hegen, gute Taten bei Gala Veranstaltungen abfeiern und Geld als
    Machtinstrument für relativ umrissene Ziele einsetzen, im Tausch für mediale Anerkennung, gar Zuneigung. - Dafür ist aber der Begriff „Anti-Politik“ wirklich nicht passend, auch wenn es Bambis, goldene Medienpreise, Friedensbären und marktwerte Börne-Preise nur so hagelt.

    Wollte man sich des Themas „Anti-Politik“ von dieser Seite nähern, dann ergäbe es sich, dass derzeit ein Transformationsprozess in den westlichen Demokratien einsetzt, der einer breiter gewordenen Schicht von sehr Vermögenden und Anghörigen der Dienstleistungseliten (auch Medien!) große informelle Mitspracherechte, und über Einfüsse auf die Auswahl des Angebots an wählbaren und medial vermittelbaren Personen ganz konkret Macht zubilligt, die so verteilt, nicht Grundlage unserer Verfassung ist. Der politische Input bleibt, fast unverändert, in wenigen festen Händen. Der Zeitpunkt rückt näher, zu dem dies regelmäßig offen eingestanden wird und trotzdem folgenlos bleibt.

  3. Ein Artikel, der wohl nach einer durchzechten Fastnachtnacht entstanden ist.

    Die Wähler brauchen keine Spitzenpolitiker, die behaupten, mit ihren Parteien oder dem Berufsstand der Politiker sei etwas nicht in Ordnung. Die Wähler haben das schon lange gemerkt..

    Friedrich Merz als Anti-Politiker zu bezeichnen? Wie kommen Sie denn darauf Frau Niejahr?? Kaum ein anderer hat es verstanden, seine berufliche und politische Karriere miteinander so erfolgreich zu verquicken.

    Ihr postulierter Anti-Politiker ist ein Fake, Frau Niejahr !!! Eine Ausgeburt egozentrischen Marketings, damit die dummen Kälber ihren Metzger bereitwilliger wählen. Selbst bei den Grünen würde nie ein Anti-Politiker bis an die Spitze auch nur eines Kreisverbandes vordringen.

    Vielmehr haben alle Beispiele, die sie aufgezählt haben, den Höchstgrad ihrer parteilichen Möglichkeiten zur Realisierung ihres Eigennutzes erreicht.

    korfstroem

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  • Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
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