FrauenboxenDurchgeboxt

Susianna Kentikian floh aus Armenien nach Hamburg – und hofft immer noch auf einen deutschen Pass. Jetzt will sie Boxweltmeisterin werden. von Anne-Dore Krohn

Der Unterschied ist, dass bei ihr keiner mit der Kamera dabeistand und filmte. Die Szenen durften auch nicht wiederholt werden, wenn sie nicht gleich klappten. Und es gab in jeder Situation nur eine Chance. Doch sonst ist Susianna Kentikians Lebensgeschichte wie eine Boxstory im Film – eine, die zeigt, wie man es schaffen kann. Sie hat etwas von Sylvester Stallones Aufsteigerepos Rocky und Clint Eastwoods Milieudrama Million Dollar Baby . Sie erzählt von einer jungen Armenierin, die alle Susi nennen, und die sich verwandelt, wenn sie in den Ring steigt. Dann verschwindet das Lächeln der 19-Jährigen und alles Mädchenhafte, aus ihrem Mund kommen kehlige Laute. Ihre 14 Profikämpfe hat sie alle gewonnen, 11 endeten mit dem K. o. der Gegnerin. Ihr Spitzname ist »Killer Queen«.

Es gibt vier internationale Box-Organisationen, die Weltmeistertitel in den verschiedenen Gewichtsklassen verleihen – um einen wird Kentikian am Freitag in Köln kämpfen. Die Auseinandersetzung um den WBA-Titel im Fliegengewicht wird live im Fernsehen übertragen. Jahrelang hat Kentikian darauf hingearbeitet, mit 1,53 Meter Körpergröße die kleinste Profiboxerin Deutschlands. Sie ist eine der Frauen, die als Nachfolgerin der bekanntesten deutschen Profiboxerin Regina Halmich gehandelt werden, Halmich will dieses Jahr ihre sportliche Karriere beenden.

Anzeige

Susianna Kentikian kommt von dort, wo einem populären Mythos zufolge alle Boxer herkommen: von ganz unten. 1992 verschlug es ihre Familie nach Hamburg, auf der Flucht vor Unruhen in Armenien. Über die ersten Jahre in Deutschland sagt sie nüchtern: »Wenn ein Problem erledigt war, kam das nächste.« Sie sitzt in einem Restaurant in Hamburg-Wandsbek. Dort ist auch das Unternehmen zu Hause, bei dem sie unter Vertrag steht, der Boxstall Spotlight. Bestellen möchte sie nichts, sie hat heute schon Schwarzbrot und Sushi gegessen. Sie muss auf ihr Gewicht achten, in der Fliegengewichtsklasse darf sie nicht mehr wiegen als 50,8 Kilogramm. »Das ist der erste Kampf«, sagt sie, »das Gewicht zu halten.« Sie hat sich schick gemacht, trägt eine glänzende schwarze Hose, Stiefel mit Schnallen, eine weiße Strickschirmmütze. Es wird an diesem Tag Fotoaufnahmen geben, ein Probe-Sparring mit dem Trainer, Interviews. Einen Tag vor dem Kampf wird sie im Fernsehen auftreten, mit ihrem Vorbild Regina Halmich.

Bis vor drei Jahren lebte sie mit Eltern und Bruder in einem Asylbewerberheim, zu viert in einem Zimmer. Zuvor, eineinhalb Jahre lang, hieß der Wohnort der Kentikians Bibby Altona: Das Flüchtlingsschiff auf der Elbe ist bekannt für Sanitäranlagen in katastrophalem Zustand, regelmäßige Razzien. Mehr ein Abschiebe- als ein Einreiselager für »Personen ohne Bleiberechtsperspektive«, wie es im Behördenjargon heißt. Die Familie lebte in ständiger Angst, wieder zurückzumüssen nach Armenien. Der Vater wäre dort in den Kriegsdienst eingezogen worden, sagt die Tochter. Es gab Nächte, in denen die Polizei sie zum Flughafen fuhr, und dann, in letzter Minute, durften sie doch bleiben. »Wir haben uns angestrengt, dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Jeder hatte mehrere Jobs. Ich ging nach der Schule in einem Fitnessstudio putzen.« Kentikian hat früh gelernt durchzuhalten, ihre Angst zu besiegen – Tugenden, die ihr auch im Sport nützen. Inzwischen hat die Familie ein Bleiberecht und kann sich eine Dreizimmer-wohnung in der Nähe des Boxstalls leisten.

Wenn Susianna Kentikian boxt, kämpft sie auch für ihre Familie – eine Geschichte, wie sie die Zuschauer lieben. Der Ring verwandelt sich in eine Schicksalsbühne, auf der um Anerkennung gekämpft wird und wo am Ende, ganz archaisch, der Stärkere siegt. »Jenseits des Sports hat sie ein starkes Profil«, sagt Dietmar Poszwa vorsichtig, er ist Geschäftsführer ihres Boxstalls. Poszwa betont, dass viele seiner Boxer nicht dem typischen »Durchbox-Klischee« entsprechen und aus ärmlichen Verhältnissen kommen, sondern aus dem Mittelstand. Viele hätten sogar Abitur.

Am Freitag soll die deutsche, nicht die armenische Nationalhymne gespielt werden. Den deutschen Pass hat Kentikian zwar noch nicht, doch er ist beantragt, für alle Mitglieder der Familie. »Vielleicht geht es schneller, wenn die Behörden sehen, dass ich im Fernsehen bin«, sagt sie.

Um den Hals trägt sie einen Glücksbringer, einen winzigen Boxhandschuh, ihr Vater hat ihn ihr gegeben. Dazu ein in Gold gefasstes Auge. Es stammt von der Mutter, ist »gegen den bösen Blick«. Vor dem Kampf wird sie den Schmuck ablegen müssen. Gegen Carolina Alvarez, ihre Gegnerin aus Venezuela, hat sie noch nie geboxt.

Leserkommentare
    • kb26919
    • 23. Februar 2007 3:52 Uhr
    1. Sorry

    ber fuer mich ist Boxen kein Sport und da ist es mir egal wer sich da pruegelt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service