Waldorfschule»Das sind Fossilien«

Wie viel Erneuerungskraft und wie viel Dogmatismus stecken in der Waldorfschule? Ein Gespräch mit dem Lehrerausbilder Wenzel Götte

Die erste Waldorfschule wurde 1919 für die Kinder der Arbeiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart gegründet. Die Pädagogik der Waldorfschulen fußt auf der »Anthroposophie« genannten Lehre Rudolf Steiners, die Zugang sowohl zu irdischem als auch zu »übersinnlichem« Wissen verspricht.

DIE ZEIT: Viele Reformansätze der Waldorfpädagogik sind heute auch in staatlichen Schulen verwirklicht – von der Ganztagsschule über Unterricht in Projekten bis zu Schulwerkstätten. Hat die Waldorfschule ihre Mission erfüllt?

Wenzel Götte: Nein. Im Gegenteil. Die Waldorfpädagogik ist work in progress. Waldorfschulen entwickeln sich. Dagegen spricht auch der Zulauf, den die Waldorfschulen nach wie vor haben. Zum einen natürlich in den ersten Klassen, für die es weit mehr Anmeldungen gibt, als wir Plätze haben. Aber auch nach dem Ende der Grundschulzeit, weil viele Eltern nicht damit einverstanden sind, wie die Kinder in den staatlichen Schulen selektiert werden.

ZEIT: Also ungebremstes Wachstum?

Götte: Mein Eindruck ist, dass wir die Gründungen etwas bremsen müssen, bis sich die Lehrersituation verbessert hat. Gegenwärtig haben wir aus der Not heraus gelegentlich auch Lehrer an den Waldorfschulen, die nur einen Job machen. Wir brauchen aber engagierte Kollegen. Bei allen Meldungen über einen angeblichen Boom der Schulen in freier Trägerschaft darf man nicht vergessen, dass mit etwa 80000 Kindern an rund 200 Waldorfschulen nur 0,6 Prozent der deutschen Schüler zu uns kommen. Faktisch gibt es doch in Deutschland ein staatliches Bildungsmonopol.

ZEIT: Viele Eltern schätzen an der Waldorfschule, dass es keinen Notendruck gibt und dass die Kinder nicht sitzen bleiben. Mit anthroposophischer Weltanschauung können sie aber wenig anfangen. Kann man sich das nicht sparen?

Götte: Unser Ansatz ist ein ganzheitlicher, da kann man nicht einfach weglassen, was einem nicht gefällt. Das ist, wie wenn man durch Drill ein Instrument gelernt hat und Noten runterspielt, ohne die Musik wirklich innerlich zu durchdringen. Wenn heute Bildungsstandards aufgestellt werden, ist der Ansatz rein kognitiv. Für eine gute Pädagogik müssen aber auch seelische und emotionale Aspekte hinzukommen. Eine Prise Waldorf ist wie Kunst am Bau statt künstlerischen Baus.

ZEIT: Wozu soll das gut sein, wenn 16-Jährige in der Eurythmie weite Gewänder anziehen und sich zu Musik und Gedichten bewegen?

Götte: Unsere Gesten sind Ausdruck unserer Seele. In der Pubertät geht der körperliche Ausdruck oft verloren; wenn Jugendliche an der Bushaltestelle warten, müssen sie sich anlehnen, ihre Arme hängen schlaff herunter. Eurythmie will den Ausdruck fördern. Sie ist ein Ausdruck dessen, was wir seelisch erleben mit dem Körper. Männliche Jugendliche haben eine natürliche Tendenz zu brutalen Akten. Mit der Eurythmie machen sich die Jungs ihren Körper wieder zu eigen, indem sie die Bewegungen durchdringen. Da kann man sich doch vorstellen, dass Hooliganismus aufgefangen werden kann.

Leserkommentare
    • Sus68
    • 19. Februar 2007 14:59 Uhr
    1. Danke!

    Mein erster Gedanke als ich auf der ersten Seite der Zeit unten im kleinen Kasten las: 'Auslaufmodell? Waldorfschulen zwischen Dogma und Erneuerung.' war: Oh nein, nicht schon wieder. Ich habe mich innerlich gekrümmt und zum Artikel 'Das sind Fossilien' weiter geblättert. Auch diese Überschrift machte mich nicht fröhlicher, bis ich las, daß Wenzel Götte, ein Dozent an der freien Hochschule Stuttart interviewed worden war.

    Leider ist der Artikel sehr kurz geraten, aber er zeigt die Gelassenheit und Heiterkeit, die ich auch (neben allem Ernst im Schulalltag) von unserer Waldorfschule kenne.

    Es wird so viel über Waldorfschulen geredet, meist von den Eltern der 99,4 % deutscher Schüler, die nicht in eine Waldorfschule gehen.

    Für mich ist das Konzept mehr als aktuell, denn es vermittelt Menschlichkeit, soziale Kompetenz, eine breite Ausbildung in Naturwissenschaften, Musik, Deutsch, Fremdsprachen, Körpererziehung (Sport, Eurythmie, Rhythmikteil im Unterricht), Einblicke in Handwerkstechniken (14 Gewerke in Kursen). Die Wahrnehmung der Kinder wird auf vielfältige Weise geschult, zu der 'Körpererziehung' kommt für mich da an erster Stelle das Formenzeichnen, das die Kinder Raumwahrnehmung lehrt und ihnen die Möglichkeit zu tiefer Versenkung bietet (ganz nebenbei werden im Formenzeichnen Farben und Formenlehre angelegt und ein Übergang zur Geometrie geschaffen).

    Die Fächer greifen immer wieder von selber ineinander.

    Nicht jedes Kind in Deutschland ist ein Waldorkind, deshalb müssen viele Konzepte nebeneinander stehen dürfen: Waldorf, Montessori, Gesamtschule.... vor allem in ländlichen Gegenden ist das nicht gegeben. Kein Wunder, daß manche Eltern an unserer Waldorfschule Wege von 20km (eine Fahrt) in Kauf nehmen um ihre Kinder zu bringen.

    Für mich wird Steiner immer aktuell bleiben, weil er wesentliches erkannt hat und immer gefordert hat, seine Lehre in die Gegenwart zu stellen und den Mensch, das Kind in den Mittelpunkt. Das ist es was zählt, die Orientierung am Kind. Ergebnisorientiertheit hat nichts mit Entwicklung zu tun (sich entwickeln = sich auswickeln, die eigenen Fähigkeiten finden und ausbilden).

    2 Leserempfehlungen
    • Crest
    • 12. Juli 2007 15:51 Uhr

    (Stephen Hawking wird mir die literarische Anleihe hoffentlich verzeihen, die ich mit der Wahl des Titels bei ihm genommen habe.)

    Um es kurz und undiplomatisch zu formulieren: Die Ansichten und Vorstellungen von Rudolf Steiner liegen nicht auf der Linie dessen, was wir heute wissen (und auch schon zu seiner Zeit gewusst haben).

    Schlimmer noch: die in der belebten und unbelebten Natur ablaufenden Prozesse und Pänomene sind von ihm und seinen Epigonen in einer Sprache verfasst, dessen Begrifflichkeiten jede semantische Disziplin vermissen lassen. (M.a.W. den benutzten Begriffen fehlt jede operationelle Festlegung: man kann nicht wirklich wissen, was damit gemeint ist.)

    Als wir einmal vor der Entscheidung gestanden hatten, eines unserer Kinder auf eine Waldorfschule zu schicken, waren wir uns deshalb einig: das ist nicht die Ideenwelt, denen wir unser Kind aussetzen wollten.

    Ich will nicht ausschließen, dass an Waldorfschulen sinnvolle Arbeit geleistet werden kann. Falls und wenn immer dies der Fall sein sollte, dann geschieht dies trotz und nicht auf Grund der Steinerschen Philosophie.

    Auf einen im Interview erwähnten Aspekt möchte ich abschließend konkret eingehen: Die Schaltalgebra ist bezogen auf den Computer so elementar, dass deren Verständnis (fast) nichts zum Verständnis der Funktionsweise eines modernen Rechners beiträgt. Der gesamte Managementaspekt, die Betriebssysteme, die Strukturierung der Algorithmen durch die Konzepte der höheren Programmiersprachen u.v.v.m. werden dadurch gar nicht erfasst.

    Darf man also sagen, hier sind Dilettanten am Werk (oder muss man sich fragen: Wo kämen wir hin, wenn wir Mist als Mist und Murks als Murks bezeichneten)?

    Herzlichst Crest