Vor einigen Jahren in einem Münchner Techno-Club, zwei Uhr nachts: Der Resident DJ macht dem reisenden DJ Platz, der allerdings heute kein DJ ist und auch nicht an die Plattenteller tritt, sondern daneben sein Old-School-Instrumentarium (analoger Sampler, Drum Machine, Effektgeräte, rudimentäres Mischpult) aufgebaut hat. Wirft seine Maschinen an, lässt sie zunächst im klassischen Chicago-House-Stil loslaufen. Die Botschaft dieser Musik: Jack your body. Und also jacken die Tänzer, bis Jamal Moss, Künstlername Hieroglyphic Being, seinen Verzerrer dazuschaltet, Wände aus Lärm errichtet, die synthetischen afrikanischen Rhythmen ins Stolpern geraten lässt. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die Tanzenden nach und nach dem Künstler zuwandten und so eine quasi konzertante Situation im Club entstand, da die Menge vom exzessiven Tanzen zum zwangsläufig aufmerksamen, mitunter durchaus verstörten Zuhören überging. Einer, der sich um etwas betrogen fühlte, riss an meinem Ärmel und brüllte entrüstet in mein Ohr, so etwas könne man doch nicht machen. (Wo war die Eins abgeblieben?) BILD

Jamal Moss schickte akustische Patterns durch den Raum, die an die optischen Täuschungen der Surrealisten erinnerten. In sich gekehrt, stand er in seinem bodenlangen schwarzen Mantel in der Hitze der Nacht, die langen Dreads vor seinem tiefschwarzen, liebenswürdigen Gesicht. Ich glaube, es waren Fahrradhandschuhe, auf jeden Fall schwarze, mit denen er seine Regler bediente.

Im Gegensatz zu jener aus New York oder New Jersey, besaß Chicagos House Music von Anfang an (seit den mittleren 1980er Jahren) eine sehr abstrakte Qualität. Und was uns Jamal Moss hier sandte, waren afro-futuristische Botschaften, wie wir sie von Sun Ras intergalaktischen Arkestras, George Clintons P-Funk-Formationen, Lee Perrys Weltentwürfen in Dub oder Mike Banks’ Underground Resistance her kennen: Wenn wir auf dem Boden Amerikas keine Bürgerrechte erhalten, müssen wir uns als Außerirdische definieren.

Stärker noch als in Hieroglyphic Being knüpft Jamal Moss mit seinem zweiten Pseudonym, The Sun God, bei Sun Ra an. Fantastische Schallplatten, vor allem auf den eigenen Labels Mathematics und Jack-FM, auf Spectral und auch Klang.