Klassiker der Moderne (50): Gottes Plattenteller
Pierre Schaeffer brachte 1948 Geräusche und Tonbandschnipsel in die Musik. Seine "musique concrète" inspiriert noch heute die Turntabler und Laptop-Frickler.
Der durchdringende Ton einer Dampflokomotive pfeift 1948 ein neues Kapitel der Moderne ein: Etude aux chemins de fer – Etüde über die Eisenbahn von Pierre Schaeffer. Der Franzose öffnet seine Ohren für die Klänge des realen Lebens und nimmt Geräusche als kompositorisches Material ernst. Natürlich hat die Nachtigall, haben Meeresbrandung oder Schlachtenlärm die Fantasie der Komponisten von jeher fasziniert, aber stets versuchten sie das Gehörte auf Instrumenten nachzuahmen, authentische, »konkrete« Geräusche blieben tabu.
Schaeffer, 1910 in Nancy geboren und 1995 gestorben, formte mit den Geräuschen in seiner Eisenbahn- Etüde (eine der Cinq études de bruits ) ein vollgültiges Stück Musik: Nach acht Takten Abfahrt (mit Pfiff) ertönt das Accelerando einer Solo-Lokomotive, dann das Tutti der ruckelnden Waggons in variablen Rhythmen und wiederkehrenden, kontrapunktisch verarbeiteten Motiven und schließlich ein Finale aus Pufferstößen. Aus den Geräusch-Etüden entwickelte Schaeffer, der sich bald mit Pierre Henry, dem Meister des wohltemperierten Mikrofons (wie eine Komposition betitelt wurde) zusammentat, größere Zyklen wie die »Oper für Blinde«, Symphonie pour un homme seul, die den Alltagskampf des einsamen Menschen thematisiert, oder das lyrische Spektakel Orphée 53, das in Donaueschingen die Musikkritiker erschreckte.
Immer ließ er entlegene Klangwelten surreal aufeinandertreffen, die Stimme eines Schauspielers, unterbrochen von dem Husten des Scriptgirls, »auf einen anderen Plattenteller lege ich den ruhigen Rhythmus eines biederen Schleppkahns; dann auf zwei weitere Teller, was mir gerade unter die Hand kommt: eine amerikanische Akkordeon- oder Harmonika-Platte und eine Platte aus Bali. Der Kanalschlepper aus Frankreich, die amerikanische Harmonika, die Priester aus Bali und das eintönige Sur tes lèvres gehorchen auf wunderbare Weise dem Gott der Plattenteller.«
Zunächst standen dem uneingeschränkten Gebrauch von »konkreten Klängen« technologische Beschränkungen gegenüber. Heute ist jedes Handy ein Aufnahmegerät, ein Sampler, damals waren die Tonbänder so sperrig, dass es fast genauso schwierig war, eine Lokomotive ins Studio zu bringen wie ein Tonband zum Bahnhof. Die Situation wurde rasch besser, aber zunächst konnte Schaeffer nur mit Plattenspielern arbeiten, nach dem Prinzip der »geschlossenen Rille«, nichts anderes als ein Loop, wie er heute millionenfach in der Techno- und House-Musik seine Kreise zieht. Schnitte und Montagen waren nicht möglich, und so mussten drei bis vier Plattenspielerspieler eine Komposition aufführen: Die ganze frühe musique concrète war nichts anderes als praktiziertes DeeJaying. Nicht zufällig haben sie die Turntabler und Laptopfrickler unserer Tage für sich entdeckt und remixt – und so neue Gefilde im Zauberland der Geräusche aufgetan.
Pierre Schaeffer: L’Œuvre Musicale, EMF CD 010/Musidisc 292572, 3 CDs








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren